Lehrerdienstrecht: "Gewerkschaft betreibt Politik des Abwartens"

25.03.2012 | 18:36 |  THERESA AIGNER (Die Presse)

In der Vergangenheit sind Verhandlungen über ein neues Lehrerdienstrecht am "Nein" der Gewerkschaft gescheitert. Unabhängige Lehrervertreter fordern nun klare Positionen statt Blockade.

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Die Presse: Wir hätten den obersten AHS-Gewerkschafter, Eckehard Quin, zum Streitgespräch mit Ihnen eingeladen. Dieser lehnte das mit der Begründung ab, dass er durch eine Teilnahme Ihrer Fraktion, der unabhängigen ÖLI-UG, zu große Wichtigkeit beimessen würde.

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Reinhart Sellner: Die Aussage zeigt, dass er kein sachliches Interesse hat. Wenn man als Mehrheit parteipolitische Interessen verfolgt, ist es bequem zu sagen, „die Mehrheit hat recht“. Wir sind immer zur Diskussion bereit, das weiß er. Aber wir sind nicht bereit, uns für eine Stimmungsmache, die gegen jede Art von Veränderung geht, instrumentalisieren zu lassen. Statt Gewerkschaftsfragen zu diskutieren, verwendet Kollege Quin Gewerkschaftsadressen lieber dazu, politische Pamphlete unter den Gewerkschaftsmitgliedern zu verbreiten.

Zur Person
Reinhart Sellner (65) ist Lehrer im 41. Dienstjahr an einer Wiener AHS und sitzt im Vorstand der unabhängigen Lehrergewerkschaftsfraktion ÖLI-UG.

Aber das Argument, dass Ihre Fraktion sehr klein ist, ist ja berechtigt.

Wir sind eine Minderheit. Aber ob 25 Prozent so wenig sind, dass er mit uns nicht reden muss, bezweifle ich. Eine solidarische Gewerkschaft schaut anders aus. Was er zeigt, ist präpotentes Verhalten.

Man hat den Eindruck, dass es der Gewerkschaft dennoch wichtig ist, im Bezug auf das neue Dienstrecht nach außen Geschlossenheit zu demonstrieren. Ihre Fraktion treibt quer – ist das der Sache dienlich?

Wir treiben nicht quer. Wir argumentieren Positionen, von denen wir glauben, dass sie der Dienstgeber bedenken muss, auch wenn sie „nur“ von uns kommen. Was die Sache der Lehrer aber tatsächlich schwächt, ist die fantasielose Politik des Abwartens.

Die Verhandlungen zum neuen Lehrerdienstrecht gehen in die heiße Phase. Von der Gewerkschaft war bis jetzt nur ein Nein zu hören. Gehört das auch zur Politik des Abwartens?

Wir wissen seit Jahren, dass ein neues Dienstrecht ins Haus steht. Die ÖLI-UG hat vorgeschlagen, dass die Lehrergewerkschaften der GÖD gemeinsam beraten und positiv formulieren, was für ein Dienstrecht die Lehrer – in der sich verändernden Schule mit all ihren Anforderungen – brauchen. Das ist nicht passiert. Die Gewerkschaftsspitzen wollen aber lieber abwarten und Schlimmeres verhindern. Wir wollen gemeinsam und offensiv kreative Konzepte entwickeln und damit in Verhandlungen gehen.

Welche Forderungen sollte die Gewerkschaft denn Ihrer Ansicht nach in die Verhandlungen tragen?

Zuerst muss die Arbeit eines Lehrers klar beschrieben und definiert werden. Jeder Schüler, jede Stunde sind gleich viel wert, aber eine Stunde in großen Klassen ist anders zu honorieren als etwa eine mit einer Kleingruppe. Begleitlehrersysteme, Schulentwicklung, Teamteaching – das sind alles Veränderungen, bei denen sich die Lehrer zuerst einmal untereinander ausmachen müssten, wie sie das sehen. Das tun sie aber nicht, und so müssen wir auf die Weisheit des Dienstgebers warten.

Und der Dienstgeber hat ja zuletzt bereits Mehrarbeit für Junglehrer in Aussicht gestellt. Ist das weise?

Lehrerarbeit muss gut bezahlt werden, wir brauchen viele junge Lehrer, und die brauchen einen Berufseinstieg ohne Überforderung. Da darf nicht gespart werden. Wenn man die Lehrverpflichtung erhöht und das mit höheren Anfangsbezügen kaschiert, die sich nach ein paar Jahren in einer flachen Gehaltskurve verlieren, dann bleibt lebenslänglich nur die Arbeitszeiterhöhung. Wir haben viele alte Lehrer, die so wie ich bald in Pension gehen: Damit sinken die Personalkosten, weil die Jungen weniger kosten, auch wenn sie am Anfang mehr verdienen als bisher. Und der Dienstgeber hätte ohne Lehrpflichterhöhung noch was eingespart. Auch in dieser Frage sollten sich die Lehrergewerkschaften auf ein gemeinsames Vorgehen einigen.

Warum passiert das nicht?

Weil es fünf verschiedene Lehrergewerkschaften gibt, unter denen kaum Austausch stattfindet, und neun Bundesländerdienstrechte. Auch die Frage der Gesamtschule ist ein großes Hemmnis, genauso wie die unterschiedliche Ausbildung und Bezahlung von Lehrern. Wer die Gesamtschule nicht will, der will auch mit den „minderen“ Hauptschullehrern nichts zu tun haben. Solange es keine gemeinsame akademische Ausbildung und besseren Gehälter für alle Lehrer gibt, wird sich nichts ändern. Weil es so ist, braucht es nicht so zu bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2012)

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12 Kommentare
Gast: pezibär12
27.03.2012 07:54
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Ich habe beide Herren bereits erlebt

Ich habe zu beiden Herren keinen besonderen Bezug, hatte aber doch den Eindruck, dass Herr Quin mit sehr viel Wissen kompetent informierte, während ich bei Herrn Sellner diesen Eindruck überhaupt nicht hatte.

Überheblich kam mir keiner der beiden vor, weder Quin noch Sellner, kompetent bei konkreten Fragen war aber eigentlich nur Quin.

Gast: I bin net der Quin
26.03.2012 16:11
0 0

Splittergruppe

Bislang dachte ich, dass der Alt-68er-Verein "Öli-UG" nur im Standard einen Fixplatz hat. Jetzt beginnt also auch die Presse -- aufgrund welcher Überlegungen mag ich nicht mutmaßen -- an der Aufwertung der Kleinfraktion zu arbeiten.

Bitte, wenn es jemandem Freude macht, die Meinung des 4. Zwerges von links zu hören, soll er sich das Vergnügen ruhig gönnen.

Als völlig fraktionsfreies Gewerkschaftsmitglied möchte ich allerdings eine (im Sinne homöpathischer Wirkungslehre überaus wichtige) Senfgabe loswerden: Die Öli-UG betreibt eine Politik des Nicht-Dabeiseins.

In den relevanten Gremien sind die 2 nämlich immer sehr passiv...

Antworten Gast: Osterhase
26.03.2012 19:05
1 0

Net der Quin? Klingt aber so!

Wer wissenschaftliche Erkenntnisse z.B. aus der Gehirn- und Genforschung einfach zur Seite schiebt, Erkenntnisse im Bildungsbereich aus anderen Staaten als nicht existierend ansieht und nicht enden wollende fraktionelle Gewerkschaftssitzungen als Bildungspolitk statt haxelbeißen zu verkaufen versucht ist arm. Diese Armut versucht offenbar der 4. Zerg von links, mit ca. 25% der Stimmen aus allen politischen Lagern im AHS-Bereich, zu mildern. Für unsere Kinder, für Österreich und auch für die Bekämpfung der Armut von Quinn und seinen Gefolgsleuten wünsche ich der ÖLI-UG großen Erfolg!

Gast: Teuferl
26.03.2012 15:28
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Arroganz?

Man kann ja verschiedenster Auffassung sein, aber ich habe ein bisschen gegoogelt. Der Website der AHS-Gewerkschaft entnehme ich, dass Sellners Fraktion 2 von 17 Mandaten im Führungsgremium der AHS-Gewerkschaft stellt. Sehr großen Rückhalt dürfte er unter den Lehrern wohl nicht haben.

Antworten Gast: Petra Mann
26.03.2012 16:10
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Re: Arroganz?

Und?
Macht das Quinns Verhalten weniger arrogant? Wer ihn übrigens kennt, kann bestätigen, wie arrogant und selbstgefällig er ist.

Gast: HerrZinfarkt
26.03.2012 12:43
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Die unglaubliche Arroganz des Herrn Quin

möge an der Stärke seiner Mutterpartei gemessen werden: 25% Prozent Wähleranteil entspricht ungefähr der Anhängerschaft der Bundes-ÖVP; die Wiener Schwarzen können selbst davon nur träumen.
Das sind die "Minderheiten", deren querulierende Ansichten nicht einmal einer Diskussion gewürdigt werden? Seltsames Demokratieverständnis.
Und der neue Wiener ÖVP-Obmann (wie heißt der eigentlich?) hat nichts Besseres zu tun, als Quins Kredo großflächig zu plakatieren: Alle Kinder sind verschieden - warum sollen alle in die gleiche Schule gehen? Logisch ergibt sich daraus eine eigene Schule für jedes Kind. "Jedem des Seine" - stand das nicht am Tor des KZ Buchenwald?

Beispiel AUA!

Die Mitarbeiter der AUA, waren jahrelang über eine starke Gewerkschaft "gut" vertreten. Privilegien ohne Zahl, haben das Unternehmen naturgemäß ruiniert und in die Pleite getrieben. Dass diese Gewerkschaft noch immer nicht begriffen hat, dass Geld nicht permanent vom Staat kommt, wenn man es braucht, scheint deren weltfremde Eigenschaft zu sein.
Bei der GÖD ist diese dumme Weltfremdheit wohl potenziert, nur leider haben wir die Schulen noch nicht privatisiert und an eine "Lufthansa" verkauft!

Die ÖLI-UG, sind wohl die einzigen, die begriffen haben, dass man mit Blockieren auf Dauer nicht weiterkommt, aber wahrscheinlich sind sie aus diesem Grund, bei den Lehrern nicht beliebt ;-))

Gast: Ambros Gruber
26.03.2012 09:58
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Gut! Kreative und konstruktive Vorschläge...

... statt dem Modell: "Schwarz geboren und nichts dazugelernt"!

Gast: 1. Parteiloser
26.03.2012 08:54
0 1

Abwarten und Blockieren ist eine logische Reaktion!

Die Fakten aus dem RH Einkommensbericht schauen so aus!

http://www.rechnungshof.gv.at/berichte/einkommensberichte.html

Aktive Einkommen:
Arbeiter:................18.318.-
Angestellte:...........34.146.-
Selbstständige.:....23.657.-
Beamte:................51.228.-

Soziale Alterssicherung:
Gesetzliche PV.:.....14.634.-
Ruhegenuss:..........35.693.-

Die Details zu den Bundeslehrpersonen schauen, nach dem Personaljahrbuch des Bundes und der OECD Studie so aus:

2010
Aktive Jahreseinkommen:...50.191.-
Jährlicher Ruhegenuss:.......51.430.-
Jährliche Unterrichtszeit:.....589 Stunden
= 12,5 Stunden pro Woche, wenn man 5 Wochen Jahresurlaub berücksichtigt.

Jede Änderung am Dienstrecht kann nur eine Korrektur bei den Leistungsanforderungen und Entlohnungen bringen, weil sich die Österreicher diesen Wahnsinn niemals leisten können.

Die 350.000 aktiven öff. Bediensteten kosteten schon 2010 um die 42 Mrd. Euro. Die Gesamtheit des öff. Dienstes hat aber 487.000 öff. Bedienstete und wird Kosten um die 55-60 Mrd. Euro verursacht haben. Dazu kamen noch die Zuschüsse von knapp 10 Mrd. zu den irren Ruhegenüssen. Es geht also im 60 - 70 Mrd. Euro pro Jahr!

Das gesamte Steueraufkommen lag 2010 aber bei 67 Mrd. Euro bei einer hohen Abgabenquote.

Vordergründig und kurzfristig schützt die Gewerkschaft die Mitglieder, langfristig wird der öff. Dienst so nicht zu halten sein (siehe Griechenland). Muahahaha, die nehmen sich selber die Existenz!

Der Horizont der Staatsdiener, reicht nicht ...

... um deren Unfinanzierbarkeit zu erkennen!

Es ist wohl eine ökonomische Unterbemitteltheit, die die Mitgliedschaft zum Staat und den Gewerkschaften unweigerlich nach sich zieht, oder gar voraussetzt.

Allein eine starke und autonome Regierung, könnte diesem Spuk des Poltergeistes namens "öffentlicher Dienst" ein Ende setzen.

Wie realistisch das ist, wissen wir alle!

Gast: idefix2012
26.03.2012 06:44
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Ja, ja die ÖLI's

Wenn man R. Sellner und die ÖLI's erlebt hat, dann weiß man auch, dass diese Truppe zum Großteil aus ziemlich weltfremden Quertreibern besteht, für die das 68er-Jahr immer noch nicht vorbei ist und für die die Gesamtschule das einzige Heilmittel im Bildungsbereich darstellt.

P.S.: Ich gehöre nirgends dazu, ich habe diese Truppe nur wahlwerbend erlebt!
Und das reichte!

Antworten Gast: öli-fan
26.03.2012 16:17
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Re: Ja, ja die ÖLI's

Ich habe Sellner persönlich kennengelernt und reden gehört. Er ist ein hochintelligenter, redlicher Mann und engagierter Lehrer ohne Standesdünkel.

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