Jugendliche in der Wohlstandsfalle

Die Überbehütung unserer Gesellschaft ist nicht der richtige Weg für junge Menschen, die sich selbst entwickeln sollen.

 

Rund 75.000 Jugendliche besuchen laut einer IHS-Studie keine Schule, gehen keiner Arbeit nach und befinden sich nicht in beruflicher Ausbildung. Härtere Strafen sollen das nun ändern.

Der Höhepunkt der Leistungsverweigerungsquote liegt zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr. Als Verweigernde sind hier jene gemeint, die aus einem System „herausfallen“, folglich nicht mehr dazugehören: Bereits wenige Wochen reichen, um mit dem Lernstoff nicht mehr klarzukommen. Es folgen Schuleschwänzen, schlechte Noten, Stress. Das ruft Eltern und Lehrpersonen auf den Plan mit gutem Zureden, Motivationsangeboten aller Art. Es folgen Nachhilfestunden – oft in der Höhe mehrerer Monatsgehälter – und schließlich der Schulwechsel. Oft sind es mehrere hintereinander (weil es sind ja immer die Lehrpersonen die falschen, die Eltern sowieso). Dazwischen Mediation, Coaching, Förderunterricht und Schulpsychologie. Viele Unterstützungsleistungen. Das Kind kommt nicht in Gang.

Schlussendlich – und da sind dann bereits zwei Jahre vergangen – der Schulabbruch. Das ist sehr oft im Alter von 17 Jahren der Fall. Reden, Androhen, Anbieten – nichts Wirkungsvolles dabei. Eine andere Lösung muss jetzt her: Lehre. Erstens kommt die Idee ein Jahr zu spät, zweitens sowieso nicht infrage. Für die Eltern nicht, fürs Kind erst recht nicht.

Die Leistungsbereitschaft der jungen Menschen verlegt sich dann logischerweise in die Abend- und Nachtstunden, Fortgehen bis zum Exzess. Hier kann man sich endlich wieder gut fühlen, kann zeigen, was man drauf hat, Alkohol- und Drogenexperimente sind da oft nicht weit weg. Und die Eltern? Es gibt welche, die verschlafen die Zeit und glauben ans Gute. Für die anderen gestaltet sich der Prozess zum Wahnsinn. Schlaflose Nächte, unendliche Sorgen. Mediation, Coaching, Beratung, Psychotherapie – diesmal für die Erwachsenen. Hier holt man sich Rat, wie man am besten durch diese Zeit der Respekt-, Macht- und Ratlosigkeit kommt. Damit es einem selbst besser geht! Die Eltern versuchen es dann mit Auto, eigener Wohnung und lebensnotwendigen Geldzuschüssen. Alle geben „das Beste“. Nur das Kind immer noch nicht.

Ehrlich gesagt: Kann ein junger Mensch – bei all der Unterstützung und übertriebenen Für- und Vorsorge überhaupt ins eigene Tun kommen? Die Überbehütung der Wohlstandsgesellschaft kann sich nämlich auch als Falle herausstellen: Antriebslosigkeit, Unter- und Überforderung, Orientierungslosigkeit, Leere!

Heranwachsende Menschen benötigen ein Umfeld, das Entwicklung möglich macht. Freude am Schaffen, Eigenverantwortung, Disziplin, Pflichtbewusstsein können erst wachsen, wenn nicht ständig alles abgenommen wird. Wenn die Politik nun mehr Klarheit schaffen möchte durch mehr Planung von pädagogischen und psychologischen Angeboten, strengere Regeln, härtere Sanktionen und Grenzziehungen, dann könnte das vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung sein. Nämlich junge Menschen ins „gesunde“ Tun zu bringen. Und deren Eltern gleich mit.

Zur Person:

Dr. Brigitte Trip ist Mitarbeiterin im Amt der Steiermärkischen Landesregierung.


E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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