Karas für Androsch: "Alle Parteien müssen sich öffnen"

30.10.2011 | 16:55 |  Von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

Der ÖVP-Abgeordnete Othmar Karas unterstützt das Bildungsvolksbegehren als Anstoß für eine Debatte. Das Bildungsthema sei viel zu sehr auf Budgets und Strukturen reduziert.

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Die Presse: Mit Ihrer Unterstützung für das Bildungsvolksbegehren stehen Sie innerhalb der ÖVP relativ allein da. Warum unterstützen Sie die Initiative?

Othmar Karas: Es geht ja nicht immer um die Parteien, es geht um Themen. Mein Zugang zu der Initiative ist ein dreifacher: Ich will Österreich zum Bildungsstandort Nummer eins in Europa machen, ich will Bildung europäisieren, und ich will das Volksbegehren dazu nutzen, um die bildungspolitische Debatte zu intensivieren. Ich teile nicht jeden einzelnen Aspekt des Inhalts, aber es ist in diesem Land dringend geboten, dass wir die Themen der Zukunft zum Thema machen. Bildung ist eines davon. Und das Volksbegehren ist eine Möglichkeit, für das, was zu geschehen hat, Öffentlichkeit zu schaffen.


Es geht Ihnen also gar nicht so sehr um die Forderungen, die das Volksbegehren stellt?


Auch der Industriellenvereinigung passt nicht jeder Punkt. Aber was vereint die, die das Begehren unterstützen? Nicht der Text, sondern die Initiative. Der Text geht aber in die richtige Richtung: Leistungsdifferenzierung, Benchmarks in Europa einhalten.


Der Text geht auch in Richtung Gesamtschule. Ihre Partei ist strikt dagegen. Haben Sie damit kein Problem?


Das ist einer der umstrittensten Punkte. Ich orientiere mich nicht primär an der Struktur, sondern am Inhalt. Die erste Frage muss sein: Was lehren wir, wie lehren wir es? Und dann kann man fragen: Wo lehren wir es?


Viele lehnen das Volksbegehren ausgerechnet wegen dieser einen Forderung ab.


Die Forderung nach der leistungsdifferenzierten Gesamtschule hat viel Widerstand, aber ich würde das Begehren nicht darauf reduzieren. Und außerdem: Das Volksbegehren ist ja kein Gesetz. Es ist vielmehr ein Anstoß, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen. Beim Thema der Gesamtschule ist das nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch eine der Leistungsdifferenzierung. Wie diese aussieht, entscheidet über alles andere.


Abgesehen davon Frage lautet die Kritik oft: Die Forderungen sind zu breit, zu schwammig.

Ich teile die Kritik. Die Frage ist aber, führt diese Kritik dazu, dass man die Initiative ablehnt, oder dazu, dass man sagt: Das, was wir am dringendsten brauchen, ist die Bildungsoffensive, wir versuchen, jeden Strohhalm zu ergreifen, der die Debatte öffentlicher macht? Darum geht es nämlich: Wir haben keine Bildungsdebatte. Wir haben Strukturdebatten, parteipolitische Debatten. Und ich meine, dass es wert ist, jede zivilgesellschaftliche Initiative zu unterstützen, die die richtigen Themen mit der richtigen Zielsetzung ergreift.


Mit dem Volksbegehren ist es aber nicht getan.

Das Volksbegehren wird die Bildungspolitik nicht verändern. Die Frage ist, wie reagiert die Politik auf die Initiativen von Bürgern und auf diesen Aufschrei, der dahintersteht. Die Politiker, also meine Berufsklasse, müssen das Volksbegehren so wie ich als Chance nützen, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und die Menschen, die sich hier engagieren, zu Beteiligten einer Reformbewegung zu machen.


Versteht man Sie jetzt falsch, wenn man sagt: Das klingt etwas frustriert?


Das bin ich nicht. Ich fühle mich als Politiker und als Bürger mitverantwortlich dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Und ich habe nie den Status quo gegenüber der notwendigen Veränderung verteidigt. Ich habe meine politische Laufbahn eigentlich mit der Bildungspolitik begonnen, ich komme selbst aus einer Lehrerfamilie: Ich weiß, was hier geleistet wird. Und ich weiß auch, dass wir seit dreißig Jahren die gleichen Themen diskutieren, wenn es um Bildung geht.


Wo hakt es Ihrer Meinung nach am meisten?

Das Bildungsthema ist viel zu sehr auf Budgets und auf Strukturen reduziert. Das ist falsch. Das sind zwar wichtige Teilaspekte, wir sollten aber einmal einen Schwenk machen und uns auf die Inhalte konzentrieren, auf die Methodik und auf die Spielräume, die nichts kosten.


Sie haben parteipolitische Debatten angesprochen. Wo könnte sich Ihre Partei bewegen?


Die Fragestellung allein zeigt schon, dass alles in unserem Land auf Parteien reduziert wird. Der Punkt ist: Alle politischen Parteien müssen sich öffnen. Im Dialog mit dem Bürger und in der Debatte um die Themen.



Die "Presse" sprach auch mit Androsch-Kritiker Günter Schmid, Chef der Plattform "Leistung & Vielfalt". Er kritisiert die implizite Forderung nach der Gesamtschule. Lesen Sie hier das Interview.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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13 Kommentare

inkompetent

herr karas, es wird sie nicht stören, aber ohne dieses sinnlose geplapper in einer sache, die sie eigentlich gar nicht betrifft, wäre es vielleicht möglich gewesen, bei europawahlen ihre partei zu wählen, so aber vergeben sie sich und der övp eine chance.
macht nichts, sie haben ohnehin längst eine niederlage verdient, und die partei sowieso.

Wann verschont die Presse und endlich

vor diesem nichtssagenden Trottel!

Gast: wesentlichus
02.11.2011 14:37
1

entschdieden

das wesentlichste wird immer wieder und auch hier verschwiegen: Bildung kostet Geld!
Nichts ist teurer als Bildung, außer Dummheit!!!!

Gast: gultip
31.10.2011 15:54
1

vielleicht sollte man es wieder so machen, wie anno

dazumal als Österreichs Nobelpreisträger zur Schule gingen und es nicht ein unqualifizierter Massenbetrieb war.

Gast: Yvonne O
30.10.2011 23:23
8

Lieber Herr Karas, sie haben sich schon lange nicht mehr im österreichischen staatlichen Pflichtschulwesen umgesehen, oder?

Natürlich brauchen wir eine SPÖ-Einheits-Gesamtschule für alle.

Wie toll das funktioniert zeigt ja das Gesamtschulmodell namens "Volksschule", in dem unsere Kinder mittlerweile nicht mal mehr das Lesen lernen.

Also dann: ausweiten auf alle 6 bis 14-jährigen, damit auch die wenigen Lernwilligen von den frustrierten bildungsfernen Nichtdeutschsprechern behindert und gemobbt werden können. Wäre ja noch schöner wenn sich diese Strebertypen in eine andere Leistungsgruppe oder gar in ein Gymnasium flüchten könnten.

***

Seit 40 Jahren haben jetzt linke Bildungspolitiker unser Schulsystem verhunzt, eine leistungslose Kuschelpädagogik für frustintolerante Kotzbrocken etabliert, aus den Lehrern unmotivierte Kasperl gemacht, die nur mehr geringfügig im Klassenzimmer anzutreffen sind und den Lehrstoff auf Umweltschutz und böse N*zis reduziert.

Es ist an der Zeit ein streng differenzierendes, aber offenes, Schulsystem zu versuchen, in dem wieder grundlegende Kulturtechniken beigebracht werden.

Gast: 0815
30.10.2011 22:30
4

Scheinheiligkeit

Keinem Politiker geht es ehrlich um eine gute Bildungspolitik. Jede Regierungsform wünscht sich ein dummes, leicht maniupulierbares Volk, ein Stimmvieh, das nicht aufbegehrt und das Voranschreiten des Überwachungsstaates toleriert sowie bereits vorhandene tiefe Einschnitte in demokratische Grundrechte nicht realisiert. So läßt es sich leicht regieren und garantiert den Machterhalt.

Wie lange noch?

Egal, ob zum Thema Bildung oder EU: Karas vertritt genau das Gegenteil dessen, was ich will.

Re: Wie lange noch?

Sich vom parteipolitischen Meinungszwang zu entfernen und für eine breite Reform unseres Bildungssystems einzutreten - dafür gebührt Karas Respekt. Gesamtschule hin oder her, was es unter anderem braucht ist eine massive Neustrukturierung der Schulpläne, sodass Kinder nicht alle 50min mit neuen, voneinander vollkommen getrennten Inhalten (wie zB zuerst Geschichte, dann Mathematik, dann plötzlich Geografie...) konfrontiert werden. Ein modulares Kurssystem, in welchem der Fokus zB einen gesamten Vormittag auf ein bestimmtes Thema gerichtet ist, entspricht viel eher der Funktionsweise unseres Gehirns.
Und dies ist nur ein Beispiel der vielen notwendigen Neuerungen.

Re: Re: Wie lange noch?

themen bezogen ja, in höheren schulen. lernen heißt anfangs auch "drill" und nicht nur diskutieren.

Re: Re: Wie lange noch?

"...sodass Kinder nicht alle 50min mit neuen, voneinander getrennten Inhalten konfrontiert werden": das haben Sie ja beim Fernsehen auch, da würden Sie sich schön bedanken, wenn Sie sich den ganzen Tag "Ähnliches" anschauen müssten. Versuchen Sie mal, sich einen ganzen Vormittag lang mit Mathematik zu beschäftigen, nach spätestens 90 Minuten geben Sie w.o.

Und zur "massiven Neustrukturierung der Schulpläne" (was sind übrigens Schulpläne?): Sie haben vom Unterrichten ebensowenig Ahnung wie von der Funktionsweise des Gehirns.

Re: Re: Re: Wie lange noch?

Nun, dass Sie sich auf dieses Niveau begeben braucht mich ja nicht zu wundern. Dass etwa Mathematik allerdings auch anders unterrichtet werden kann und sich SchülerInnen sehr wohl länger als 50min auf ein Thema konzentrieren können, wenn die Rahmenbedingungen passen und man Ihnen gewisse Freiheiten lässt, das kann ich Ihnen aus langjähriger Erfahrung versichern.
Aber mit "Drill" wird es sicher nicht klappen.

Re: Re: Langjährige Erfahrung?

Was waren die härtesten drei Jahre in ihrem Leben? Die erste Klasse Volksschule? Dann verstehe ich ihre Aversion gegen Stundenpläne und ihr Drang nach "gewissen Freiheiten". Nur heißt es im SchUG "Leistungsbeurteilung" und nicht "Arbeitsbeurteilung". Und in der Leistung ist nun mal der Zeitfaktor integriert, dh: wer eine Arbeit in der Hälfte Zeit schafft, leistet auch doppelt so viel. Kapiert?

Re: Wie lange noch?

habens keinen Gartenzaun, der sie vom Rest der Welt abgrenzt?

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