Maturareform: Angst vor dem zentralen Niveauverlust

Die zentrale Mathematikmatura lässt in vielen Gymnasien die Furcht vor einer Nivellierung nach unten wachsen. Die neuen Rechenbeispiele würden lediglich ein "niedriges Grundniveau" abdecken, so die Kritik.

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(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Wien. Ist die neue Mathematikzentralmatura leichter als die bisherige Reifeprüfung? Ja – wenn man die Quote der negativen Arbeiten im erstmals durchgeführten Schulversuch als Maßstab nimmt. Bisher schrieben alljährlich durchschnittlich 15 Prozent der Schüler ein Nicht genügend. Am 9. Mai fielen nur 8,6 Prozent durch.

Leichter ist die Zentralmatura auch nach Ansicht vieler Lehrer an der AHS. Denn über die einzelnen Schultypen hinweg gibt es vom Realgymnasium bis zum Borg – je nach Schwerpunkten – ein starkes Gefälle beim Mathematikniveau. So prüfte für die „Presse“ ein AHS-Lehrerteam aus Braunau jene Aufgaben, die für den Pilotversuch verwendet wurden.

Die Lehrer kommen zu dem Schluss, dass nur ein „sehr niedrig angesiedeltes Grundniveau“ gesichert werde. „Die Mathe-Wahlpflichtgruppe einer 7.Klasse konnte die Übungen zu den Grundkompetenzen ohne Vorbereitung in einer Stunde recht gut bewältigen“, sagt Mathematiklehrer Josef Schmid. Zwar sei der zweite Maturateil, der die Grundkompetenzen vernetzt, schwieriger als der erste. Aber insgesamt gebe es „keinen Vergleich zu einer Matura in unserem Gymnasium“. Auch AHS-Lehrer aus Wien urteilen, dass der erste Teil das Niveau der 5. oder 6. Klasse habe: Diese Aufgaben könne „wirklich jeder schaffen“.

 

Heftige Kritik der Gewerkschaft

Weit schärfer formuliert das AHS-Gewerkschaftschef Eckehard Quin: „Die Nivellierung nach unten ist systembedingt. Es gibt schon an den verschiedenen AHS-Standorten sehr unterschiedliche Leistungsniveaus. Weil das Ministerium nicht zulassen kann, dass an Brennpunktschulen 80 Prozent negativ sind, muss das Niveau gesenkt werden.“ Schon im Probedurchlauf wurden „ziemlich große Unterschiede zwischen einzelnen Schultypen“ festgestellt, sagt der für den Schulversuch verantwortliche Werner Peschek von der Universität Klagenfurt.

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Die Lösung, die Gewerkschafter und Uni-Didaktiker vorschlugen, war eine teilzentrale schriftliche Matura, bei der nur die Grundkompetenzen zentral vorgegeben werden und die Schule zusätzliche Aufgaben einbringt – wobei die Schüler beides positiv absolvieren müssten. Für Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) drängte jedoch die Zeit. Es gab wenig Spielraum. So wird 2014 Mathematik schlechter vorbereitet als jedes anderes Maturafach an den Start gehen. „Bei Schulversuchen sollte man etwas ausprobieren. Es ist schade, dass das unterbunden wurde. Das Ministerium wusste offenbar schon, wie es funktioniert“, sagt Didaktiker Johann Humenberger von der Uni Wien. Er wartet darauf, wie sich der zweite komplexere Teil bewährt – und sieht dabei noch eine Gefahr: Hier könnten künftig weit mehr Schüler durchfallen, was zu einer Streichung des zweiten Teils führen würde. Dann käme es für die Gesamtheit der Schulen zur Nivellierung nach unten.

Übrigens: Die Zahl der Nicht genügend beim Schulversuch ist mit Vorsicht zu genießen. Die Maturanten wurden durch Pilotversuche gut vorbereitet und ihre Lehrer von der Uni Klagenfurt speziell unterstützt. Außerdem nahmen nur 220 Schüler aus 13 Klassen teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2012)

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