Übertriebener Wirbel um Türkisch als Maturafach

14 verschiedene Fremdsprachen sind bereits im Lehrplan verankert. Bei keiner anderen gab es derartigen Widerstand wie bei Türkisch. Woher die Aufregung rührt.

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(c) Clemens Fabry

Englisch, Französisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Polnisch haben eines gemeinsam: Sie gehören zu jenen 14 Sprachen, die im Lehrplan der allgemein bildenden höheren Schulen (AHS) verankert sind und somit als zweite lebende Fremdsprache angeboten werden können. In diesen Sprachen kann also auch eine Matura abgelegt werden. Eine Möglichkeit, die das Regelschulwesen für Türkisch bislang noch nicht bietet. Die Pläne des Unterrichtsministeriums, das künftig zu ändern, stießen in den letzten Tagen auf heftigen Widerstand. Die Verankerung keiner anderen zweiten lebenden Fremdsprache sorgte für derartige Reaktionen.

Bei den bisher im Lehrplan enthaltenen Sprachen handelt es sich zum Teil um Weltsprachen wie Englisch, Französisch und Spanisch, um Nachbarsprachen wie Italienisch und um Minderheitensprachen, die Österreich durch internationale Verpflichtungen in den Lehrplan aufnehmen muss, wie etwa Kroatisch oder Slowenisch. Zum Teil seien die Sprachen aber auch deshalb in den AHS-Lehrplan aufgenommen worden, da im jeweiligen Partnerland ebenfalls Deutsch unterrichtet wird, heißt es aus dem Unterrichtsministerium. Bosnisch/Kroatisch/Serbisch sei Teil des Lehrplans, da die Community aktiv wurde.

 

Problem: Das niedrige Prestige der Sprache

„Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gibt es kein rationales Argument, nicht auch Türkisch in den Lehrplan aufzunehmen“, sagt Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia von der Uni Wien. Es gibt nur wenige Sprachen, die von so vielen Menschen gesprochen werden – immerhin zwischen 80 und 90 Millionen. Hinzu kommt, dass die Sprache auch aus wirtschaftlicher Sicht immer wichtiger wird. Jenen, die in der türkischen Sprache sattelfest sind, erschließt sich ein ganz neuer Wirtschaftsraum. Die Aufregung um Türkisch als Maturafach sei eindeutig auf das niedrige Prestige der Sprache und der türkischstämmigen Bevölkerung zurückzuführen, sagt de Cillia. Dass die türkische Bevölkerung in der österreichischen Gesellschaft ein schlechtes Standing hat, zeige sich nicht nur im öffentlichen Diskurs, sondern werde auch durch Forschungsergebnisse belegt. Von keiner anderen Bevölkerungsgruppe versuchen sich die Österreicher mehr abzugrenzen wie von den Türken.

Gleichzeitig wird diesen aber vorgeworfen, Parallelgesellschaften zu bilden. Das ist auch im Zusammenhang mit der Diskussion um die Einführung von Türkisch als Maturafach eine (vor allem von FPÖ und BZÖ) geäußerte Befürchtung. Und tatsächlich ist es enorm wichtig, diesem Vorbehalt entgegenzutreten. Türkisch als zweite lebende Fremdsprache sollte nicht nur als Angebot für Migranten der zweiten und dritten Generation gesehen werden, die zwar Türkisch sprechen, aber oft nicht mehr schreiben und lesen können. Es sollte nicht bloß eine Erleichterung oder ein vertieftes Muttersprachentraining für türkischstämmige Schüler sein, sondern auch von den österreichischen Schülern als Fremdsprache angenommen werden.

Das von den Befürwortern angeführte Argument, dass die Verankerung von Türkisch im Lehrplan auch einen positiven Effekt auf die Integration habe, gilt allerdings auch nur bedingt. Denn die bisher diskutierten Maßnahmen gelten lediglich für die AHS-Oberstufe. Bis dahin schaffen es nur verhältnismäßig wenige Migranten. Obwohl es derzeit an Österreichs Schulen 4,7 Prozent, also fast 55.000 Kinder und Jugendliche mit türkischer Muttersprache gibt, besuchen nur 5000 Schüler (2,2 Prozent) die Oberstufe maturaführender Schulen.

 

Hauptschule: Türkisch ist bereits möglich

An den Hauptschulen ist Türkisch als Fremdsprache schon lange möglich. Elf lebende Fremdsprachen werden seit 1999 im Hauptschullehrplan angeführt – unter anderem auch Türkisch. Tatsächlich unterrichtet wird es allerdings nur an wenigen Sprachenhauptschulen (als verbindliche Fremdsprache neben Englisch). Eine großflächige Umsetzung scheitert unter anderem daran, dass Lehrer fehlen – denn genauso wenig wie die Unis bildet auch keine einzige pädagogische Hochschule in Österreich Türkischlehrer aus. Hauptschulen wie jene in der Wiener Neustiftgasse greifen für das Fach Türkisch deshalb auf Muttersprachenlehrer zurück. Angenommen wird das Angebot (wohl auch deshalb) hauptsächlich von türkischstämmigen Schülern, heißt es aus dem Stadtschulrat.

Während Türkisch als Maturafach hierzulande heiß diskutiert wird, zeigt sich die Türkei diesbezüglich übrigens offener. Dort kann Deutsch sogar als erste Fremdsprache gewählt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2011)

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