"Kindergärtnerinnen sind gierig nach Informationen"

Frühkindpädagogik war im Rahmen des Bildungsvolksbegehrens Thema im Parlament. Expertin Manuela Macedonia kritisiert, dass die Qualität der Ausbildung bisher vernachlässigt wurde.

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(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Manuela Macedonia vom Max-Planck-Institut für Neuro- und Kognitionswissenschaften war am Donnerstag als Expertin zum Sonderausschuss zum Bildungsvolksbegehren im Parlament geladen. Im Interview mit DiePresse.com erklärt sie was ihre Beweggründe dafür sind, warum die frühe Pädagogik nicht einfach mitlaufen kann und warum sich die Pädagogik insgesamt den Neurowissenschaften stärker öffnen muss.

Wurde der Bereich der frühkindlichen Pädagogik in Österreich bisher vernachlässigt?

Manuela Macedonia: Ja, das wurde er. Aber das ist kein österreichisches Phänomen, vielerorts denkt man - salopp ausgedrückt - die Frühpädagogik läuft einfach so mit. In diesen jungen Jahren befinden sich Kinder in ganz sensiblen Lebens- und Lernphasen. Eine äußerst professionelle Begleitung ist für ihre Entwicklung maßgeblich: Sie kann Talente fördern und Schwächen ausmerzen und somit die Weichen für ein Leben stellen. Eine Metapher die das veranschaulicht: Bei einem Computer haben Sie die Software und die Hardware, die Hardware bleibt immer gleich. Beim Menschen ist es so, dass wenn man einem jungen Gehirn eine sehr gute Software einbaut, verbessert sich auch die Hardware, sie wird leistungsfähiger. Das heißt frühkindliche Pädagogik ist extrem wichtig, um die optimale Gehirnentwicklung zu gewährleisten. Und das wird leider zu wenig berücksichtigt.

Welche Forderungen leiten Sie daraus ab?

Ich bin keine Politikerin, aber ich stelle mir das so vor, dass Kinder sehr bald die Möglichkeit haben sollten, in eine Bildungseinrichtung zu kommen. Mit drei Jahren ist das schon vorstellbar. Aber die KindergartenpädgagogInnen müssen besser ausgebildet sind als jetzt. Ich bin außerdem der Meinung: Egal um welche Pädagogen es sich handelt - sie alle müssten mehr Wissen über das Gehirn haben. Die Pädagogik insgesamt muss sich den Neurowissenschaften dringend stärker öffnen: PädagogInnen verändern durch ihre Wirkung das Gehirn von Kindern. Daher ist es unentbehrlich, dass sie wissen, wie Lernprozesse darin stattfinden, etwa welche Rolle Emotionen beim Lernen spielen.

Das heißt Sie fordern eine Ausbildung für Kindergarten- und Hortpädagoginnen auf akademsichen Niveau?

Absolut. Ich habe in den letzten Jahren viele Fortbidlungen gehalten und ich muss sagen, die interessantesten Fortbildungen waren für mich die mit den Frühkindpädagoginnen. Das sind unglaublich engagierte Leute. Sie sind gierig nach der Information, weil sie extrem bemüht um ihre Gruppe sind. Sie müssen aber auch von der Gesellschaft mehr Anerkennung bekommen und natürlich auch mehr Geld. Denn: Die Wirkung die sie mit ihrer Arbeit für die gesamte Gesellschaft haben, ist eine enorme. Ein dreijähriges Kind muss mit der größten Sorgfalt von bestens ausgebildeten Fachkräften begleitet werden. Und dafür müsste man eine andere Ausbildung machen und adäquat bezahlt werden.

Die Diskussion um den Spracherwerb im Kindergarten, dreht sich zu weiten Teilen um Kinder mit Migrationshintergrund. Ist dieser Fokus richtig?

Das ist viel zu kurz gegriffen. Es wäre absolut notwendig - und ich bin nicht die einzige die das vertritt, viele Forscher an unserem Insitut in Leipzig sprechen sich dafür aus - dass eine Zweitsprache für alle Kinder bereits im Kindergarten eingeführt wird. Und das in einem genügenden Ausmaß. Eine Stunde in der Woche ist viel zu wenig, in dieser Zeit kann ein Kind kaum etwas lernen. Nehmen wir Englisch, das wird immmer wichtiger. Da muss man die Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen wahrnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, auch in einem globalen Ausbildungssystem mit zu mischen. Deshalb bräuchten wir schon jetzt, flächendeckend im Kindergarten mindestens vier bis fünf Stunden Englisch in der Woche. Mehrsprachigkeit beginnt im Kindergarten mit spielerischem, kindgerechtem Lernen.

Um trotzdem auf den Erwerb der deutschen Sprache zurück zu kommen, sind Kinder mit Migrationshintergrund mit dem derzeitigen Angebot im Kindergarten ideal versorgt?

Ich habe keinen Einblick in das Handling. Aber es wäre auf jeden Fall notwendig - wenn man die Kinder wirklich integrieren will - dass sie Deutsch lernen und sich artikulieren können. Sonst werden sie ausgeschlossen und ausgegerenzt. Wenn sie die Sprache nicht können, resultiert daraus ein großer seelischer Druck. Das heißt, diese Kinder müssen im Kindergarten Sprachförderung erhalten. Damit kann man einen wichtigen Grundstein legen und sich später viele Sorgen sparen.

Sprechen Sie sich insofern für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr aus?

Ja, absolut. Alle Kinder hätten dann die Chance, Dinge zu erleben und zu erlernen, die sie sonst vielleicht verabsäumen würden, wie zum Beispiel frühmusikalische Erziehung oder eben den Zugang zu einer Zweitsprache. Hätten wir zwei verpflichtende Kindergartenjahre für alle Kinder, dann hätten Pädagogen die Möglichkeit viel mehr für Kinder mit Migrationshintergrund und deren Spracherwerb zu machen. Da könnte man in zwei Jahren sehr viel aufbauen und Kinder ohne Sprachdefizite einschulen.

Warum haben Sie die Einladung zur Parlamentsdebatte angenommen, warum ist Ihnen das ein Anliegen?

Weil es mir wichtig ist, dass wir zukünftig gute Köpfe aufbauen. Dass wir die Gehirne usnerer Kinder so pflegen, dass aus ihnen erfolgreiche und glückliche Menschen werden. Und weil es mir ein Anliegen ist, dass wir als Europa, im globalen Wettbewerb gezielte Schritte setzen, um mit anderen Ländern auch außerhalb unseres Kontinents, die derzeit sehr stark auf ihre Kinder setzen, mithalten können. Brainpower muss bewusst aufgebaut werden und das vor allem in der frühen Kindheit.

Zur Person

Dr. Manuela Macedonia (48) forscht am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und untersucht im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit die Auswirkung sensomotorischen Lernens auf Fremdsprachen.

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