Über Lehrer, die eigentlich gar keine Lehrer sind

Wer in Österreich als Lehrer angestellt ist, dessen Arbeitsplatz ist nicht automatisch das Klassenzimmer. So mancher arbeitet stattdessen als Pressesprecher oder leitet Forschungsinstitutionen.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Offiziell ist er Lehrer an eine Linzer Berufsschule. Sein tatsächlicher Arbeitsalltag sieht aber anders aus: Er schreibt Presseaussendungen für den oberösterreichischen Landesschulrat. Für ihn selbst ist das zwar „die normalste Sache der Welt“ („Ich arbeite für das System Schule und werde von diesem dafür bezahlt“), ganz so einfach ist die Sache aber nicht.

Denn der Pressesprecher des oberösterreichischen Landesschulrats, Karl Steinparz, stellt mit seinem Dienstverhältnis keineswegs einen kuriosen Einzelfall dar, sondern ist nur ein prominentes Beispiel dafür, dass etwas in der heimischen Schulverwaltung „nicht ganz stimmt“. So sieht es jedenfalls Grünen-Bildungssprecher Harald Walser. Er kritisiert den Umstand, dass Bedienstete offiziell zwar als Lehrkräfte geführt werden, in Wirklichkeit aber „für Verwaltungsaufgaben oder parteipolitische Zwecke“ eingesetzt würden. Denn: Diese Lehrer würden in den Klassenzimmern fehlen.

Der Betroffene kann die Kritik nicht nachvollziehen. Immerhin sei er nicht nur für die Pressearbeit zuständig, sondern auch mit Entwicklungsprojekten im Landesschulrat betraut. Das wären Tätigkeiten, die von jemandem übernommen werden sollten, „der sich in der Schule auskennt“. Also von jemandem wie ihm: Immerhin habe er ein Jahr lang politische Bildung an einer Berufsschule unterrichtet. Das Anstellungserfordernis als Berufsschullehrer erfüllt er auch: Der frühere Journalist hat vor seinem Wechsel in das Kabinett von Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer im Jahr 2003 extra eine Lehre gemacht.

 

Die Geschäftsführerin als Lehrerin

Steinparz ist auch nicht der Einzige im oberösterreichischen Landesschulrat, der ein derartiges Dienstverhältnis hat. Auch Landesschulinspektoren und andere Referenten im Büro Enzenhofer sind als Lehrer angestellt, obwohl sie gar nicht unterrichten.

Insgesamt ist dies aber weder ein oberösterreichisches Phänomen noch eines, das nur die Landeslehrer betreffen würde. So ist etwa auch die Geschäftsführerin des Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung, Waltraud Rosner, offiziell Lehrerin an einem Salzburger Gymnasium, also Lehrerin im Bundesdienst.

Sie hat sich ihr kurioses Anstellungsverhältnis dabei genauso wenig ausgesucht wie Steinparz oder andere, die eigentlich Tätigkeiten verrichten, die wenig mit dem Alltag eines Lehrers zu tun haben. Der Fehler ist tief im System verankert. Rechtliche Probleme gibt es dabei nicht: Das Beamtendienstrecht erlaubt eine vorübergehende Zuweisung von Lehrern an eine Dienststelle der Bundes- oder Landesverwaltung.

Auch unter Schulpsychologen oder im Unterrichtsministerium gibt es Mitarbeiter, die als Lehrer an Schulen angestellt werden, die sie zum Teil noch nie von innen gesehen haben. Vonseiten des Ministeriums begegnet man der Kritik mit dem gleichem Argument wie in Oberösterreich: Man brauche Praktiker für Entwicklungsprojekte, außerdem sei die Anzahl der nicht unterrichtenden Lehrer ohnehin sehr gering.

Doch richtet sich die Kritik Walsers weder gegen die Einbeziehung von Praktikern in die Schulentwicklung noch gegen die Arbeit, die im Einzelnen von den Betreffenden geleistet wird. Diese Strukturen würden jedoch dazu führen, „dass nicht mehr nachvollziehbar sei, wie viele der gut 125.000 Lehrer in Österreich tatsächlich in Klassenzimmern sind“. Walser fordert, dass all jene, die Verwaltungsaufgaben übernehmen, künftig als Verwaltungsbedienstete und nicht als Lehrer angestellt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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