Es ist etwas, das Erwachsene dem eigenen Nachwuchs immer wieder predigen – aber meist selbst nicht einhalten: das Schönschreiben. Und auch in der Schule legen Lehrer Wert auf eine saubere und vor allem schöne Schrift – zu viel Wert, meint der Sensomotorik-Experte Christian Marquardt nun.
Denn die Kinder würden versuchen, beim Schreiben möglichst genau zu sein, dabei verkrampfen und sehr lange für einzelne Bewegungen brauchen. In den ersten beiden Volksschulstufen sei das auch kein Problem. „Aber ab der dritten Klasse müssen die Kinder auf einmal sehr schnell schreiben, um dem Unterricht folgen zu können“, so Marquardt. Und darunter würde wiederum die schöne Schrift leiden.
Wenn Schüler allerdings früher schneller und flüssiger schreiben lernen, können sie sich später im Unterricht auf den eigentlichen Stoff konzentrieren. Die Schönschrift würde sich dann von alleine entwickeln.
In Zusammenarbeit mit dem Wiener Stadtschulrat, der Schreibwarenfirma Stabilo und der Pädagogischen Hochschule Wien startete Marquardt an drei Wiener Volksschulen ein Pilotprojekt, um die Schreibmotorik der Kinder zu verbessern. Mit Erfolg, denn die Kinder zeigten nach sechs Monaten schon wesentliche Verbesserungen auf. 150 Mädchen und Burschen nahmen am Projekt teil.
Jene Schüler, die eigens entwickelte Übungen machten, schafften etwa wesentlich mehr Auf- und Abstriche pro Sekunde als Kinder der Kontrollklasse, die den Unterricht ohne spezielle Änderungen fortführten (siehe Grafik).Zwei „L“ in Schreibschrift konnten die geübten Schüler nach dem Training doppelt so schnell schreiben. Auch die Lehrer der Kinder zeigten sich zufrieden: Sie gaben an, die Kenntnisse, die sie während der Studie erfahren haben, künftig in die pädagogische Ausbildung integrieren zu wollen. Außerdem würden sie das Schreibtraining auch anderen Pädagogen weiterempfehlen.
Buchstaben spielerisch erlernen
Wie genau übt man mit den Kindern aber nun die Schreibmotorik? Einmal in der Woche wurden im Unterricht spezielle Übungen dazu gemacht – und zwar auf spielerische Art und Weise. Die Kinder malten etwa einem Krokodil Zähne und Zacken, um Assoziationen zu den Buchstaben A, V, U, W und M herzustellen. Die Stärke, mit der man den Stift auf das Papier drückt, sei etwa „wie wenn man mit der Stiftspitze einer Katze durch das Nackenhaar fährt“, wurde den Schülern erklärt. Margit Heissenberger von der Pädagogischen Hochschule Wien hat während der Projektlaufzeit „viele Ansätze gesehen, die wir aufgreifen müssen“. Die Ergebnisse wolle sie in die Ausbildung der Lehrer miteinbeziehen. Bereits im Herbst werden in den Hochschulen spezielle Einschulungen dazu gemacht werden. Auch Fortbildungskonzepte sollen in Zukunft mit dem Stadtschulrat ausgearbeitet werden, so das Vorhaben.
Internationale Studie
Der Enthusiasmus für das erfolgreiche Pilotprojekt geht sogar soweit, dass man es über die Landesgrenzen hinaus weiterziehen will. „Wir wollen recherchieren, ob andere Länder dazu geforscht haben“, meint Heissenberger. „Auf diese Weise können wir uns vernetzen und gemeinsame Forschungsansätze ausarbeiten.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
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