Kritik an Sprachförderung: Deutsch allein ist zu wenig

Sprachwissenschaftler kritisieren die Konzentration auf die deutsche Sprache. Außerdem: Das Ziel, bei allen Kinder schon vor Schuleintritt unterrichtssprachliches Deutschniveau zu erreichen, sei nicht erfüllbar.

Kritik Sprachfoerderung Deutsch allein
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Kritik Sprachfoerderung Deutsch allein
(c) Clemens Fabry

Die Regierung feierte die Verlängerung der sprachlichen Frühförderung als Erfolg - nachdem lange nicht klar war, ob und von wem die Sprachförderung finanziert wird, stellt der Bund jährlich fünf Millionen Euro zur Verfügung, die von den Ländern verdoppelt werden sollen. Eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern ("Netzwerk Sprachenrechte") übt in ihrer Stellungnahme allerdings heftige Kritik an dem Gesetzesentwurf.

Hauptproblem: die Konzentration auf die deutsche Sprache. Sprachförderung würde in dem Gesetzesentwurf mit der Förderung von Deutschkenntnissen gleichgesetzt - obwohl es im Bildungsplan für die Kindergärten einen eigenen Punkt zu Zwei- und Mehrsprachigkeit gäbe. Laut Lehrplan für die Volksschule seien alle Sprachen der Kinder in den Unterricht einzubinden, außerdem sei muttersprachlicher Unterricht vorgesehen. "Warum also nicht schon Förderung oder zumindest Einbindung von Familiensprache(n) vor der Schule", fragt das Netzwerk Sprachenrechte.

"Völlig unrealistische Zielsetzung"

Der Plan von Kurz sieht vor, dass für die Jahre von 2012 bis 2014 jährlich vom Bund fünf Millionen Euro für die Sprachförderung von Kindern vor dem Schuleintritt bereitgestellt werden. Jeder Euro sollte dann von den Ländern verdoppelt werden, damit stünden pro Jahr bis zu zehn Millionen Euro bereit. Damit soll sichergestellt werden, dass Kinder mit den Eintritt in die Volksschule Deutsch als Unterrichtssprache möglichst beherrschen.

Das Netzwerk Sprachenrechte kritisiert das als "völlig unrealistische Zielsetzung": Das Ziel, bei allen Kinder schon vor Schuleintritt unterrichtssprachliches Deutschniveau zu erreichen, sei nicht erfüllbar. Es sei - im Gegenteil - davon auszugehen, dass es die Aufgabe der Volksschule sei, diejenigen Kinder, die in der Familie Dialekt oder eine andere Sprache als Deutsch sprechen, in den ersten Schuljahren an das bildungssprachliche Deutsch heranzuführen.

Der Gesetzesentwurf wecke die Illusion, den "Problemfall" mehrsprachiges Kind mit geringen Deutschkenntnissen "beseitigen" zu können, so das Netzwerk Sprachenrechte. Dabei sei wissenschaftlich erwiesen, dass Sprachförderung (sowohl des Deutschen als auch der Muttersprachen) ein mehrjähriger Prozess sei, der selbst nach der Volksschule nicht bei allen Kindern abgeschlossen sei.

Wie soll Sprache überprüft werden?

Nicht zuletzt kritisieren die Sprachwissenschaftler, dass nicht klar ist, wie der Spracherwerb überprüft werden soll: Normative Konzepte seien im Bereich der Sprachaneignung grundsätzlich ungeeignet, das gelte ganz besonders im Bereich der frühkindlichen Sprachförderung. Überhaupt bezweifle man, inwiefern das Innenministerium die notwendigen Kompetenzen zur Weiterentwicklung von Standards im Sinne von Sprachkompetenzmodellen aufweise. 

(beba)

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