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Pasuchin: "Bildungsgesellschaft ist nur heiße Luft"

24.06.2012 | 18:28 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

In seiner Habilitation zieht der Wissenschaftler, Lehrer und Komponist Iwan Pasuchin gegen die Bildungslüge des Neoliberalismus, "Repressionen" im Schulsystem und den blinden Technikglauben zu Felde.

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Die Presse: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Die Vision einer Bildungsgesellschaft, in der das akkumulierte Wissen die zentrale ökonomische Ressource darstellen sollte, wurde im Zuge des Crashs des entfesselten Kapitalismus endgültig ad absurdum geführt.“ Höre ich da primär Kapitalismuskritik – oder Kritik an der Wissensgesellschaft?

Iwan Pasuchin: Ich definiere Wissensgesellschaft als Gesellschaft, in der die wichtigste Ressource durch Lernen erworben wird, und die den Menschen verheißt, dass alle, wenn sie sich nur ausreichend Wissen aneignen, sichere, tolle Jobs erhalten, ihre Freiräume und ihre Kreativität leben dürfen und Wohlstand erfahren...

 

Die Wissensgesellschaft wäre in dieser Definition ohne das kapitalistische System also so gar nicht möglich gewesen.

Richtig. Der Zeitabschnitt, von dem wir hier sprechen, beginnt mit dem Neoliberalismus. Hier hat auch der Informationalismus eingesetzt, der Technik-Determinismus, der blinde Glaube an die heilsame Wirkung der Technologie, die all unsere materiellen Probleme lösen wird und dazu führt, dass wir alle nur noch geistig-kreativ arbeiten.

Das entspricht nicht unserer Lebensrealität. Woran ist diese Vision Ihrer Ansicht nach gescheitert? Woran ist die Wissensgesellschaft gescheitert?

„Gescheitert“ ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin der Ansicht, dass es nie wirklich geplant war, diese Versprechungen umzusetzen. Diese Versprechungen waren vielmehr bloßes Mittel, um den Kapitalismus mit einer positiven Vision aufzuladen, um ihn mit einem Sahnehäubchen zu verkaufen. So konnte man den Menschen vieles verkaufen, was ihnen sonst gar nicht so geschmeckt hätte. Den Menschen wurde suggeriert, dass der technische Fortschritt etwas Gottgegebenes sei – und wir unsere Wirtschaft darauf einstellen müssen. In Wahrheit ging es einer gewissen Klasse aber immer nur darum, ihre Ideologie möglichst ohne Widerstände umsetzen zu können.

 

Unsere Wissens- und Bildungsgesellschaft wäre damit in einer handfesten Krise.

Sie ist nicht in einer Krise, sie ist inexistent. Wenn man das Gedankenkonstrukt abklopft, sieht man: Es funktioniert nicht. Die Bildungsgesellschaft ist heiße Luft. Wie ein Ballon, in den man nur hineinstechen muss. Bildung wird missbraucht, Menschen dazu zu bringen, immer mehr zu leisten. Dabei hat man aber immer gewusst, dass man die Arbeitsbedingungen und den Wohlstand, den man ihnen versprach, nie schaffen würde können. Viele Menschen sehen mittlerweile, wie der Neoliberalismus versagt hat. Dass so gleichzeitig unsere Bildungs- und Informationsgesellschaft ad absurdum geführt wurde, dieser Zusammenhang ist nicht bei ihnen angekommen. Viele glauben bis heute, dass sie alles schaffen können, wenn sie nur immer noch mehr und noch mehr leisten. Diese Investition kommt nur leider nie am eigenen Lebenskonto an.

In der Schule habe dieses Denken zur „Repression“ gegenüber schlechten Schülern geführt, heißt es weiter in Ihrem Buch. Sie sind selbst Lehrer. Erleben Sie den Alltag im österreichischen Schulsystem so?

Ja. Die Zweigliedrigkeit des heimischen Schulsystems ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man Klassengrenzen zementiert. Die Politik hat sich de facto aus der Wirtschaft zurückgezogen. Nur über den Bildungssektor greift sie noch wirklich ein. Die Schule soll Kanonenfutter für den globalen Wissenskrieg produzieren. Die Politik fordert, dass wir die Menschen beschäftigungsfähig machen. Und das obwohl wir wissen, dass es vielfach gar keine Beschäftigung für sie gibt. Ich unterstelle der Politik nicht, das absichtlich zu tun. Die Politiker sind selbst Getriebene ihrer eigenen Machtlosigkeit. Das alles, diese Aussichtlosigkeit, ist aber ein Grund für die Bildungsverweigerung, die ich im Schulalltag erlebe. Daran können auch die vielen engagierten Pädagogen nichts ändern.

 

Wie äußert sich diese Bildungsverweigerung?

Ich arbeite an einer Neuen Mittelschule, einer sogenannten Brennpunktschule mit hohem Migrantenanteil. Ich erlebe, dass viele Kinder gar keine Motivation mehr haben, zu lernen. Und zum Teil verstehe ich sie. Leider. Was erwartet die Jugendlichen? Sie müssen sich jahrelang durch das Schulsystem und durch die Uni kämpfen, damit sie dann, wenn sie Glück haben, schlecht bezahlte Praktika machen dürfen. Und am Abend müssen sie Taxi fahren, damit sie sich ihr Leben überhaupt leisten können. Und wenn mir Kinder sagen, sie wollen all das nicht und gehen gleich zu McDonald's an die Kassa oder Pakete austragen: Was soll ich, bei all meiner Motivation, dem entgegenhalten?

Wie können Lehrer dem dennoch entgegenwirken?

Politische Strukturen kann der Einzelne nicht verändern. Wir müssen aber dringend aufzeigen, dass wir mit den Aufgaben, die uns da aufgezwungen wurden, nicht einverstanden sind. Wir müssen offen sagen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, Menschen beschäftigungsfähig und zu Kanonenfutter für das bestehende System zu machen. Sondern im Gegenteil: Wir müssen bei Lehrern das Bewusstsein schaffen, dass sie maßgeblichen Anteil daran haben, wie die Zukunft aussehen wird. Denn in der Art, wie wir Schüler ausbilden, legen wir den Grundstein dafür, wie sie künftig die Arbeitswelt und die Wirtschaft gestalten. Die Pädagogik darf der menschenunwürdigen Arbeitswelt nicht nachlaufen. Vielmehr muss sie den Jungen die Kompetenzen vermitteln, sie zu ändern.

Zur Person

Iwan Pasuchin (*1970) ist Komponist und promovierter (Medien-)Pädagoge. Pasuchin lehrt am MediaLab des Mozarteum in Salzburg und unterrichtet an einer Neuen Mittelschule. In seiner Habilitation, die diese Woche erscheint, widmet er sich dem „Bankrott der Bildungsgesellschaft“. [www.mediaculture-online.de]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)

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24 Kommentare

In einem hat er auf jeden Fall recht

Menschen müssen lernen WOLLEN! Die Verantwortung der Lehrenden ist, die Gelegenheiten zu bieten - die der Lernenden, die Gelegenheiten wahr zu nehmen.
Die Eltern spielen auch noch eine Rolle. Vor noch nciht allzu langer Zeit, wurde viel Wissen von den Eltern "nebenbei" vermittelt. Kinder hatten von Anfang an ein WIssensnetz, wenn sie in die Schulen kamen - dieses Netz ist jetzt kaum mehr vorhanden - wie soll sich da neues Wissen im Hirn halten können?

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Das Problem mit der Wissensgesellschaft

Wertvolle Ressourcen sind knapp. Gibt es Wissen an jedem Eck zu erwerben, dann ist es keine wertvolle Ressource mehr, eher eine conditio sine qua non. Wenn jeder einen Studienabschluss hat und der Bachelor zum Abriß am Mutter-Kind-Pass verkommt, dann ist er kein Alleinstellungsmerkmal.
Das hat Mr. Iwan nicht überzuckert. Und wenn er den Kindern mit solch überzogenen Vorstellungen kommt und sie einen Vergleich mit der Realität anstellen, dann können sie nicht anders als demotiviert sein.
Das von ihm so gehßte System hat dafür gesorgt, dass selbst die Ärmsten Annehmlichkeiten genießen können, die früher selbst für Ludwig XIV. unerschwinglich waren. Das erst hat dazu geführt, dass es in Österreich einen nennenswerten Migrantenanteil gibt. Wenn der Neoliberalismus so schlimm wäre wie behauptet, würden die Menschen aus- und nicht einwandern.

Re: Das Problem mit der Wissensgesellschaft

Stimmt alles! Nur wir rennen alle in eine Richtung und dort ist der Abgrund - hoffentlich auch eine Brücke!

Gast: Matze
25.06.2012 10:53
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interessant...

Sehr eigenartig, dass man im 21. Jahrhundert noch ewiggestrigen Kommunisten eine Plattform für ihren Müll bieten muss...

Antworten Gast: Vorbeischauer
28.06.2012 19:10
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Re: interessant...

Dass sich eine kleine Klasse von Super-Wohlhabenden am Rest der Bevölkerung bereichert, sagt sogar der US-amerikanische Präsident. Auch ein ewiggestriger Kommunist, dem man den Mund verbieten sollte? Die Tea-Party lässt grüßen!

Seltsam

Dass Leute wie sie, angesichts der Malaise unseres Wirtschaftssystems es noch wagen, Leute die es kritisieren pauschal als Kommunisten zu bezeichnen. Ich jedenfalls finde, dass der Mann interessantes zu sagen hat.

Leider kritisiert er die Teile die funktionieren,

und vertritt die Teile die dies nicht tun.

Unser Wirtschaftssystem ist nicht "aus einem Guss", und wer mit seiner Kritik daran so zielsicher falsch liegt, kann schwerlich als "interessant" bezeichnet werden.

Mitnichten

Die essentielle Aussage ist doch, dass man Menschen nicht zu Leistung motivieren kann, wenn keine Perspektive besteht, dass diese Leistung sich auszahlt. Und wenn man die Situation vieler junger Menschen ansieht, dann zahlt sich Leistung nicht mehr aus.
Es ist effizienter zu stehlen - sie unsere lieben Banken. Und wenn man es nicht mittels gekaufter Justiz kann, dann eben mittels Waffe.

Sooo nicht!!

Das wirklich Forschende, Sensible und Differenzierende an diesem Artikel sind die Fragen von Christoph Schwarz. Iwans Äußerungen sind quasi-wissenschaftliches Hammerwerfen: so kann man nicht arbeiten und argumentieren, wenn man zu neuen Ufern will, denke ich. Wieder einmal mehr werden z.B. die Begriffe "Wissen" und "Bildung" beliebig verwendet, sodass es nicht verwundert, dass eine mediengenehme Schelte herauskommt.

Gast: Hanibal L.
25.06.2012 07:14
3 2

Mumpitz mit Doktortitel

Es ist unglaublich mit welch wirren Theorien man sich an einer Universität habilitieren kann - kopfschüttel: "Der Neoliberalismus und der blinde glaube an die Technik und Informationsgesellschaft hat uns geradewegs in die Bildungsmisere geführt".

"Sie müssen sich jahrelang durch das Schulsystem und durch die Uni kämpfen, damit sie dann, wenn sie Glück haben, schlecht bezahlte Praktika machen dürfen". Das liegt wohl daran, dass jeder glaubt ein Universitätsabschluss ist eine Arbeitsplatzgarantie, am besten in einem geschützten Bereich, egal was studiert wurde.


Re: Mumpitz mit Doktortitel

Nun, dass Akademiker studieren, weil sie von Luft und Liebe leben wollen dürfte ein Märchen sein.
Wenn es die Generation Praktikum nur in den "Orchideenfächern" gäbe, hätten Sie recht - nur ist das ein durchgängiges Phänomen.

Antworten Gast: Johan Meltini
25.06.2012 08:38
3 3

Re: Mumpitz mit Doktortitel

Wirre Theorien sollte man auch kennen, bevor man sie als wirr bezeichnet. Das ist eine intellektuelle Tugend.
Der Autor übt Kritik. Er zeigt auf, was nicht funktioniert und Ideologie und Herrschaft ist: das wir ein Glaubenssystem leben, in dem Bildung und Leistung der Schlüssel zum guten Leben sein sollen. Dem ist aber nicht so. Punkt. Es wirken andere Faktoren.
Ihre Erklärung ist typisch neoliberal: wenn ein abstraktes Konzept in der Realität nicht funktioniert hört man immer nur, dass das Konzept nicht gut genug umgesetzt worden ist. Ihm selbst aber fehle es an nichts. Das ist eine alte Masche. Das liegt aber auch daran, dass die Ökonomie erkenntistheoretisch primitiv angelegt ist. So verharrt man in praxisfremden Theorien.

Praxisfremd ist etwas anderes.

Wenn man absurde Thesen mit einem "Punkt." unterlegt, werden sie nicht haltbarer.

Es gibt in der Realität nicht den geringsten Hinweis, daß dieser "Glaube" grundsätzlich falsch wäre.

Das ist typisch ideologisch, eine These hat allein durch ihre Behauptung wahr zu sein.

Antworten Gast: pan-torra
25.06.2012 08:23
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Re: Mumpitz mit Doktortitel

und wo ist jetzt der mumpitz?

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Die Schule

kann die Wirtschaft nicht ändern, wohl aber die Gesellschaft. Leistungsbereitschaft und Arbeitstugenden wie sie früher vermittelt wurden, vermisst man heute in der Schule. Das ist nicht die alleinige Schuld der Schule. Es ist ein sich selbst verstärkender Regelkreis, dass die Schule genau das produziert, was die Ideologen unserer Gesellschaft haben wollen.

Sollte man sich nicht auch fragen

warum man als vernünftiger Mensch bei einer Abgabenquote von bald 70% noch leisten soll - besonders wenn man sieht welche Leute dann davon profitieren?

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Jedes System

lässt sich verbessern - auch unser Abgabensystem. Nur sollte man bedenken, dass für viele Produkte unserer Spaßgesellschaft bereits geregelte Schul- und Arbeitszeiten eine Zumutung sind.

In einer postindustriellen Gesellschaft

Sind geregelte Schul und Arbeitszeiten auch überdenkensewert. Immerhin kamen diese auch erst mit der Industrialisierung. Will man einen Menschen zu Passivität und Initiativlosigkeit erziehen, sind geregelte Zeiten, in denen er produktiv zu sein hat, ein gutes Rezept, ebenso, wenn man Untertanenen produzieren will.
Interessanterweise hat man bei den Höheren Bildungsformen diese Regelung nie eingeführt. Ich denke, weil man genau wusste, was es anrichtet. Wenn wir selbstständige Menschen haben wollen, dann sollten wir bereits im Bildungssystem eine Deadlinekultur pflegen, wie sie in leistungsbezogenen Berufen auch existiert. Wann der Schüler dann lernt ist egal. Ich habe z.b. am besten vor dem Einschlafen gelernt und zwar alleine und daheim. Schule war Zeitverschwendung. Hätte man mir die Bücher in die Hand gedrückt und einen Prüfungstermin gegeben, wäre ich besser damit klar gekommen ....

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Auch vor der Industrialisierung

gab es Aussaat- und Erntetermine sowie Liefertermine für die Handwerker.
Und im Bildungssystem gibt es keine Deadlinekultur. Alles kann beliebig oft wiederholt, verbessert und nachgeholt werden. So ist es nicht im wirklichen Leben.

Gast: gastgats55
24.06.2012 21:28
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ja

Meine Hochachtung an Herrn Pasuchin!

Treffender haette man das nicht sagen koennen.

Gast: kuckucksei
24.06.2012 20:03
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Schlecht schaut´s aus

Scheint so, als hätte der alte Hegel doch Recht gehabt als er schrieb, dass die notwendig entzweite bürgerliche Gesellschaft in ihrer Akkumulation von Reichtum doch nie genug Reichtum erwirtschaften kann um die durch sie produzierte Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Und da der Hegelsche Not- und Verstandesstaat, der zumindest für die Linderung dieses Ungleichgewichts zuständig gewesen wäre, auch abgeschafft wurde bzw.wird, darf man auf nichts besseres hoffen.

Die Kluft ist nicht das Problem

Eine Gesellschaft in der es Reiche und weniger Reiche gibt ist tausendmal lebenswerter als eine, in der alle gleichmäßig arm sind.

Antworten Antworten Gast: kuckucksei
25.06.2012 09:22
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Re: Die Kluft ist nicht das Problem

Wo steht da, dass alle arm sein sollen?

Nirgends.

Aber es ist für jeden denkenden Menschen die logische Konsequenz und in der Realität bereits -zug mal belegt.

Natürlich kann man sich im Elfenbeinturm auch ein Schlaraffenland zu Recht denken, in der Realität wird daraus aber stets eine neue Hölle.

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