Kurssystem: Rektorenchef befürchtet Interessensverengung

24.03.2011 | 13:18 |   (DiePresse.com)

Der Plan der Regierung, an Oberstufen ein Kurssystem einzuführen, stößt auf Reaktionen von "sehr gut" bis "Schrotschießen im Dunkeln". Wie das neue System genau aussehen soll, ist aber noch unklar.

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Auf unterschiedliche Resonanz stößt der Plan der Regierung, auch in Österreich an AHS-Oberstufen und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) ein Kurssystem einzuführen. Günter Haider vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) begrüßte den Plan. Schüler könnten sich auf ihre Interessen und Begabungen konzentrieren; den Lehrern biete der Unterricht dann mehr Möglichkeiten und mehr Spaß. Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Uni Wien warnte vor überzogenen Erwartungen. Auf die Leistung, die Abschlusswahrscheinlichkeit oder den Bildungsverlauf der Schüler habe das System "keinen eindeutigen Effekt".

Wie das das Kurssystem, dessen Einführung ab 2012 die Regierung diese Woche beschlossen hat, konkret aussehen soll, ist ohnedies noch nicht klar. Details müssten noch geklärt werden, hieß es aus dem Büro von VP-Bildungssprecher Werner Amon. So weit, wie die derzeitigen Schulversuche zur Modularen Oberstufe soll es offenbar nicht gehen.

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Sünkel: "Gegen Verengung von Interessen"

Der Präsident der Universitätenkonferenz, Hans Sünkel, warnt vor einer Modularisierung. "Ich bin prinzipiell gegen jede Verengung von Interessen", spricht sich dagegen Rektoren-Chef Sünkel dezidiert gegen eine Modularisierung aus. In unserer komplizierten Welt müsse interdisziplinär gearbeitet werden, um Probleme lösen zu können.

"Dafür braucht man aber eine gemeinsame intellektuelle Basis, und die bedingt eine gemeinsame Bildung, die sich auf die wesentlichen breiten Inhalte konzentriert", so Sünkel. Ganz wenige Fächer sollten an der Uni als Aufnahmekriterien gelten, etwa wie in China, wo ein Numerus Clausus in den Fächern Mathematik, Englisch und Chinesisch gelte.

Bifie-Chef begrüßt Modulsystem

Bifie-Chef Haider dagegen begrüßt das System. Es sei "gut für Schüler und für Lehrer". Schüler könnten sich auf ihre Interessen und Begabungen konzentrieren, und auch den Lehrern würde das Unterrichten in Gruppen, die freiwillig einen Kurs besuchen, mehr Möglichkeiten geben und mehr Spaß machen, meint Haider. Indem nur negativ absolvierte Module wiederholt werden müssen, werde auch verhindert, dass Jugendliche wegen Schwächen in einzelnen Fächern ein ganzes Schuljahr verlieren.

Ein Kurssystem biete bei einer Variante mit Grund-, Fortgeschrittenen- und Leistungskursen auch die Möglichkeit, stärker zu differenzieren. Denn, so fragt Haider, "muss jemand in Mathematik das selbe Level erreichen, egal ob er danach im Kindergarten arbeiten will oder eine HTL besucht?"

Schulversuche "sehr gut"

Die derzeit vor allem an AHS laufenden Schulversuche zur modularen Oberstufe bewertet Haider "an sich sehr gut". Wissenschaftliche Studien dazu gibt es in Österreich allerdings nicht. Von einer Ausweitung auf alle AHS-Oberstufen und BMHS erwartet Haider keine Probleme. Das System müsse zwar an regionale Gegebenheiten angepasst werden, er rechne aber nicht damit, dass ein Kurssystem personalintensiver wäre.

Ein Zeugnis, in dem zusätzlich zu den Noten auch das jeweilige Leistungsniveau angegeben wird, könne außerdem besser zeigen, wo die Stärken der Schüler liegen. Dadurch entstünde auch die Möglichkeit dass die "Abnehmer" (Unis, Fachhochschulen, Arbeitgeber) sagen, welche Anforderungen für die Aufnahme gelten.

Hopmann: "Schrotschießen im Dunkeln"

Bildungsforscher Hopmann vergleicht die Umstellung auf ein Kurssystem wiederum als "Schrotschießen im Dunkeln". Er warnt vor überzogenen Erwartungen. Wie alle Eingriffe in die Organisationsform von Schule habe sie "keinen eindeutigen Effekt auf die Leistungsentwicklung, die Abschlusswahrscheinlichkeit oder den Bildungsverlauf der Schüler".

Hopmann betont, dass er weder für noch gegen die Umstellung auf ein Kurssystem sei. Immerhin hätten auch Jahrgangsklassen den Nachteil, dass sie davon ausgehen, dass sich alle Schüler gleichmäßig entwickeln. Und Schüler würden sich im Kurssystem laut Studien selbstständiger, verantwortungsbewusster und entscheidungsfreier fühlen.

Aber auch der Unterricht in Modulen könne negative Effekte haben. "Wenn alle Fächer sich als Hauptfächer gerieren, ist das der Overkill", so Hopmann. Die Spezialisierung könne zu einer falschen Akademisierung führen, wodurch Selektionsprozesse früher und stärker greifen. So habe nach der Umstellung auf Kurssystem in Norwegen 1992 der Dropout unter Schülern zugenommen.

Gute Schüler profitieren

Während gute Schüler mit klaren Interessen von dem System profitieren würden und mehr Platz zum Austoben haben, stelle es jene vor Probleme, die noch nicht genau wissen wo ihre Interessen und Stärken liegen. Dabei stelle sich laut Hopmann auch die grundsätzliche Frage, ob Schule die Aufgabe habe, so viel Wissen wie möglich zu vermitteln oder aber das nötige Wissen, um wie Welt zu verstehen.

Auch das Abschaffen des Sitzenbleibens sei kein Argument für das Kurssystem. Dieses sei nämlich nicht an ein Kurssystem gebunden, betont Hopmann. Klassenwiederholungen hätten laut empirischen Befunden eindeutig keinen Sinn.

(APA)

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12 Kommentare

Was Haider vergesessen hat...

Eigentlich müßte er sagen: "die von UNS, dem BIFIE,
durchgeführte oder in Auftrga gegebene Überprüfung des modularen Kurssystems " läuft sehr gut".
Warum erinnet mich das bloß so an die Feststellung: "Die von TEPCO durchgeführten Inspektionen der Sicherheitsvorkehrungen der AKWS vor dem Tsunamie lieferte keine Mängel...", warum nur?
Früher hieß eine alte Bauernregel: "Jeder Greißler lobt sei Woar-net wohr!"Hopmanns Vergleich mit dem Schrotschießen im Dunkeln trifft den Nagel auf den Kopf, nur könnte man ihn mit ein bißchen Phantasie noch ausbauen!

und sowas ist bildungsforscher?!

haider: "muss jemand in Mathematik das selbe Level erreichen, egal ob er danach im Kindergarten arbeiten will oder eine HTL besucht?"
dem sollte mal wer sagen dass eine htl bereits in die kategorie der höhren schulen fällt und somit keiner nach dem besuch einer ahs/bhs/bms eine htl besucht.

Re: und sowas ist bildungsforscher?!

der haider hat auf grund seiner aussagen einen zu hohen level erreicht.

Gast: Univ.-Prof. Dr. Günther Jontes, Graz
25.03.2011 09:15
0

Umgang mit Höchstqualifizierten

Wie man mit den geistigen Resourcen umgeht, kann ich - Jahrgang 1939 - am eigenen Beispiel erläutern. Als Externer lehre ich seit mehr als 30Jahren am Institut für Volkskunde undd Kulturanthropologie der Uni Graz. Seit 1983 bin ich für das gesamte Fach habilitiert. Mein Lehrauftrag bringt mir im Monat E 340.- (!), von denen mir die Steuern die Hälfte wegfressen. Mir bleibt gerade das Geld für die Monatskarte der ÖBB. Weit über hundert Studenten haben über mich und meine Betreuung Diplom und Doktortitel erwroben und auch jetzt betreue ich noch mehr als ein Dutzend. Letzte Verordnung der Fakultät: Alle über 70jährigen bekommen mein Honorar mehr, d ü r f e n aber weiterlehren. Ich stehen vor dem Dilemma, alles hinzuschmeissen oder meine engagierten und eifrigen Studenten im Stich zu lassen. Grund der Aktion: Einsparungen.

Haider versus Hopmann

Bildungsforscher:
Haider: Die Erprobung der modularen Oberstufe läuft sehr gut, obwohl sie gar nicht wissenschaftlich evaluiert ist.
Woher nimmt denn dann der PISA-Haider überhaupt seine "Weisheit" über den sehr guten Verlauf dieser Schulversuche?

Eine ist sowieso klar: Als BIFIE-Chef ist Haider von der Ministerin abhängig und muss auf jeden Fall alles gutheißen, was sie so ausbrütet.

Dass der ganze Spaß wieder einmal eine plakative Ankündigung des BMUKK ist, wie schon so viele, ist eine ganz andere Sache.

Was interessant ist, ist eigentlich die Tatsache, dass man aktuell überhaupt nicht weiß, wie dieses Modulsystem laufen soll und wie es mit der neuen (ebenfalls völlig unüberlegt eingeführten) Zentralmatura kompatibel sein soll.
DENN:
Wie soll jeder Schüler seine Module individuell auswählen können, wenn dann die Matura für jeden absolut gleich ist?

Oder frei nach Helmut Qualtinger selig:
"Ich weiß zwar nicht, wo ich hinfahre, Hauptsache ich bin schneller dort!"

Fazit: Ich halte Herrn Hopmann eher für kompetent als den Herrn Haider, punktum.


Gast: Lehr.In
24.03.2011 21:18
0

die Welt verstehen

"... die grundsätzliche Frage, ob Schule die Aufgabe habe, so viel Wissen wie möglich zu vermitteln oder aber das nötige Wissen, um wie Welt zu verstehen..."

Wie vermessen! Stellen sich doch die größten Wissenschaftler und Philosophen seit Jahrtausenden genau diese Frage. (Und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen...) Schule kann unter optimalen Voraussetzungen maximal das nötige Wissen vermitteln, sich im Lebensumfelt zurechtzufinden und den Berufs-Alltag eines mündigen Erwachsenen zu meistern.


Da reformieren die üblichen Parteibuch-Ignoranten herum!


Gast: Oberstudienrat
24.03.2011 12:46
1

Zwei Fragen

Ich verstehe das nicht: Was wird dann bei der Zentralmatura in Mathematik geprüft - das Wissen aus dem Grunkurs, dem Spezialkurs oder dem Leistungskurs?

Und dass Schülerinnen freiwillig die Kurse machen und daher motivierter sind glaube ich nicht. Denn der Mathematik-Grundkurs wird wohl für alle verpflichtend sein und nach meiner Erfahrung schafft bei vielen nur die Abwahl von "harten" Fächern wie Mathematik, Deutsch und der ersten lebenden Fremdsprache zugunsten von "weichen" für ausreichende Zufriedenheit.

Antworten Gast: Insider1
25.03.2011 20:22
0

Re: Zwei Fragen

Bei der Zentralmatura in Mathematik werden die Grundkompetenzen abgeprüft - also jene kleine Teilmenge der Kompetenzen, die ein Schüler/eine Schülerin erlernen soll, die
a) in geeigneter Weise zentral abprüfbar sind und
b) unabhängig von Stärke, Schwäche, Bildungsferne oder -nähe der Schule über ganz Österreich einheitlich vorausgesetzt werden können.
Ein weiteres Problem ist dabei noch das neue Frageformat, das ob seiner Ungewohntheit mit dazu beiträgt, dass es ziemlich schlechte Ergebnisse bei den Probetestungen gibt.

Re: Re: Zwei Fragen

Sie heißen zwar Grundkompetenzen - decken aber fast den kompletten Oberstufenstoff ab. Die Idee ist die folgende: Zu den "Grundkompetenzen" aus der 5.Klasse kommen viel mehr Fragen als zu denen der 8. - somit sollen alle die Zentralmatura bestehen können, der Schüler, der seine M-Kenntnisse mehr vertieft hat (also länger Mathe hatte), schneidet aber automatisch besser ab. Inwieweit das überhaupt funktionieren kann (s. Probetestungen), hängt imho nicht nur vom Frageformat ab - aber da aus rein politischen Überlegungen die Probephase verkürzt wurde (die Endergebnisse der Pilotphase liegen dann etwa ein Jahr vorm ersten Zentralmaturatermin vor...), brauchen wir auf die Beantwortung dieser Frage nicht mehr allzu lange warten...

Re: Zwei Fragen

Es wird wohl kaum möglich sein, alles beliebig abzuwählen und nur noch Turnen und Religion zu besuchen.

Gast: 1. Parteiloser
24.03.2011 12:27
0

Die sind sich noch nicht klar wie die Massendebbenproduktion perfektioniert werden kann!

Es braucht noch Lösungen um auch einen schnelleren Erfolg bei der Produktion der Analphabeten zu bekommen. 1/4 ist lange nicht genug, es müssen mindestens 3/4 werden. Die Experten können aber noch genau sagen wie das auch geschafft werden kann.

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