Schwänzen: Computerchips, Geld und fragwürdige Beauftragte

25.03.2012 | 18:37 |  THERESA AIGNER (Die Presse)

Nach Uni-Beauftragtem und Fahrrad-Beauftragtem hat Wien nun auch einen Schulschwänz-Beauftragten. Ob man ihn wirklich braucht, um jugendlichen Schwänzern beizukommen, ist allerdings fraglich.

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Wien. „Ihr Kind ist noch immer nicht in der Schule angekommen.“ SMS-Nachrichten mit diesem Inhalt erreichen neuerdings Eltern in der brasilianischen Stadt Vitória da Conquista, wenn ihre Sprösslinge 20Minuten nach Schulbeginn noch nicht in der Schule erschienen sind. Denn: In die Uniformen der Kinder werden Microchips eingenäht, und ein Computer registriert dadurch, ob sich ein Schüler am Schulgelände aufhält oder nicht. Ist man zwanzig Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht von dem Computer erfasst, schickt dieser automatisiert eine SMS-Benachrichtigung an die Eltern des betreffenden Schülers. Diese skurrile Form der Überwachung wurde eingeführt, um den Eltern der Kinder vor Augen zu führen, wie oft ihre Kinder im Unterricht fehlen.

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Aber das ist bei Weitem nicht die einzige absurde Methode, die man sich hat einfallen lassen, um schwänzende Schüler in die Schule zu bekommen: In Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio etwa erhalten Schüler der Dohn Community High School regelmäßig Geldgutscheine, wenn sie brav zum Unterricht kommen. Zu solch kuriosen Maßnahmen greift man zwar in Österreich nicht, aber auch hierzulande versucht man dieser Tage, dem Schwänzen beizukommen.

 

A New Sheriff is in Town

In Wien wurde deshalb in der vergangenen Woche der – mit Spannung erwartete – „Schulschwänz-Beauftragte“ präsentiert. Es handelt sich dabei um Horst Tschaikner, der schon bisher Mitarbeiter im Wiener Stadtschulrat war und davor als Haupt- und Berufsschullehrer gearbeitet hat. Er wird weder Geldgutscheine verteilen noch Schuluniformen mit Microchips ausstatten. Er wird auch nicht in den Wiener Kaffeehäusern nach jugendlichen Schwänzern suchen und sie zurück in die Schule eskortieren. Er wird sich überhaupt nur sehr wenig mit jenen Jugendlichen befassen, die der Schule häufig fernbleiben. Vielmehr soll er eine übergeordnete Anlaufstelle für Direktoren, Eltern und Lehrer sein.

Seine erste Amtshandlung: Er wird für eine klare Datenlage zum Schulschwänzen an den Wiener Schulen sorgen müssen – diese fehlt nämlich bisher. Außerdem soll er einen Maßnahmenkatalog und einen Leitfaden erarbeiten sowie eine Hotline betreuen. Und: Er will internationale Best-Practice-Projekte recherchieren – ob er sich dabei an Microchips und Geldgutscheinen orientiert, bleibt zu bezweifeln. Zu bezweifeln bleibt aber auch, ob es für die genannten Tätigkeiten tatsächlich einen eigenen Beauftragten braucht – „den Beauftragten Nr.23 oder 24“, wie die Opposition spottet. Im Grunde könnten all diese (bürokratischen) Tätigkeiten auch von einem regulären Mitarbeiter des Stadtschulrats übernommen werden. Und auch die Daten hätten schon längst gesammelt gehört. Aber in dem Fall wären die Journalisten wohl nicht in Massen ins Büro der Stadtschulratspräsidentin geströmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2012)

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