Lehrerbildung: Der regionale Wildwuchs

Die Politik zieht sich zurück. In der Frage, wie die neue Lehrerbildung künftig aussehen soll, ist die Koalition bis heute nicht bereit, eindeutige Vorgaben zu machen. Zu unterschiedlich sind die Positionen von Unterrichts- und Uni-Ministerium.

sUnterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) macht keinen Hehl daraus, wie sie sich die Zukunft der Lehrerbildung vorstellt. Die (in ihrer Ressortzuständigkeit) befindlichen pädagogischen Hochschulen – an den meisten finden derzeit Rektorenbestellungen statt – sollen zu pädagogischen Unis aufgewertet werden. Uni-Minister Karlheinz Töchterle (ÖVP) ist anderer Meinung: Die Federführung sollten die Unis übernehmen. Vom eigenen Standpunkt will keiner abrücken. Kompromiss: Je nach regionaler Gegebenheit sollen unterschiedliche Lösungen gefunden werden.

Derzeit werden sowohl an den PH als auch an den Unis Potenzialanalysen durchgeführt. Darauf aufbauend soll über etwaige Kooperationen und über Zusammenschlüsse entschieden werden.

Weiter: „Die Presse“ hat sich die unterschiedlichen Entwicklungen in den Bundesländern angesehen.


Wien

Machtspiel. Fünf Universitäten und drei pädagogische Hochschulen bilden in Wien Lehrer aus. Kooperation ist hier also besonders dringlich gefordert. Allein: Eigenverantwortung abgeben, das können sich nur die wenigsten vorstellen. Eine Ausnahme stellt dabei die TU Wien dar, die ob der schwierigen finanziellen Situation vier der fünf Lehramtsstudien schließen möchte. Für die Uni Wien ist das nicht denkbar. Immerhin sei man mit 26 Unterrichtsfächern die „größte Einrichtung für Lehrerbildung in Österreich“. Deshalb entschied sich Rektor Engl für die Schaffung eines eigenen Zentrums für Lehrerbildung. Ob es zu einer Annäherung mit der PH kommen wird, bleibt noch abzuwarten. Dort steht ein Wechsel an der Führungsspitze an. Rektorin Dagmar Hackl wird mit Ende September ihr Amt zurücklegen. Dem Vernehmen nach war für diese Entscheidung vor allem der politische Druck ausschlaggebend.


Niederösterreich

Landeswunsch. Niederösterreich wünscht sich nicht nur eine eigene Medizin-Universität, sondern auch eine pädagogische Uni. In diesem Zusammenhang wurde die PH beauftragt, vorbereitende Maßnahmen zu treffen. Das heiße aber nicht zwingend, dass sich die PH selbst zu einer pädagogischen Uni weiterentwickeln müsse, sagen Insider. Es solle lediglich ein Weg gefunden werden, wie Niederösterreich zu seiner eigenen Lehrerausbildungsstätte auf tertiärem Niveau kommen könnte. Angesichts des Fehlens einer niederösterreichischen Uni, die sich um die Lehrerbildung kümmert, ist es aber wohl naheliegend, die PH aufzuwerten. Der zumindest inoffiziell bereits in seinem Amt bestätigte Rektor, Erwin Rauscher, gibt zu bedenken, dass er „großen Respekt vor der unverzichtbaren fachlichen Kompetenz der Unis“ hat. Für Kooperationen sei man also dankbar. Erste Gespräche mit Unis gab es bereits.


Oberösterreich

Sonderstatus. Für die Universität Linz ist die Lehrerbildung kein Steckenpferd. Weshalb sich in Oberösterreich die beiden PH besonders hohe Chancen auf die Führungsposition in Sachen neuer Lehrerausbildung ausrechnen. Dazu brauche es aber nicht nur mehr habilitierte Professoren, sondern einen Ausbau der Forschungstätigkeit. Denkbar sind dabei Kooperationen mit den Universitäten Passau, Salzburg und Wien. Das Problem: die Distanz zwischen den einzelnen Institutionen. Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer (ÖVP) sieht das pragmatisch: Die Professoren sollen eben zu den Studenten fahren, nicht umgekehrt. Selbst Wissenschaftsminister Töchterle bezeichnete Oberösterreich neben Vorarlberg als eine jener Regionen, in denen die Errichtung einer pädagogischen Universität (angesichts der fehlenden universitären Lehrerausbildung im Bundesland) durchaus sinnvoll sein könnte.


Salzburg

Pragmatismus. Die Uni Salzburg will in Sachen Lehrerbildung „Flagge zeigen“, so drückte das Uni-Salzburg-Rektor Heinrich Schmidinger vor wenigen Monaten aus. Im kommenden Wintersemester soll die „School of Education“, also eine eigene Fakultät für Lehrerbildung an der Universität Salzburg, den Betrieb aufnehmen. Schmidinger möchte in seiner Funktion als Präsident der Universitätenkonferenz (Uniko) an seiner eigenen Uni mit gutem Beispiel vorangehen und den Ton in Sachen Lehrerbildung angeben. Den Anspruch, zur pädagogischen Uni zu werden, scheint die PH-Leiterin in spe, Elfriede Windischbauer, ohnehin nicht zu haben. Es soll etwas gemeinsames Drittes entstehen. Gehe es nur um das PH-Interesse, würde sie natürlich für eine pädagogische Uni plädieren. Dem ist aber nicht so. Denn: Es gehe um die beste Ausbildung für die Schüler, zeigt sich die neue Leiterin schon jetzt pragmatisch.


Steiermark

Eingliederung. In jenen Städten, in denen es ohnehin Unis gebe, habe es „wenig Sinn“, neue pädagogische Unis zu schaffen. Ziel sei es, die PH in die Unis einzugliedern. Das sagte Martin Polaschek, Leiter der Taskforce „Lehrerbildung neu“ der Universitätenkonferenz, Anfang des Jahres im Gespräch mit der „Presse“. Brisant dabei: Polaschek ist Vizerektor an der Uni Graz. Seine Meinung dürfte demnach im steirischen Lehrerbildungssektor durchaus Gewicht haben. Derzeit wird versucht, die Kooperationen zwischen der Uni und den beiden steirischen pädagogischen Hochschulen (PH Steiermark und der Kirchlichen PH Graz) auszubauen. Ein österreichweites Vorzeigeprojekt besteht bereits: die Initiative „gemeinsamer Hörsaal“. Diese soll neben Physik, Biologie, Geografie und Wirtschaftskunde, Geschichte sowie Religion auf weitere Unterrichtsfächer ausgedehnt werden.


Burgenland

Blick nach Graz. Die PH Burgenland ist nicht nur eine sehr kleine Institution, sondern auch die einzige Lehrerausbildungsstätte im Bundesland. Deshalb machte man sich dort auf die Suche nach geeigneten Partnern. Und diese scheint man mit der Uni Graz und der PH Graz bereits gefunden zu haben. Zwischen den Institutionen gab es schon einige Gespräche. Erstes Ergebnis: die gemeinsame Unterzeichnung einer Willenserklärungen, eines sogenannten „Letter of intent“. Geht es nach dem bereits im Amt bestätigten Rektor der PH, Walter Degendorfer, dann könnte es zwischen den Lehrerbildungsstätten bald Verbundprofessuren geben. Den Lehrenden müsse es dabei zumutbar sein, zwischen Graz und dem Burgenland zu pendeln. Ausschließen möchte Degendorfer aber auch die Weiterentwicklung der PH zur pädagogischen Uni nicht. Allein: Letztendlich sei es eine politische Entscheidung, die es zu treffen gilt, so der Rektor.s

Kärnten

Verschränkung. Das Ziel der Uni Klagenfurt ist die Schaffung einer „School of Education“. Inwieweit die PH dabei miteingebunden werden soll, ist bislang ungewiss. Eine gemeinsame Entwicklungsgruppe soll sich aber genau dieser Frage widmen. Als ergebnisoffenen Prozess beschreibt man das an der PH. An der Uni setzt man sich hingehen das Ziel, die „School of Education“ als federführende Institution in Sachen Lehrerbildung zu etablieren. „Wir wissen, was wir wollen, aber nicht, was wir können“, sagt Werner Wintersteiner, Mitglied der Vorbereitungsgruppe der „School of Education“ an der Uni Klagenfurt, in Anspielung auf die fehlenden politischen Vorgaben zur „Presse“. Generell sei die Beziehung zwischen den beiden Institutionen eine sehr gute. Immerhin ist die derzeitige PH-Rektorin, Marlies Krainz-Dürr, eine karenzierte Mitarbeiterin der Universität.


Tirol

Verwandtschaftspakt. Erst vor wenigen Tagen wurde es fix: Elmar Märk wird neuer Leiter an der PH Tirol. Damit ist die Lehrerbildung in Tirol Familienbusiness. Denn: Elmar Märks Bruder, Tilman Märk, ist der erst kürzlich inaugurierte Rektor der Uni Innsbruck. Und dieser ließ in letzter Zeit keinen Zweifel daran, wohin die Reise gehen soll. Erst Ende April gab die Uni bekannt, eine „School of Education“ zu gründen. Dabei gab es auch eine klare Ansage an die PH: Sie soll ebenso miteinbezogen werden wie die Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (Bakip). Der bisherige Rektor der PH, Markus Juranek, der trotz Bewerbung nicht im Amt bestätigt wurde, zeigte sich von dieser Idee wenig begeistert. Vermehrte Kooperationen konnte er sich zwar vorstellen, eine Eingliederung der PH in die Uni jedoch nicht. Inwieweit sich der eigene Bruder gegen das Vorhaben einer Einbindung der PH stellen wird, bleibt fraglich.


Vorarlberg

Vorreiter. Die besten Chancen, zu einer Pädagogischen Uni aufgewertet zu werden, hat die PH Vorarlberg. Dass es keine Uni im gleichen Bundesland gibt, ist dabei nicht unwesentlich, aber nicht entscheidend. Die PH zeichnete sich auch bislang bereits durch ihre vergleichsweise gute Forschung aus. Möglich machte das die Zusammenarbeit im Hochschulverbund der Bodenseehochschule, an dem sich Liechtenstein, Deutschland und die Schweiz beteiligen. Die Aufwertung zur Pädagogischen Uni ist in Vorarlberg auch das erklärte politische Ziel. Und dennoch: Der Weg dorthin ist ein langer. Deshalb halte man sich alle Optionen offen, so der bereits wiedergewählte Rektor Ivo Brunner. Denkbar ist auch eine verstärkte Kooperation mit der Uni Innsbruck. Das setze sowohl die Mobilität der Professoren als auch der Studierenden voraus. Erster Entwicklungsschritt: Die PH versucht den Anteil des Forschungspersonals zu erhöhen.


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