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Die Sicherheit chinesischer Eltern in Erziehungsfragen

07.07.2012 | 18:30 |  Von Rosa Schmidt-Vierthaler (Die Presse)

Viele chinesische Familien kennen die Unsicherheit mitteleuropäischer Eltern nicht. Sie wissen, was sie von ihren Kindern erwarten: Vor allem gute Leistungen. Eine DiePresse.com-Serie.

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Eine Mutter schiebt einen leeren Kinderwagen, von ihrer Taille baumeln die Enden eines unbenutzten Tragetuchs – und ihr quängelndes Kleinkind trägt sie an die Hüfte gepresst. In Fällen wie diesen kann man wohl davon ausgehen, dass es sich um eine Mitteleuropäerin handelt. Afrikanerinnen tragen Kinder. Asiatinnen schieben Kinder. Und in Mitteleuropa versucht man gleich alles auf einmal, um es dem Kind recht zu machen. Mit diesem Anspruch klammert man sich an alle verfügbaren Ansätze und Erziehungstipps. Und derer gibt es viele – was am Ende mit sich bringt, dass oft die Ratlosigkeit noch größer ist als zuvor.

Entspannte Erzieher wie Bestsellerautor Jesper Juul bekritteln die Tendenz, „aus den Kindern Projekte zu machen“. Zuerst hätten sich alle Eltern superintelligente Kinder gewünscht, jetzt wollten alle glücklichen Nachwuchs. Ein Projekt aus dem Glück seiner Kinder zu machen, würde aber Grund für deren Unglück sein. Österreicher stellen sich gern die Frage, wie sie ihre Kinder erziehen wollen oder sollen. Ohne jedoch zu wissen, was sie von ihnen erwarten.


Klare Wertvorstellungen. Menschen in anderen Teilen der Welt scheinen solche Zweifel in der Erziehung nicht zu kennen. Südamerikanische, afrikanische oder asiatische Eltern berufen sich in Erziehungsdiskussionen weniger auf einschlägige Fachliteratur als auf klare Wertvorstellungen und Traditionen, auch wenn im urbanen Raum abseits der „westlichen Welt“ der Diskurs immer stärker wird.

Bei Migranten muss das Leben in Österreich nicht automatisch dazu führen, dass sich ihr Wertesystem langsam dem westlichen anpasst, wie der Psychologe und Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan sagt. Durch das Leben in einer Minderheit können sie ihre Werte als bedroht erleben und versuchen, sie umso dringender zu bewahren (siehe Interview). Vor allem chinesische Eltern zögern nicht, wenn man ihnen Erziehungsfragen stellt. Sie wissen ganz genau, was sie von ihren Kindern erwarten. Und das sind vor allem hervorragende Leistungen. In der Schule genauso wie in der Freizeit. Wenn ein Kind mehrere Sportarten ausprobiert, blinken schon die Warnlichter. Man muss sich den Erfolg erarbeiten, und genau das sollen die Kinder lernen. „Harte Arbeit und Fleiß“ seien der Grund für seinen Erfolg, sagt Zhan Weiping. Der chinesische Geschäftsmann hat vier Kinder im Alter zwischen acht und 21 Jahren, mit dreien von ihnen lebt er in einer Villa im 22.Bezirk. Die älteste Tochter studiert in Italien: Was sich nach mehr Freiheit anhört, als es tatsächlich ist. Sie steht weiterhin unter der Kontrolle ihrer Eltern. Mutter und Vater verfügen in der traditionellen chinesischen Erziehung über absolute Autorität. Gleichzeitig hat das Kind bei materiellen Gütern aber Vorrang. Besonders für die Bildung des Nachwuchses sind die Eltern bereit, enorme Ausgaben zu tätigen und die eigenen Bedürfnisse auf ein Minimum zurückzuschrauben. 30.000 Euro im Jahr kostet allein die Ausbildung seiner ältesten Tochter, erklärt Zhan stolz.

Das Ziel seiner Erziehung ist, dass die Kinder erfolgreich sind. Sie sollen arbeiten können, wo sie es sich wünschen, und auch Zugang zur Oberschicht haben. Falls das nicht funktioniere, könnten sie als Plan B auch Geschäfte in China machen. Deshalb ist ihm wichtig, dass sich seine Söhne und Töchter problemlos zwischen den beiden Welten bewegen und vor allem auch gut Chinesisch können. Das lernen sie vor allem am Wochenende. An der „österreichischen Erziehungsmethode“ schätze er die Freiheit, sagt er. Aber offenbar in kleinen Dosen. Denn von seinen Kindern verlangt er ganz klar Gehorsam. Wer zuwiderhandelt, wird bestraft. Der zierliche Mann lächelt höflich, als er das erzählt.

Erziehung ist kulturell bedingt, aber nicht nur. Auch die soziale Schicht, in der sich die Eltern bewegen, spielt eine entscheidende Rolle für die Wertvorstellungen. Zhan wird mit anderen international arbeitenden und erfolgreichen Unternehmern viele Gemeinsamkeiten haben. Wahrscheinlich mehr als mit einem chinesischen Bauern aus einer völlig anderen Region des 1,3-Milliarden-Einwohner-Landes. Dennoch spricht er in der Österreichisch-Chniesischen Gesellschaft über traditionelle chinesische Werte, die er weitergeben will – gemeinsam mit westlichen.

Zhans zweitälteste Tochter maturiert nächstes Jahr, der zehnjährige Sohn kommt im Herbst ins Gymnasium, die jüngste Tochter ist noch in der Volksschule. Warum er vier Kinder hat? Zuerst waren nur zwei geplant. Dann habe man sich „aus großer Liebe zu den Kindern“ für zwei weitere entschieden. Die Kinder laufen für ihn nicht nebenher, in der Familie treffe er als Vater die Entscheidungen. Er weiß, wie es den Kindern in der Schule geht und was sie in ihrer Freizeit machen. Über ihre Noten ist Zhan genauestens informiert. Es tue ihm aber leid, die Leistungen „nur vom Zeugnis“ zu kennen, sein Deutsch sei nicht gut genug, um mit den Kindern zu lernen. Bildung ist in der chinesischen Erziehung generell sehr wichtig. Die für Eltern entscheidende Frage ist: „Was muss ich tun, damit mein Kind erfolgreich wird?“ Der Erfolg des Kindes bestimmt dann auch das Ansehen der Familie.


„Ich habe Einser verlangt.“ Feng Youruo muss nach diesem Kriterium sehr angesehen sein. Ihre ältere Tochter Patricia hat vor wenigen Wochen mit nur 16 Jahren in einem Wiener Gymnasium maturiert. Im Herbst wird die erfolgreiche Jungpianistin in Frankreich Klavier studieren. Im Schnitt liest sie pro Woche ein Buch. Fengs jüngere Tochter Katherina ist eine talentierte Zeichnerin und besucht „Die Graphische“. Ob sie ihre Kinder „typisch chinesisch“ erziehe? Zumindest sagen es andere über sie. Weil ihre ältere Tochter sehr intelligent sei, habe sie die Ansprüche freilich hoch angesetzt: „Ich habe in allen Fächern Einser verlangt“, sagt Feng. Aber sie habe gewusst, dass das die Tochter nicht überfordere.

Seit das Mädchen in die Pubertät kam, habe sich ohnehin alles geändert. Plötzlich fand sie es „langweilig“, immer nur gute Noten zu schreiben, schwänzte die Schule und lehnte sich gegen die Eltern auf. Bis diese schließlich zu der Einsicht kamen, dass Patricia ihre eigenen Entscheidungen treffen müsse. „Ich unterstütze meine Tochter immer. Aber ich bin meist passiv, höre ihr zu, wenn sie Zweifel hat oder wütend ist“, sagt Feng.

Die Tigermutter. Das zeitgenössische Klischee der chinesischen „Kampfmutter“ wurde 2011 von der US-Amerikanerin Amy Chua geprägt. Die chinesisch-stämmige Juraprofessorin schrieb in ihrem Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ (deutsch: „Die Mutter des Erfolgs“) darüber, mit welchen Methoden sie ihre beiden Töchter zu Höchstleistungen anspornte. Die Kinder durften weder bei Freunden übernachten, noch welche mit nach Hause bringen. Auch ihre Hobbys durften sie nicht selbst auswählen. „Beim chinesischen Erziehungsstil geht es darum, das Beste aus seinem Kind herauszuholen“, erklärte Chua. Und zwar mit täglichem Drill. Westliche Eltern würden zu früh aufgeben. Außerdem glaube sie nicht, dass amerikanische Kinder glücklicher seien als chinesische. Nach dem Erscheinen des Buches, das auch selbstironisch ihr Scheitern beschreibt, wurde Chua wegen ihrer Methoden angefeindet. Sie hatte ihren Kindern etwa mit dem Verbrennen der Stofftiere gedroht.

Für die meisten „westlichen“ Eltern war das gelinde gesagt zu viel Druck. Auch Feng Youruo ist diese Erziehung zu streng. Obwohl sie Nachmittag für Nachmittag neben ihrer Klavier spielenden Tochter saß und in der Schule Höchstleistungen verlangte. Doch sie ließ die Kinder auch ihre eigenen Interessen entdecken und experimentieren. Nicht einmal Zigaretten verbot sie ausdrücklich. „Außer Drogen lasse ich sie alles ausprobieren. Es ist meine Methode, nicht einfach Nein zu sagen“, sagt Feng. Die Kinder müssen freilich darauf gefasst sein, dass später alle Vor- und Nachteile abgewogen werden. Dieser Erziehungsstil ist anstrengend, das merkt man Feng an. Dass sie noch nicht das Handtuch geworfen hat, mag an ihrer eigenen Disziplin liegen. Sie verlangt viel, sagt sie. Aber sie tue auch viel für ihre Kinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)

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15 Kommentare

Vor ein paar Monaten...

...hörte ich auf Ö1 einen Bericht zum Thema chinesisches Bildungssystem. Dieses ist durch und durch ideologisch geprägt, alle müssen die gleichen Chancen haben, d.h., nur was messbar ist, zählt. Kreativität gehört da natürlich überhaupt nicht dazu. Firmen, die sich in China ansiedeln, kämpfen auch mit diesem Problem.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ging in dem Beitrag um China, nicht um Asien im Allgemeinen.

Gast: Garst
17.07.2012 22:57
0 0

Gott haben sie keine Ahnung von Chinesen!

Das sind die richtig rassistischen Artikel. Das sind die verträumten Vorstellungen von irgendwelchen Experten. Ich werde den Artikel mit meiner Chin. Frau durchsprechen, wenn sie ihr Karma gefunden hat. Meine Herren, was für ein pathetischer Schrott.

Antworten Gast: Glückliche Ente
27.08.2012 18:49
0 0

Re: Gott haben sie keine Ahnung von Chinesen!

wem sagste das. ich bin selber asiate mit chin. vorfahren und habe chinesische kultur
hautnah miterlebt. ich finde erziehung wichtig. was ich bloss nicht verstehe, ist was sie gegen chinesische-erziehungs-methoden haben, meiner meinung nach machen die eltern alles richtig.
ja es gibt extreme fälle, aber solche gibt es auch anderswo. Kinder sind die zukunft, wer in Kinder investiert, Kinder richtig fördert und erzieht, braucht keine rente.Mein jüngster onkel lebt mit seiner frau bei meinem großvater, er ist über 40. wenn mein grossvater geburtstag hat kommt die ganze familie,egal wo sie wohnen, das jedes jahr. wer mir jetzt sagt,dass dieses system schlecht ist, dem kann ich auch nicht mehr helfen.dessen familie tut mir leid. der soll mir dann mit 60 sagen, das seine methoden besser sind.

Gast: Honkka
09.07.2012 14:58
1 0

Ist das wissenschaftlich belegt

oder Leserei im Kaffeesud der chinesischern Nachbarn?

5 0

"Experten" ...

... sind wie Eunuchen. Sie können ewig darüber reden.

Sonst nichts.

Gast: Umo der Vierte
08.07.2012 11:04
2 1

Ich musste

in meiner Kanzlei feststellen, dass die Konzipienten chinesischer Abstammung irrsinnig diszipliniert arbeiten. Aber Selbständigkeit oder gar Kreativität? Null und nada.

Antworten Gast: Conny98
08.07.2012 12:08
3 1

Ich das sind auch so Vorurteile

denn schaun Sie doch mal in jene Laender inkl. Hong Kong, Taiwan, Singapur, Thailand, Philippinen und selbst Oesterreich wo viele Chinesen selbststaendige Unternehmer sind. Und weitestgehend erfolgreich und eigentlich nie Sozialfaelle die dem Staat auf der Tasche liegen. Und denen wollen Sie keine "Selbststaendigkeit" und keine "Kreativitaet: zubilligen ? Es ist immer wieder das gleiche Argument um unsere eigenen Unfaehigkeiten zu kaschieren: der Erfolg Asiens MUSS einen Pferdefuss haben. Da wird dann mit der angeblich fehlenden Kreativitaet angefangen. Alles Humbug denn der durchschnittliche Oesterreicher ist mitnichten kreativer oder selbststaendiger als der durchschnittliche Asiate. Ganz im Gegenteil wenn man beruecksichtigt wie hier bei jeder sich passenden Gelegenheit nach dem "Kindermaedchen Staat" gerufen wird statt sich auf eigenen Kreativitaet und Selbststaendigkeit zu besinnen. Es gibt allerdings mindesten EIN Gebiet wo wir unschlagbar kreativ sind: im Erfinden von Gruenden warum Politiker und andere ploetzlich eine grosse Summe Schmiergeldes auf ihren Konten vorfinden.

Re: Ich das sind auch so Vorurteile

Da Sie Chinesen mit Asiaten gleichsetzen, gehen ich davon aus, dass Sie überhaupt nicht wissen, wovon Sie schreiben. Ich muss zugeben, dass ich persönlich auch nur Chinesen, Japaner und Vietnamesen kenne. Aber bei denen sind die Mentalitätsunterschiede so groß, dass ich zumindest behaupten kann, DIE Asiaten gibt es noch viel weniger als DIE Europäer.

Antworten Antworten Gast: Orkelin
09.07.2012 15:01
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Gerade Hong Kong, Taiwan, Singapur, Thailand, Philippinen

sind das beste Beispiel für Kindermädchen Staat. Im Übrigen nennen Sie mir bitte eine einzige bahnbrechende Erfindung oder Entdeckung aus dem chinesischen Kulturkreis der letzten 100 Jahre....

Antworten Antworten Antworten Gast: Glückliche Ente
27.08.2012 18:24
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Re: Gerade Hong Kong, Taiwan, Singapur, Thailand, Philippinen

Entdeckung: der Westen

Erfindung: Einkindpolitik

1 0

Re: Ich das sind auch so Vorurteile

Was Korruption betrifft, hat Asien aber auch schon ein paar hundert Jahre Vorsprung. Da ist genau nichts besser als bei uns. Ansonsten d'Accord.

ob die....

beim "lügengeschichten" erzählen auch so viel disziplin hat?
und aus reiner politischer korrektheit: hat man die sympathische dame gefragt, ob es auch gewalt in ihrer erziehung gab?
oh ich vergaß, die gibt es ja nur in der sozialen unterschicht!
sorry

afrikanische Mütter

tragen ihre Kinder weil sie keinen Kinderwagen haben!

disziplin ist bei uns politisch nicht korrekt,

ja fast schon pfui gack.

Antworten Gast: kkkkomm
25.07.2012 13:40
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Re: disziplin ist bei uns politisch nicht korrekt,

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