Eine Kritik der Kompetenz

18.03.2012 | 18:36 |  Andreas Gelhard, TU Darmstadt (Die Presse)

Psychotechnik statt Predigt: Die Kompetenzprüfung ist zur Gewissensprüfung unserer Zeit geworden.

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Der junge Hegel war ein scharfsichtiger und mitunter zorniger Kritiker autoritärer Machtstrukturen. In seiner Schrift über „Die Positivität der christlichen Religion“ fragt er sich, wie aus einer im Kern revolutionären Freiheitslehre – dem Christentum – ein auf Machterhalt konzentriertes Konglomerat aus Dogmen und Disziplinartechniken werden konnte, das er das „moralische System der Kirche“ nennt. Dabei richtet sich sein Zorn vor allem gegen die Gewissensprüfung, die, wie er schreibt, „gar keinen Gedanken mehr zollfrei“ lässt und prinzipiell jede Seelenregung – „Freude, Liebe, Freundschaft, Geselligkeit“ – der moralischen Kontrolle unterwirft.

Hegel denkt hier vor allem an die alten Techniken der Selbstprüfung, die in Form von Fragelisten dem allgemeinen Gebrauch empfohlen wurden. Eine dieser Listen, die Georg Philipp Harsdörffer 1654 unter dem Titel „Von dem Recht deß Gewissens“ publiziert hat, beginnt wie folgt:
1. Bist du eiferig in deinem Gebet zu Gott?
2. Bemerckst du alle deine Fehler/ und mühest dich/ dieselbigen zu verhüten?
3. Hast du Gott stetig vor Augen?
4. Hast nichts böses verhindern/ und deinen Nechsten Gutes thun können?
5.Hastu deine Zeit recht angewendet?

Solche Listen gehören seit Jahrhunderten zu den unverwüstlichen Mitteln der Disziplinierung. Heute klingen sie so:
1. Kunden erhalten von mir auch ohne Aufforderung gewinnbringende Informationen.
2. Ich teile mein fachliches Know-how mit Kollegen und Mitarbeitern.
3. Ich arbeite immer mit voller Kraft.
4. Mit der Vertriebsstruktur meines Unternehmens bin ich vertraut.
5. Es gelingt mir, Gehör bei Vorgesetzten zu finden.

Harsdörffers Liste hat 17 Einträge; bei den derzeit eingesetzten Kompetenztests können es auch mal 350 werden. Der entscheidende Unterschied liegt dabei natürlich nicht in der Länge der Liste, sondern in der geänderten Zielsetzung des Verfahrens. Die Prüfung soll nicht mehr ermitteln, ob wir tugendhaft sind, sondern ob unsere Kompetenzen auch den Anforderungen der Arbeitswelt entsprechen.

 

Das Dispositiv der Eignung

Sie ist nicht mehr Teil des moralischen Systems der Kirche, sondern seines aktuellen Nachfolgemodells, das ich als Dispositiv der Eignung bezeichnen möchte. Entscheidend für die Umstellung von Moral auf Eignung ist die um 1900 einsetzende Erfolgsgeschichte der angewandten Psychologie, die in weiten Teilen eine Geschichte ihrer Prüfungstechniken gewesen ist.

Reinhard Bendix hat das schon zu Beginn der 1950er-Jahre in seiner Studie über Herrschaft und Industriearbeit bemerkt, in der er über das gewandelte Bild des Arbeiters in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schreibt: „Aus einem Menschen, dem man Tugendhaftigkeit und Hoffnung predigte, war er zu jemandem geworden, dessen Befähigungen und Verhaltensweisen durch Testmethoden ermittelt wurden.“ Bendix fixiert das Bild des Arbeiters als Emblem der Umstellung von Predigt auf Psychotechnik.

 

Die Gewissensprüfung unserer Zeit

Diese Umstellung ist eng mit Frederic W. Taylors Verfahren des Scientific Management verbunden. Die Machart, genau wie die immense Verbreitung, heutiger Testformate lässt sich aber nicht mehr als – noch so entfernter – Ausläufer des „Taylorismus“ begreifen. Sie verlangt vielmehr eine Aufarbeitung eines psychologischen Feldes, das durch William Sterns Arbeiten zu Intelligenzprüfung, durch Hugo Münsterbergs Eignungsprüfungen in Industrieunternehmen, durch Elton Mayos Lehre von den Human Relations und Kurt Lewins Entwicklung des psychologischen Feedback-Begriffs abgesteckt wird. Erst eine Analyse dieser psychotechnischen Innovationen kann erklären, wie der von David McClelland erstmals breitenwirksam durchgesetzte Begriff der Kompetenz eine so beeindruckende Verbreitung finden konnte, dass die Kompetenzprüfung zur Gewissensprüfung unserer Zeit geworden ist.

Hegel hatte es noch mit der pietistischen Überzeugung zu tun, dass man Gefühle gebieten kann; heute müssen wir uns fragen, was es eigentlich heißen soll, wenn uns ein Ratgeber über Managen mit emotionaler Kompetenz dazu rät, unsere Emotionen „den beruflichen Aufgaben anzupassen“. Das neue Dogma lautet nicht, dass alles geboten, sondern dass alles – auch die tägliche Stimmungslage – gekonnt werden kann.

 

Rettung des Kompetenzbegriffs

Hegel hat aus seiner Kritik an den kirchlichen Techniken der Gewissensprüfung nicht den Schluss gezogen, dass der Begriff des Gewissens fallen gelassen werden müsste. Er hat, im Gegenteil, eine eigene Gewissenslehre formuliert, die den Forderungen nach Selbstbestimmung und gegenseitiger Anerkennung gerecht werden soll.

Ein ähnlicher Rettungsversuch des Kompetenzbegriffs wäre sicher möglich. Ob er auch lohnt, lässt sich aber erst entscheiden, wenn wir besser verstehen, welche Funktion er im Dispositiv der Eignung erfüllt. Einen ersten Schritt auf diesem Weg versucht mein Buch zur Kritik der Kompetenz.

Veranstaltungsreihe: Fachdidaktik kontrovers

Andreas Gelhard sprach im Rahmen der von Nora Ableitinger und Konrad Paul Liessmann initiierten Vortragsreihe „Fachdidaktik kontrovers“ am 14. März an der Uni Wien über das Thema „Das Dispositiv der Eignung. Zur Vor- und Frühgeschichte des Kompetenz-Konzepts“. Der vorliegende Gastkommentar wurde vom Autor auf Basis seines Redemanuskripts erstellt. Andreas Gelhard ist Professor an der TU Darmstadt. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Kritik der Kompetenz“ (diaphanes Verlag, 160 Seiten, € 14,90).

Nächster Vortrag: Lehrer Gerhard Prade spricht über die „Kompetenzorientierung im Psychologie- und Philosophieunterricht und die neue Reifeprüfung“. Am 2. Mai, ab 17 Uhr im Hörsaal 2i, NIG der Universität Wien, Universitätsstr. 7, 1010 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2012)

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1 Kommentare

Die Liste, die nach "Kompetenzen" fragt, erzeugt bei mir eine Gänsehaut!

Hier sollen nicht Menschen, sondern gefühllose Automaten herangebildet werden!

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