Schilcher: "Mittelschicht muss Bildungsfernen helfen"

11.03.2012 | 18:39 |  von Bernadette Bayrhammer (Die Presse)

ÖVP-Querdenker Bernd Schilcher klagt über die "uralte Polarisierung" und die Kultur des Mittelmaßes, warnt vor einem Klassenkampf in Bildungsfragen und appelliert an die Mittelschicht.

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Die Presse: Alle reden von der Bildung, fast ebenso viele schreiben darüber, merken Sie in der Einleitung zu Ihrem neuen Buch an. Warum haben Sie jetzt auch eines geschrieben?

Bernd Schilcher: Das habe ich mich auch lange gefragt. Ich habe mich über 40 Jahre mit Bildung beschäftigt und bemerkt, dass niemand eigentlich das Ganze sieht. Die vielen Bücher beleuchten immer nur Aspekte: den Ethikunterricht, die Gesamtschule, die Eltern, die Lehrer. Heute muss man das Ganze sehen – und ändern.

 

„Bildung nervt“, titeln Sie dann recht provokant. Wen denn, und warum?

Jede Gruppe fühlt sich genervt. Die Schüler und Eltern derzeit beispielsweise wegen der teilzentralen Matura. Viele Lehrer haben ihren Bachblütenspray unter dem Kopfkissen, weil sie dauernd angstgepeinigt aufwachen. Genervt sind auch die Beamten, die befürchten, dass man ihnen ihren Posten wegnimmt, die Gewerkschaften, weil sie immer noch zu wenig zu sagen haben – und die Länder, weil sie nicht alle Kompetenzen kriegen.

 

Schulpolitik ist in Österreich nur Interessenpolitik, schreiben Sie. Ist das der Punkt, der Sie am meisten nervt?

Nein, mich nervt am meisten die uralte Polarisierung, die sich zu Ideologien ausgereift hat. Die hat ihren Ursprung im 16.Jahrhundert, als sich Vertreter der evangelischen Ständeschulen und der katholischen Gymnasien regelrecht abgewatscht haben. Heute bekämpft man sich gleich unerbittlich. Die Polarisierung hat sich nur auf die Politik verlagert. Die einen vertragen keine gemeinsame Schule, die anderen keine Studiengebühren.

 

Was bedeutet das langfristig?

Das ist der Weg zu einem Klassenkampf. Dabei steigen vor allem jene schlecht aus, die bildungsfern sind. Jene, die aus bildungsnahen Familien kommen, haben es gut. Das haben wir im Vorjahr beim Volksbegehren gesehen. Da gab es viele die sagten: Ich bin Akademiker, meine Frau ist Akademikerin, meine beiden Kinder studieren – also ist die Welt in Ordnung.

 

Für wen ist die Welt nicht in Ordnung?

Für etwa eine Million Bildungsferne. Sie haben genau ein Sechzehntel der Chance von Bildungsbürgern auf eine höhere Bildung. Das hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren drastisch verschlechtert. Aber es berührt offenbar niemanden. Ich kenne weder Aussagen von (SPÖ-Kanzler, Anm.) Werner Faymann, noch von (ÖVP-Chef, Anm.) Michael Spindelegger, die ausdrücken, dass sie sich dadurch irgendwie gestört fühlen.

 

Sie schreiben, es sei die Aufgabe der Mittelschicht, sich um diese sogenannten Bildungsfernen zu kümmern.

Ja, natürlich. Und das ist auch in ihrem ureigensten Interesse, denn sie zahlen ja für die Sozialfälle, die herauskommen. Die jüngste Untersuchung spricht von 75.000 jungen Menschen, die weder in einem Beruf noch in Ausbildung oder Training sind. Die werden zu einem hohen Prozentsatz Sozialfälle. Lebenslange Sozialhilfe, entgangene Steuern, Kosten für Gefängnisse, für Ermittlungen – wir wissen, dass das bis zu 450.000 Euro pro Person kostet. Das zahlt die Mittelschicht mit ihren Steuern. Also hätte sie jeden Grund, Hilfe zu leisten.

Welche Konsequenzen sollte man Ihrer Meinung nach daraus ziehen?

Frühförderung ab dem ersten Lebensjahr; alle Staaten, die das machen, haben ein viel geringeres Problem mit den Bildungsfernen und mit den Migranten. Langes gemeinsames Lernen, möglichst bis 15. Und Ganztagsschulen. Dagegen wehrt sich die Mittelschicht.

 

Bei der gemeinsamen Schule besteht von vielen Seiten die Angst, sie würde das Niveau drücken.

Das Gegenteil ist der Fall. Dann nämlich, wenn man vom uralten Einheitsunterricht abgeht, der sich an alle und damit an niemanden wirklich wendet und stattdessen individuellen Unterricht macht, wo möglichst früh die Stärken jeder Schülerin und jedes Schülers festgestellt und besonders gefördert werden. Wir haben eine Schulkultur, bei der sich Lehrer zu 80 oder 90 Prozent damit beschäftigen, was die Schüler nicht können. Und die dann überhaupt keine Zeit mehr haben, deren Stärken zu fördern.

 

In diesem Punkt stimmen Sie mit dem Genetiker Markus Hengstschläger überein, der in seinem Buch ganz Ähnliches kritisiert.

Da sind wir völlig einer Meinung und unsere beiden Bücher überschneiden sich auch in einer Sorge: Wenn wir die Bildungsfernen nicht möglichst rasch integrieren, gehen Tausende von exzellenten Schülern verloren – und wir hecheln mit der Bezahlung der Sozialfälle hinterher.

 

Wie Hengstschläger beklagen auch Sie die Kultur der Mittelmäßigkeit, die in Österreich herrsche.

Das geht zurück bis zu Joseph II., der seiner Mutter Maria Theresia im Hinblick auf die Schulpflicht schrieb: Ein bisschen rechnen, ein bisschen schreiben, ein bisschen lesen sollen die Kinder lernen, aber um Gottes willen nicht viel mehr – denn das macht rebellisch und wir brauchen brave Untertanen. Das ist bis heute geblieben.

Zur Person

Bernd Schilcher (71) gilt als ÖVP-Querdenker, vor allem in Bildungsfragen. Der studierte Jurist war Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Uni Graz. Von 1989 bis 1996 war er ÖVP-Landesschulratspräsident in der Steiermark. Zudem war Schilcher einer der prominentesten Unterstützer des Bildungsvolksbegehrens rund um Ex-SPÖ-Vizekanzler Hannes Androsch. Heute, Montag, erscheint sein Buch „Bildung nervt“ (siehe rechts).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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81 Kommentare
 
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Der Herr Sch. hat nicht einen Tag lang unterrichtet -

typisch ahnungslos und große Klappe.

um meine kinder

in eine privatschule zu schicken muss ich jetzt schon sparsam sein. das ist für mich kein pappenstiel. aber in nicht allzu ferner zukunft werde ich es mir nicht mehr leisten können. und für was? für sozialleistungen, beihilfen und schulförderungen für leute die gar nicht daran interessiert sind etwas aus sich zu machen. oder aus ihren kindern. dann sollen halt dort bleiben, aber nicht auf meine, oder gar der kosten meiner kinder kreuzkruzifix.
das modell dass der der mehr hat, den der weniger hat raufzieht, funktioniert schon in der eu nicht, geschweige denn in der klasse. das niveau der guten schüler wird abfallen, das der schlechten nicht merklich steigen.

Wieso diese Kluft?

Reflexartig steigen Lehrer in den Ring, wenn man von Reformen spricht. Und es ist wirklich egal wer das tut. Es kann doch in Österreich keiner behaupten, dass wir ein funktionierendes und gutes Schulsystem haben!

Ich finde es traurig, dass in einer so wichtigen Frage die Kluft zwischen Experten und Praktiker so weit auseinanderliegt. Eine leise Vermutung zum Ungunsten der Lehrer bleibt allerdings schon, denn die Privilegien die zu verlieren sind, sind groß, aber kann man immer im ewig gleichen und stupiden Hamsterrad weitermachen?

Antworten Gast: Br2012
14.03.2012 12:18
3

Re: Wieso diese Kluft?

Eigentlich haben Sie bei dem Anführen der Experten die "*" vergessen, da man hierbei ja nicht wirklich ernsthaft von solchen reden kann. Ansonsten hätten die "Experten" vielleicht in Bezug auf die neue Mittelschule auf das Beispielland Frfankreich verwiesen, in dem seit Jahrzenten eine Gesamtschule besteht. In kaum einem Land wie in Frankreich ist die Zahl der Privatschulen so hoch. Nun sollen dort neue "Begabtenschulen" gegründet werden. Ein Zeichen für ein funktionierendes System der Gesamtschule!???

Re: Wieso diese Kluft?

Ich bin kein Lehrer - aber Reformen sind nicht deswegen gut, weil sie etwas verändern, sonder nur wenn sie etwas verbessern! Herr Schilcher ist (war?) ein intelligenter Mann - er verbohrt sich in etwas offensichtlich Falsches - warum soll man sich dagegen nicht wehren?

Stärken fördern...

und Schwächen schwach lassen?

Wie viele Fußballer braucht unser Land noch?

Oder sollten die nicht doch vielleicht etwas Nützlicheres lernen - auch wenn's Mühe macht?

Gast: poutinf
13.03.2012 19:05
9

Die Mittelschicht muss dies, die Mittelschicht muss das

nicht nur dass "die Mittelschicht" die Kinder der Unterschicht finnazieren muss, und so nebenbei die Sozialhilfe, die Altersversorgung und die Gesundheitsversorgung der Unterschicht -
soll sie jetzt dann auch noch ihre Kinder als Therapeuten für schädel-desolate Unterschichtkinder zur Verfügung stellen.

Passt bloss auf dass euch die "Mittelschicht" nicht abhaut.

Shcön langsam könnte nämlich ein Mittelschichtsangehöriger denselben Wohlstnd in Russland oder Polen finden wie hier, bei derselben Arbeitsleistung...

hab eine viel bessere idee:

nivellieren wir doch so weit hinunter, dass die bildungsfernen schichten auch mitkommen...

was sich diese alt68er wohl denken, wenn sie soche vorschläge machen?

"Frühförderung ab dem ersten Lebensjahr" -

das heißt, ab der Geburt. Wie wird das gehandhabt? Werden die Kinder verstaatlicht? Haben die Säuglinge schon einen Stundenplan? Kriegen sie die Milch der frommen Denkungsart - sozialistisch, gegendert, korrekt?

Antworten Gast: Bademeisterin
13.03.2012 14:18
9

Re: "Frühförderung ab dem ersten Lebensjahr" -

Geistig behinderte müssen die exakt gleichen Chancen haben wie die von der Natur so ungerechtfertigt mit Superintelligenz ausgestatteten Hochbegabten. Das ist in letzter Konsequenz nur möglich, wenn man die Abschlusszeugnisse, Staatsexamina, Doktortitel und Nobelpreise im Losverfahren vergibt. Erst dann herrscht die wunderbunte, vollkommene Chancengerechtigkeit.

Gast: bärig
13.03.2012 11:25
8

Schilcher

"Dabei steigen vor allem jene schlecht aus, die bildungsfern sind"!
Warum gibt es dann keine eigenen Schulen- mit ganztägiger Betreuung- für jene Schüler? Muss denn alles für alle gleich sein? Sie verlangen differenzierten Unterricht- wieso nicht differenzierte Schulangebote? Für jedes Kind die passende Schule!

ÖVP Witz!

Die ÖVP steht für:

- universelle Beschränkungen egal ob im Schul- oder universitären Bereich
- Kampfrhetorik gegenüber der österr. Mittelschicht zugunsten eines wagen undefinierten Elitedenkens, dem die Partei selbst noch nie gerecht wurde (hinsichtlich Leistung und der handelnden Personen)
- Blockierung sämtlicher Reformansätze für einen zeitgemäßen Schulbereich

...und nun will man die Früchte der eigenen ideologischen und politischen Versäumnis der Mittelschicht aufhalsen .. am besten noch mit ein wenig Zwang!

Gast: dirge
13.03.2012 09:55
2

ist nicht die övp gerade dabei

die mittelschicht zu pulverisieren, mit roter mithilfe natürlich.
faul ist etwas, wenn man bei brutto zwischen 4 und 6000 euro netto annähernd das gleiche verdient.

Warum

wird immer nur die Mittelschicht zur Kasse gebeten ?

Re: Warum

weil die leistung so mies ist und so rationalisiert, dass sie sich andauernd schuld macht.

Gast: Schliche
12.03.2012 23:31
6

Sicher nicht!

Unsere Kinder sollen nicht die Zeche für eine verfehlte Integrationspolitik bezahlen.
Noch im Jahre 2011 beginnen Kinder, obwohl hier geboren, die Schullaufbahn ohne gute/ausreichende Deutschkenntnisse. Trifft das in einer Klasse mit 24 Kindern auf 20 zu, dann kann sich der Lehrer hundertprozentig damit beschäftigen, was die Kinder am wenigsten können- mit der Unterrichtssprache, die erst einmal erarbeitet werden muss. Die 6 Jahre davor hatte man ja keine Zeit dafür.

Antworten Gast: 2Cent
13.03.2012 07:58
11

Re: Sicher nicht!

Nicht zu vergessen: die 4, die die Sprache beherrschen, müssen sich den Spracherwerb der anderen anhören, statt selbst etwas zu lernen, gefördert und gefordert zu werden.

Wer die Unterrichtssprache nicht beherrscht, hat im Regelunterricht nichts verloren!

Gast: Faschingsscherz
12.03.2012 20:05
13

Zu viel Schilcher? (nomen est omen)

Der von SPÖ-Schmied geköderte ÖVP-Opportunist kennt als privilegierter Politgünstling sowohl das Leben der Mittelschicht als auch die Bildungsambitionen der Unterschicht nur vom distanzierten Hörensagen. Dementsprechend ist die Qualität seiner Expertise einzuschätzen.

Gast: Forstwirt
12.03.2012 19:14
0

Potential

Es ist schon traurig, wieviel Potential wir verkommen lassen. Ärzte, deren Eltern auch schon Ärzte waren, meide ich.

Re: Potential

genau jene greifen auf unbezahlbare Erfahrungen zurück

Antworten Antworten Gast: Jungarzt
13.03.2012 14:48
0

Re: Re: Potential

Neu für Sie: das Medizinstudium wird nicht als Homeschooling-Modell angeboten.
Ihre Behauptung ist blanker Unsinn.

Antworten Gast: joil
12.03.2012 19:55
2

Re: Potential

Warum meiden Sie?

Der Mann ist einfach...

ein Dummschwätzer. Dieses ewige Gerede von den Lehrern, die sich (bösartigerweise) auf die Schwächen der Schüler konzentrieren anstatt auf ihre Stärken... No na ned. Zuerst muss man eben die Schwächen ausbügeln, dann kann man weiterarbeiten. Oder meint der etwa, wenn einer in Mathe schwach ist, aber in Turnen gut, dann soll man eben viel turnen und wenig rechnen??? Genauso dieses ewige Geschwafel von der Individalisierung des Unterichts. ja wie denn bitte, wenn ein Lehrer allein in der Klasse steht mit 25 bis 30 Schülern??? Soll sich der teilen oder mit Lichtgeschwidnigkeit von einem Schüler zu nächsten rasen und helfen? Individuellen Unterricht gibts in so Nachhilfeinstituten, aber da sitzen MAXIMAL 8 Schüler in einer Gruppe.
Man merkt, dass der Mann kein Praktiker ist, sont würde er nicht solchen Blödsinn verzapfen.

Antworten Gast: bärig
13.03.2012 10:09
5

Re: Der Mann ist einfach...

Genau so ist es!!

Re: Der Mann ist einfach...

Also macht man 'Gute' schlecht und 'Schlechte' gut, um einen gefälligen Einheitsbrei zu erzeugen ?
Wer bei der Bildung spart, spart am falschen Ort.

Gast: Norma Trigger
12.03.2012 17:38
26

Schilcher: "Mittelschicht muss Bildungsfernen helfen"

Nicht die Mittelschicht muss helfen, sondern die "Bildungsfernen" gehören in eigene "Trivialschulen", um unser Schulsystem nicht noch mehr zu zerstören!!

 
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