Schilcher: "Mittelschicht muss Bildungsfernen helfen"

ÖVP-Querdenker Bernd Schilcher klagt über die "uralte Polarisierung" und die Kultur des Mittelmaßes, warnt vor einem Klassenkampf in Bildungsfragen und appelliert an die Mittelschicht.

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(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Die Presse: Alle reden von der Bildung, fast ebenso viele schreiben darüber, merken Sie in der Einleitung zu Ihrem neuen Buch an. Warum haben Sie jetzt auch eines geschrieben?

Bernd Schilcher: Das habe ich mich auch lange gefragt. Ich habe mich über 40 Jahre mit Bildung beschäftigt und bemerkt, dass niemand eigentlich das Ganze sieht. Die vielen Bücher beleuchten immer nur Aspekte: den Ethikunterricht, die Gesamtschule, die Eltern, die Lehrer. Heute muss man das Ganze sehen – und ändern.

 

„Bildung nervt“, titeln Sie dann recht provokant. Wen denn, und warum?

Jede Gruppe fühlt sich genervt. Die Schüler und Eltern derzeit beispielsweise wegen der teilzentralen Matura. Viele Lehrer haben ihren Bachblütenspray unter dem Kopfkissen, weil sie dauernd angstgepeinigt aufwachen. Genervt sind auch die Beamten, die befürchten, dass man ihnen ihren Posten wegnimmt, die Gewerkschaften, weil sie immer noch zu wenig zu sagen haben – und die Länder, weil sie nicht alle Kompetenzen kriegen.

 

Schulpolitik ist in Österreich nur Interessenpolitik, schreiben Sie. Ist das der Punkt, der Sie am meisten nervt?

Nein, mich nervt am meisten die uralte Polarisierung, die sich zu Ideologien ausgereift hat. Die hat ihren Ursprung im 16.Jahrhundert, als sich Vertreter der evangelischen Ständeschulen und der katholischen Gymnasien regelrecht abgewatscht haben. Heute bekämpft man sich gleich unerbittlich. Die Polarisierung hat sich nur auf die Politik verlagert. Die einen vertragen keine gemeinsame Schule, die anderen keine Studiengebühren.

 

Was bedeutet das langfristig?

Das ist der Weg zu einem Klassenkampf. Dabei steigen vor allem jene schlecht aus, die bildungsfern sind. Jene, die aus bildungsnahen Familien kommen, haben es gut. Das haben wir im Vorjahr beim Volksbegehren gesehen. Da gab es viele die sagten: Ich bin Akademiker, meine Frau ist Akademikerin, meine beiden Kinder studieren – also ist die Welt in Ordnung.

 

Für wen ist die Welt nicht in Ordnung?

Für etwa eine Million Bildungsferne. Sie haben genau ein Sechzehntel der Chance von Bildungsbürgern auf eine höhere Bildung. Das hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren drastisch verschlechtert. Aber es berührt offenbar niemanden. Ich kenne weder Aussagen von (SPÖ-Kanzler, Anm.) Werner Faymann, noch von (ÖVP-Chef, Anm.) Michael Spindelegger, die ausdrücken, dass sie sich dadurch irgendwie gestört fühlen.

 

Sie schreiben, es sei die Aufgabe der Mittelschicht, sich um diese sogenannten Bildungsfernen zu kümmern.

Ja, natürlich. Und das ist auch in ihrem ureigensten Interesse, denn sie zahlen ja für die Sozialfälle, die herauskommen. Die jüngste Untersuchung spricht von 75.000 jungen Menschen, die weder in einem Beruf noch in Ausbildung oder Training sind. Die werden zu einem hohen Prozentsatz Sozialfälle. Lebenslange Sozialhilfe, entgangene Steuern, Kosten für Gefängnisse, für Ermittlungen – wir wissen, dass das bis zu 450.000 Euro pro Person kostet. Das zahlt die Mittelschicht mit ihren Steuern. Also hätte sie jeden Grund, Hilfe zu leisten.

Welche Konsequenzen sollte man Ihrer Meinung nach daraus ziehen?

Frühförderung ab dem ersten Lebensjahr; alle Staaten, die das machen, haben ein viel geringeres Problem mit den Bildungsfernen und mit den Migranten. Langes gemeinsames Lernen, möglichst bis 15. Und Ganztagsschulen. Dagegen wehrt sich die Mittelschicht.

 

Bei der gemeinsamen Schule besteht von vielen Seiten die Angst, sie würde das Niveau drücken.

Das Gegenteil ist der Fall. Dann nämlich, wenn man vom uralten Einheitsunterricht abgeht, der sich an alle und damit an niemanden wirklich wendet und stattdessen individuellen Unterricht macht, wo möglichst früh die Stärken jeder Schülerin und jedes Schülers festgestellt und besonders gefördert werden. Wir haben eine Schulkultur, bei der sich Lehrer zu 80 oder 90 Prozent damit beschäftigen, was die Schüler nicht können. Und die dann überhaupt keine Zeit mehr haben, deren Stärken zu fördern.

 

In diesem Punkt stimmen Sie mit dem Genetiker Markus Hengstschläger überein, der in seinem Buch ganz Ähnliches kritisiert.

Da sind wir völlig einer Meinung und unsere beiden Bücher überschneiden sich auch in einer Sorge: Wenn wir die Bildungsfernen nicht möglichst rasch integrieren, gehen Tausende von exzellenten Schülern verloren – und wir hecheln mit der Bezahlung der Sozialfälle hinterher.

 

Wie Hengstschläger beklagen auch Sie die Kultur der Mittelmäßigkeit, die in Österreich herrsche.

Das geht zurück bis zu Joseph II., der seiner Mutter Maria Theresia im Hinblick auf die Schulpflicht schrieb: Ein bisschen rechnen, ein bisschen schreiben, ein bisschen lesen sollen die Kinder lernen, aber um Gottes willen nicht viel mehr – denn das macht rebellisch und wir brauchen brave Untertanen. Das ist bis heute geblieben.

Zur Person

Bernd Schilcher (71) gilt als ÖVP-Querdenker, vor allem in Bildungsfragen. Der studierte Jurist war Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Uni Graz. Von 1989 bis 1996 war er ÖVP-Landesschulratspräsident in der Steiermark. Zudem war Schilcher einer der prominentesten Unterstützer des Bildungsvolksbegehrens rund um Ex-SPÖ-Vizekanzler Hannes Androsch. Heute, Montag, erscheint sein Buch „Bildung nervt“ (siehe rechts).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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