Konflikte, Mobbing: Wenn die Schule zur Qual wird

Das Fernbleiben vom Unterricht kann auf viele Ursachen zurückgeführt werden. Bildungsforscherin Nairz-Wirth sieht Lehrer und Schulleitungen gefordert. Das Problem kündigt sich durch Warnsignale an.

Konflikte Mobbing Wenn Schule
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Symbolbild – (c) Dapd (Martin Oeser)

Wien. Schulangst, Mobbing, Push-out durch die Lehrperson, sonstige Schwierigkeiten und Konflikte: Das Fernbleiben vom Unterricht kann auf viele Ursachen zurückgeführt werden. „Man spricht über ein Symptom, will dieses bestrafen, schaut sich aber nicht die Ursachen des Phänomens an“, sagt WU-Professorin Erna Nairz-Wirth. Und dann, mit deutlicher Kritik an dem Vorstoß von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz, der eine Erhöhung der Strafen fordert: „Bestrafen ist das allerletzte Mittel, das kann sich ja kontraproduktiv auf die Lebensumstände auswirken.“ Kontraproduktiv dann, wenn Eltern oder Erziehungsberechtigte, die in finanziell miserablen Verhältnissen leben, die Wut über die Strafe an ihrem Kind auslassen.

Erna Nairz-Wirth befasst sich derzeit mit der Endredaktion eines Berichtes über das Schulschwänzen. Dabei wurden 101 Einzelfallstudien aus dem Ausland Interviews von österreichischen Schülern gegenübergestellt und schließlich insgesamt 59 Handlungsempfehlungen gegen das Schulschwänzen erstellt. Diese wird die Stadt Wien, die Auftraggeberin der Studie, schon in Kürze erhalten. Gesichert ist, dass sich ein späterer Schulabbruch schon durch vorangegangene Schulabsenzen abzeichnet. „Das hat sich bei 99 Prozent unserer Interviews mit Schulabbrechern ergeben“, sagt Nairz-Wirth.

Das Problem wird schon früh sichtbar, aber es gibt für Österreich kein Datenmaterial über das Schulschwänzen. „Es mangelt an Aufzeichnungen“, so die WU-Professorin. „In welchen Stunden wird geschwänzt, sind es Randstunden oder bestimmte Fächer oder sind es bestimmte Lehrpersonen? Sind es Absenzen von einzelnen Schülern oder von Gruppen?“ Zwar gibt es detaillierte Eintragungen in die Klassenbücher, aber vergleichende Auswertungen einer Schulleitung oder der Schulbehörde liegen bis heute nicht vor.

 

Lehrer muss sofort handeln

Das Problem kündigt sich durch Warnsignale an. Das Schwänzen beginnt meistens unauffällig mit dem stundenweisen Fernbleiben, dann weitet sich dies auf Tage und zuletzt auf längere Zeiträume aus. Die Lehrer bzw. die Schulleitung müssen beim ersten Anzeichen handeln und individuell auf die betroffene Person eingehen. Handelt es sich um eine besondere Müdigkeit, um eine Krankheit, Schulangst, Mobbing, um das Anschließen an eine gleichaltrige (schulschwänzende) Gruppe? Vor allem das Mobbing werde zu wenig berücksichtigt, sagt Nairz-Wirth. Da handelt es sich um das Ausschließen und Bloßstellen durch andere Schüler, manchmal auch um Mobbing der Lehrperson, oft unbewusst verursacht. Der Aufenthalt in der Schule kann zur Qual werden.

Die Schüler leiden unter dem Druck, der durch das Fernbleiben erzeugt wird. „Keiner ist stolz, dass er geschwänzt hat“, sagt die Studienautorin, „im Gegenteil: Es wird als große Belastung empfunden.“ Als Beispiel führt sie das Gespräch mit einer Schülerin an: Die Absenzen fliegen auf, sie wird zur Rede gestellt, das Lügengebäude bricht zusammen – damit aber auch der Stress, den die Schülerin empfunden hat. Nach dem reinigenden Gewitter hat sie erstmals wieder normal durchschlafen können.

Die WU-Professorin sieht zuallererst die Lehrperson und die Schulleitung gefordert. Eine bessere Schulkultur, eine Verhaltensvereinbarung, in der das Schwänzen angesprochen wird, führen zu einer besseren Bindung der Kinder an die Schule. Dort müssen sie sich wohlfühlen, das beginne bei der Gestaltung eines Klassenraumes und ende bei einem attraktiven Unterricht. Lehrer sehen sich oft als reine Pädagogen, die Wissen vermitteln, und nicht als Ansprechpartner für die Schüler auch in deren privaten Belangen. Und nicht zuletzt ist eine Professionalisierung des Verhältnisses von Schule und Elternhaus geboten.

Das Schulschwänzen beginnt in der fünften, sechsten Schulstufe. Und zwar quer durch alle Milieus, besonders aber bei Familien mit niedrigerem Bildungsstand und da bei Kindern mit Migrationshintergrund. Gastkommentar Seite 20

Auf einen Blick

Schulschwänzen. Erna Nairz-Wirth, Leiterin der Abteilung für Bildungswissenschaft an der WU Wien, befasst sich mit dem Problem der Schulabbrecher. Nach einer Studie der Uni Linz über Jugendliche, die weder eine Schule besuchen noch in die Lehre gehen, geht es in dem Bericht der WU-Professorin um (oft dem Abbruch vorangehende) Absenzen vom Unterricht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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