Mathematik wird anders

19.02.2012 | 18:21 |  Lothar Bodingbauer, Lehrer (Die Presse)

Angesichts von Kompetenzorientierung und Zentralmatura wird Mathematik sozialer, kreativer und kommunikativer.

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Mathematik ist nach wie vor eines der „schärfsten“ Fächer in der Schule. Inhaltlich gibt es anspruchsvolle Themen, nicht alle haben Freude damit, und der Erfolg hängt neben der eigenen Anstrengung im besonderen Maße davon ab, wie gut die Lehrer dieses Fach unterrichten.

Spätestens mit der beginnenden Zentralmatura wird es spannend. Die Kompetenzen rücken in den Mittelpunkt: Vom bloßen Vorrechnen kehrt man ab und wendet sich dem Reden und Reflektieren zu, über das Thema, über die Methoden, und über die Zusammenhänge. Das Wichtigste ist die Auftrennung von Grundkompetenzen und Erweiterungskönnen. Wie im Eislauf die „Pflicht“ und dann die „Kür“. Wir erwarten von den Lernenden, dass sie die grundsätzlichen Rechnungsarten und mathematischen Konzepte fehlerfrei beherrschen. Das sind die einfachen Beispiele, die einfachen Zusammenhänge, das, was man als Handwerkszeug braucht. Vereinfacht gesagt: Das ergibt im idealen Fall ein Befriedigend. Ohne Diskussion.

Darauf aufbauend können Lehrer und Schüler gestalten. Je nach Interesse, Können und Schwerpunktsetzung kann gelehrt, gelernt und geprüft werden. Hier ist Platz für das Spannende, das Eigenartige, das fein Ausgearbeitete, das Spezielle. Der Raum für Gut und Sehr gut. Der kommunikative Aspekt des Lernens und des Tuns rückt in den Mittelpunkt. Wissenschaftler bestätigen übrigens, wie wichtig das ist. Schüler sollen mit Experten und Interessierten über das sprechen, was sie rechnen und entwickeln. Rechenfehler treten in den Hintergrund.

Auch der Unterricht wird sich verändern: Die Grundkompetenzen werden nach wie vor klassisch unterrichtet. Die Vernetzung, das Aufbauende jedoch, wird zunehmend von den Schülern selbst entwickelt. Denn nur sie können diese Zusammenhänge herstellen.

Die Mathematik wird mit dem Reden auch sozialer. Nicht mehr das fertige Beispiel ist das Ziel, sondern die Herausforderungen der Wege, die dorthin führen. Sozialer wird es auch für die Lehrer. Durch die verlässliche Koordinierung der Grundkompetenzen ergibt sich die Zusammenarbeit automatisch. Freundlich formuliert. Etwas strenger formuliert: Sie müssen zusammenarbeiten, und das ist gut so. Es gibt keine Einzelkämpfer mehr.

Mathematik ist nach wie vor ein Selektionsfach. Leider. Das können wir nicht verleugnen. Matura gibt es nur mit Mathematik, Matura bedeutet: Zugangsmöglichkeiten zu höherer Bildung. Mit den neuen Maßnahmen der Kompetenzorientierung wollen wir das Fach jedoch vom blanken Selektionsaspekt abrücken, um Platz zu schaffen für das, worum es geht: die Erweiterung des Könnens von der sachlich-analytischen hin zur kreativen und kommunikativen Ebene.

Mathematik ist die wunderschöne Kunst, mit Strukturen und Objekten umzugehen und die Realität und das Virtuelle zu gestalten.


E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)

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