Die Presse: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Die Vision einer Bildungsgesellschaft, in der das akkumulierte Wissen die zentrale ökonomische Ressource darstellen sollte, wurde im Zuge des Crashs des entfesselten Kapitalismus endgültig ad absurdum geführt.“ Höre ich da primär Kapitalismuskritik – oder Kritik an der Wissensgesellschaft?
Iwan Pasuchin: Ich definiere Wissensgesellschaft als Gesellschaft, in der die wichtigste Ressource durch Lernen erworben wird, und die den Menschen verheißt, dass alle, wenn sie sich nur ausreichend Wissen aneignen, sichere, tolle Jobs erhalten, ihre Freiräume und ihre Kreativität leben dürfen und Wohlstand erfahren...
Die Wissensgesellschaft wäre in dieser Definition ohne das kapitalistische System also so gar nicht möglich gewesen.
Richtig. Der Zeitabschnitt, von dem wir hier sprechen, beginnt mit dem Neoliberalismus. Hier hat auch der Informationalismus eingesetzt, der Technik-Determinismus, der blinde Glaube an die heilsame Wirkung der Technologie, die all unsere materiellen Probleme lösen wird und dazu führt, dass wir alle nur noch geistig-kreativ arbeiten.
Das entspricht nicht unserer Lebensrealität. Woran ist diese Vision Ihrer Ansicht nach gescheitert? Woran ist die Wissensgesellschaft gescheitert?
„Gescheitert“ ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin der Ansicht, dass es nie wirklich geplant war, diese Versprechungen umzusetzen. Diese Versprechungen waren vielmehr bloßes Mittel, um den Kapitalismus mit einer positiven Vision aufzuladen, um ihn mit einem Sahnehäubchen zu verkaufen. So konnte man den Menschen vieles verkaufen, was ihnen sonst gar nicht so geschmeckt hätte. Den Menschen wurde suggeriert, dass der technische Fortschritt etwas Gottgegebenes sei – und wir unsere Wirtschaft darauf einstellen müssen. In Wahrheit ging es einer gewissen Klasse aber immer nur darum, ihre Ideologie möglichst ohne Widerstände umsetzen zu können.
Unsere Wissens- und Bildungsgesellschaft wäre damit in einer handfesten Krise.
Sie ist nicht in einer Krise, sie ist inexistent. Wenn man das Gedankenkonstrukt abklopft, sieht man: Es funktioniert nicht. Die Bildungsgesellschaft ist heiße Luft. Wie ein Ballon, in den man nur hineinstechen muss. Bildung wird missbraucht, Menschen dazu zu bringen, immer mehr zu leisten. Dabei hat man aber immer gewusst, dass man die Arbeitsbedingungen und den Wohlstand, den man ihnen versprach, nie schaffen würde können. Viele Menschen sehen mittlerweile, wie der Neoliberalismus versagt hat. Dass so gleichzeitig unsere Bildungs- und Informationsgesellschaft ad absurdum geführt wurde, dieser Zusammenhang ist nicht bei ihnen angekommen. Viele glauben bis heute, dass sie alles schaffen können, wenn sie nur immer noch mehr und noch mehr leisten. Diese Investition kommt nur leider nie am eigenen Lebenskonto an.
In der Schule habe dieses Denken zur „Repression“ gegenüber schlechten Schülern geführt, heißt es weiter in Ihrem Buch. Sie sind selbst Lehrer. Erleben Sie den Alltag im österreichischen Schulsystem so?
Ja. Die Zweigliedrigkeit des heimischen Schulsystems ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man Klassengrenzen zementiert. Die Politik hat sich de facto aus der Wirtschaft zurückgezogen. Nur über den Bildungssektor greift sie noch wirklich ein. Die Schule soll Kanonenfutter für den globalen Wissenskrieg produzieren. Die Politik fordert, dass wir die Menschen beschäftigungsfähig machen. Und das obwohl wir wissen, dass es vielfach gar keine Beschäftigung für sie gibt. Ich unterstelle der Politik nicht, das absichtlich zu tun. Die Politiker sind selbst Getriebene ihrer eigenen Machtlosigkeit. Das alles, diese Aussichtlosigkeit, ist aber ein Grund für die Bildungsverweigerung, die ich im Schulalltag erlebe. Daran können auch die vielen engagierten Pädagogen nichts ändern.
Wie äußert sich diese Bildungsverweigerung?
Ich arbeite an einer Neuen Mittelschule, einer sogenannten Brennpunktschule mit hohem Migrantenanteil. Ich erlebe, dass viele Kinder gar keine Motivation mehr haben, zu lernen. Und zum Teil verstehe ich sie. Leider. Was erwartet die Jugendlichen? Sie müssen sich jahrelang durch das Schulsystem und durch die Uni kämpfen, damit sie dann, wenn sie Glück haben, schlecht bezahlte Praktika machen dürfen. Und am Abend müssen sie Taxi fahren, damit sie sich ihr Leben überhaupt leisten können. Und wenn mir Kinder sagen, sie wollen all das nicht und gehen gleich zu McDonald's an die Kassa oder Pakete austragen: Was soll ich, bei all meiner Motivation, dem entgegenhalten?
Wie können Lehrer dem dennoch entgegenwirken?
Politische Strukturen kann der Einzelne nicht verändern. Wir müssen aber dringend aufzeigen, dass wir mit den Aufgaben, die uns da aufgezwungen wurden, nicht einverstanden sind. Wir müssen offen sagen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, Menschen beschäftigungsfähig und zu Kanonenfutter für das bestehende System zu machen. Sondern im Gegenteil: Wir müssen bei Lehrern das Bewusstsein schaffen, dass sie maßgeblichen Anteil daran haben, wie die Zukunft aussehen wird. Denn in der Art, wie wir Schüler ausbilden, legen wir den Grundstein dafür, wie sie künftig die Arbeitswelt und die Wirtschaft gestalten. Die Pädagogik darf der menschenunwürdigen Arbeitswelt nicht nachlaufen. Vielmehr muss sie den Jungen die Kompetenzen vermitteln, sie zu ändern.
Iwan Pasuchin (*1970) ist Komponist und promovierter (Medien-)Pädagoge. Pasuchin lehrt am MediaLab des Mozarteum in Salzburg und unterrichtet an einer Neuen Mittelschule. In seiner Habilitation, die diese Woche erscheint, widmet er sich dem „Bankrott der Bildungsgesellschaft“. [www.mediaculture-online.de]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
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