"Kindergärtnerinnen sind gierig nach Informationen"

01.03.2012 | 13:30 |  Von Theresa Aigner (DiePresse.com)

Frühkindpädagogik war im Rahmen des Bildungsvolksbegehrens Thema im Parlament. Expertin Manuela Macedonia kritisiert, dass die Qualität der Ausbildung bisher vernachlässigt wurde.

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Manuela Macedonia vom Max-Planck-Institut für Neuro- und Kognitionswissenschaften war am Donnerstag als Expertin zum Sonderausschuss zum Bildungsvolksbegehren im Parlament geladen. Im Interview mit DiePresse.com erklärt sie was ihre Beweggründe dafür sind, warum die frühe Pädagogik nicht einfach mitlaufen kann und warum sich die Pädagogik insgesamt den Neurowissenschaften stärker öffnen muss.

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Wurde der Bereich der frühkindlichen Pädagogik in Österreich bisher vernachlässigt?

Manuela Macedonia: Ja, das wurde er. Aber das ist kein österreichisches Phänomen, vielerorts denkt man - salopp ausgedrückt - die Frühpädagogik läuft einfach so mit. In diesen jungen Jahren befinden sich Kinder in ganz sensiblen Lebens- und Lernphasen. Eine äußerst professionelle Begleitung ist für ihre Entwicklung maßgeblich: Sie kann Talente fördern und Schwächen ausmerzen und somit die Weichen für ein Leben stellen. Eine Metapher die das veranschaulicht: Bei einem Computer haben Sie die Software und die Hardware, die Hardware bleibt immer gleich. Beim Menschen ist es so, dass wenn man einem jungen Gehirn eine sehr gute Software einbaut, verbessert sich auch die Hardware, sie wird leistungsfähiger. Das heißt frühkindliche Pädagogik ist extrem wichtig, um die optimale Gehirnentwicklung zu gewährleisten. Und das wird leider zu wenig berücksichtigt.

Welche Forderungen leiten Sie daraus ab?

Ich bin keine Politikerin, aber ich stelle mir das so vor, dass Kinder sehr bald die Möglichkeit haben sollten, in eine Bildungseinrichtung zu kommen. Mit drei Jahren ist das schon vorstellbar. Aber die KindergartenpädgagogInnen müssen besser ausgebildet sind als jetzt. Ich bin außerdem der Meinung: Egal um welche Pädagogen es sich handelt - sie alle müssten mehr Wissen über das Gehirn haben. Die Pädagogik insgesamt muss sich den Neurowissenschaften dringend stärker öffnen: PädagogInnen verändern durch ihre Wirkung das Gehirn von Kindern. Daher ist es unentbehrlich, dass sie wissen, wie Lernprozesse darin stattfinden, etwa welche Rolle Emotionen beim Lernen spielen.

Das heißt Sie fordern eine Ausbildung für Kindergarten- und Hortpädagoginnen auf akademsichen Niveau?

Absolut. Ich habe in den letzten Jahren viele Fortbidlungen gehalten und ich muss sagen, die interessantesten Fortbildungen waren für mich die mit den Frühkindpädagoginnen. Das sind unglaublich engagierte Leute. Sie sind gierig nach der Information, weil sie extrem bemüht um ihre Gruppe sind. Sie müssen aber auch von der Gesellschaft mehr Anerkennung bekommen und natürlich auch mehr Geld. Denn: Die Wirkung die sie mit ihrer Arbeit für die gesamte Gesellschaft haben, ist eine enorme. Ein dreijähriges Kind muss mit der größten Sorgfalt von bestens ausgebildeten Fachkräften begleitet werden. Und dafür müsste man eine andere Ausbildung machen und adäquat bezahlt werden.

Die Diskussion um den Spracherwerb im Kindergarten, dreht sich zu weiten Teilen um Kinder mit Migrationshintergrund. Ist dieser Fokus richtig?

Das ist viel zu kurz gegriffen. Es wäre absolut notwendig - und ich bin nicht die einzige die das vertritt, viele Forscher an unserem Insitut in Leipzig sprechen sich dafür aus - dass eine Zweitsprache für alle Kinder bereits im Kindergarten eingeführt wird. Und das in einem genügenden Ausmaß. Eine Stunde in der Woche ist viel zu wenig, in dieser Zeit kann ein Kind kaum etwas lernen. Nehmen wir Englisch, das wird immmer wichtiger. Da muss man die Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen wahrnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, auch in einem globalen Ausbildungssystem mit zu mischen. Deshalb bräuchten wir schon jetzt, flächendeckend im Kindergarten mindestens vier bis fünf Stunden Englisch in der Woche. Mehrsprachigkeit beginnt im Kindergarten mit spielerischem, kindgerechtem Lernen.

Um trotzdem auf den Erwerb der deutschen Sprache zurück zu kommen, sind Kinder mit Migrationshintergrund mit dem derzeitigen Angebot im Kindergarten ideal versorgt?

Ich habe keinen Einblick in das Handling. Aber es wäre auf jeden Fall notwendig - wenn man die Kinder wirklich integrieren will - dass sie Deutsch lernen und sich artikulieren können. Sonst werden sie ausgeschlossen und ausgegerenzt. Wenn sie die Sprache nicht können, resultiert daraus ein großer seelischer Druck. Das heißt, diese Kinder müssen im Kindergarten Sprachförderung erhalten. Damit kann man einen wichtigen Grundstein legen und sich später viele Sorgen sparen.

Sprechen Sie sich insofern für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr aus?

Ja, absolut. Alle Kinder hätten dann die Chance, Dinge zu erleben und zu erlernen, die sie sonst vielleicht verabsäumen würden, wie zum Beispiel frühmusikalische Erziehung oder eben den Zugang zu einer Zweitsprache. Hätten wir zwei verpflichtende Kindergartenjahre für alle Kinder, dann hätten Pädagogen die Möglichkeit viel mehr für Kinder mit Migrationshintergrund und deren Spracherwerb zu machen. Da könnte man in zwei Jahren sehr viel aufbauen und Kinder ohne Sprachdefizite einschulen.

Warum haben Sie die Einladung zur Parlamentsdebatte angenommen, warum ist Ihnen das ein Anliegen?

Weil es mir wichtig ist, dass wir zukünftig gute Köpfe aufbauen. Dass wir die Gehirne usnerer Kinder so pflegen, dass aus ihnen erfolgreiche und glückliche Menschen werden. Und weil es mir ein Anliegen ist, dass wir als Europa, im globalen Wettbewerb gezielte Schritte setzen, um mit anderen Ländern auch außerhalb unseres Kontinents, die derzeit sehr stark auf ihre Kinder setzen, mithalten können. Brainpower muss bewusst aufgebaut werden und das vor allem in der frühen Kindheit.

Zur Person
Dr. Manuela Macedonia (48) forscht am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und untersucht im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit die Auswirkung sensomotorischen Lernens auf Fremdsprachen.

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10 Kommentare
Gast: Kindergartenpäd.
05.03.2012 07:48
0 0

ab in die Anstalt

ist es wirklich nötig, dass unsere Kinder von fremden Leuten erzogen werden? Wäre es nicht sinnvoller, die Kinderbetreuung durch die Eltern aufzuwerten - z. B. höheres Kinderbetreuungsgeld anstatt Kinderbetreuungsplatz für jeden - , und die Kinder nicht schon so bald in die Bildungsmühle einzuzwängen? Ein verpflichtendes Kindergartenjahr finde ich ausreichend, ein zweites sollte von Kind zu Kind abgeklärt werden.

Gast: muwi
04.03.2012 17:01
0 0

furchtbar

mir stellt es die Haare auf, wenn ich sowas lese. Was sollen die Kinder denn noch alles bewältigen. Wichtig ist, dass Pädagogen liebevoll und wertschätzend mit den Kindern umgehen. Mein Kind muss nicht von einem Neurowissenschafter zu einem Super-Mensch/Computer hingedrillt werden!

Gast: Heinzelmaenchen
03.03.2012 21:07
0 0

--

Akademiker sind nicht automatisch die besseren Pädagogen, aber eine gute Ausbildung für Kindergärtnerinen ist zu wünschen, das
Weitere ist Talent, Arbeitswille und Freude an der Tätigkeit

Gast: bird
02.03.2012 08:51
1 1

Hände weg vor Überqualifikation!

Akademiker im Kindergarten? Logisch folgen dann Universitätsprofessoren in der Volksschule! Später Nobelpreisträger in der Mittelschule?

Bleiben wir doch vernünftig und machen wir es mit Augenmaß! Im Kindergarten sollen wir Interesse am Lernen, Sprache und Grundelemente in allen Wissensgebieten vermitteln. Eben das Fundament für ein lebenslanges Lernen. Ich bin fest überzeugt, mehr als eventuell Matura braucht es dazu nicht. Aber Engagament!

Der Weg der Überqualifikation war/ist in meinen Augen ein Versuch andere - wirkliche - Unzulänglichkeiten zu beseitigen. Damit meine ich Arbeitsumstände und Bezahlung.

Die Gruppen sind generell zu groß, das Personal zu gering. Wie sollen bei 25 Kinder und zwei Betreuern (die dann auch Raum und Popo putzen, servieren, dekorieren...) die Kinder individuell (z.B. sprachlich) gefördert werden?

Das geht nicht und die Eltern lassen ihren Unmut aus... Viele Kleinkinder schädigen den Rücken.... Verkühlte Kinder stecken an...
Viele Krankenstände sind kein Wunder!
Dazu keine Aufstiegsmöglichkeit, Weiterbildung nur in der Freizeit auf eigene Kosten...
Doch nicht die Arbeit macht krank - es sind die Umstände unter denen sie getan wird!

Nur Idealisten reizt daher der Job! Und da man von dem Einkommen nicht leben kann bleiben auch die meisten nicht lange.

Dabei sind die ersten Lebensjahre so wichtig für Sozialisierung, Integration für geschlechtsneutrale Interessensweckung für Berufe und Wissensgebiete..

Macht doch vernünftige Lösungen!

Antworten Gast: Hugowitsch
02.03.2012 13:05
0 1

Später Nobelpreisträger in der Mittelschule?

Ja, und auf der Uni unterrichtet dann die Finazelite (Deine Meister).

Gast: Kindergärtnerin
01.03.2012 22:38
1 0

Liebe und ihre Familien, das brauchen Kinder!!!

Gute Pädagogen wissen, dass das Fundament innerhalb der Familie gelegt wird und dass intakte Familien wichtiger für Kinder sind, als alles andere.

Familien benötigen Unterstützung - im Interesse der Kinder und der Gesellschaft.

Pädagogen benötigen (wie viele andere Menschen) um nur ein Beispiel zu nennen auch Kurse für Tischmanieren.

Wir alle benötigen Ehrlichkeit und Respekt.

Gast: Päd
01.03.2012 22:01
2 0

nicht das wahre Problem

Das Hauptproblem ist nicht mangelnde Ausbildung sondern mangelnde Rahmenbedingungen. Die Ansprüche an den Kindergarten als Bilungseinrichtung haben sich extrem gewandelt aber die Rahmenbedingungen nicht. Auch mit akademischer Ausbildung ist es unmöglich dass eine Pädagogin bei 25 Kindern diesen Anforderungen gerecht wird. Zuerst müssen Gruppen verkleinert werden und Personal erhöht werden. Es muss mehr Anerkennung für diese Arbeit geben auch von den Eltern deren Kinder diese Einrichtungen besuchen. Ich bin nicht generell gegen eine Aufwertung der Ausbildung aber nur das und mehr Geld ist keine Lösung. Denn so wie die Zustände momentan sind reizt das keinen bzw. bleiben die meisten nicht lange. Ich glaube es gibt durchaus sehr viel Bereitschaft zur Weiterbildung und es gibt auch Angebot. Nur dann darf diese Fortbildung nicht von den Pädagoginnen in ihrer Freizeit und auch noch gegen Geld verlangt werden. P.s.: ich arbeite als Kindergartenpädagogin und Früherzieherin

...

da es auch ganz wenige männliche Kindergärtner gibt, frage mich warum hier die Verwendung des femininen Plurals nicht diskriminierend ist? Bitte um AufklärungInnen.

Gast: 2Cent
01.03.2012 16:48
6 3

!

Eine Superduperkleinkindpädagogin mit 15 Kindern ist für das Kind ja auch viel förderlicher als eine Mutter mit nur einem Kind. Ja, natürlich müssen die Kinder möglichst früh institutionalisiert werden.

*Sarkasmus aus*

Antworten Gast: Micaela
06.03.2012 19:25
0 0

Re: !

Frühe Institutionalisierung bringt bessere Bildungschancen. Es geht nicht um Liebe, die soll die Mutter nach wie vor dem Kind geben. Aber Eltern brauchen Kontrolle. Und viele Mütter sprechen Deutsch sehr schlecht. Die Mutter hat ja das Kind trotzdem nach dem Kindergarten, die stirbt ja nicht.

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