Wien. Der Stadtschulrat in Wien steht vor einem Rätsel: Seit Schulbeginn sind 277 Schüler nicht wieder aufgetaucht. Sie sind dem Unterricht unentschuldigt ferngeblieben – trotz Schulpflicht. Im Stadtschulrat wird vermutet, dass ein Teil dieser Schüler den Urlaub verlängert hat. Es könnte aber auch sein, dass die Familien verzogen sind und vergessen haben, das Kind von der Schule abzumelden. Die tatsächlichen Gründe will der Stadtschulrat nun untersuchen.
Die Eltern der 277 abgängigen Schüler werden in den nächsten Tagen von den jeweiligen Schulleitungen schriftlich vorgeladen. Sie müssen in die Schule kommen und das unentschuldigte Fernbleiben ihrer Kinder erklären. „Sollte sich herausstellen, dass es sich tatsächlich um Urlaubsverlängerer handelt und sind die Eltern zudem uneinsichtig, kann das zur Anzeige führen“, warnt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl im Gespräch mit der „Presse“. In diesem Fall seien auch Verwaltungsstrafen nicht auszuschließen.
Vergleichswerte gibt es nicht
Während der Großteil der Schulschwänzer laut Studie zwischen 13 und 14 Jahre alt ist, fehlten in Wien zu Schulbeginn verhältnismäßig viele Volksschüler. Bis zum Stichtag am vergangenen Montag waren es 133 Kinder. Die Zahlen der fehlenden Schüler zu bewerten, fällt den Verantwortlichen schwer. „Es handelt sich um einen kleinen Kreis von Schülern“, sagt Brandsteidl. Immerhin gebe es insgesamt 220.000 Wiener Schüler. Unentschuldigt gefehlt hat in der ersten Woche also knapp einer von tausend. Vergleichswerte aus den Vorjahren gibt es nicht. Es wurde erstmals erhoben, wie viele Schüler unentschuldigt zu spät aus den Ferien zurückkommen.
Das Einschreiten des Stadtschulrates soll als Warnung verstanden werden und ist lediglich einer von mehreren Schritten im Kampf gegen das Schulschwänzen, sagt Brandsteidl. Bereits kurz vor Schulbeginn kündigte sie an, härter gegen Schulschwänzer vorzugehen. Während des Schuljahres soll am Ausbau des SMS-Meldesystems gearbeitet werden, mit dem Eltern informiert werden, wenn ihre Kinder unentschuldigt fehlen.
Auf Bundesebene hat man sich bereits vor wenigen Monaten auf einen Stufenplan gegen das Schulschwänzen geeinigt. Erstmals eingeschritten werden soll, wenn ein Schüler an drei aufeinanderfolgenden Tagen unentschuldigt nicht in die Schule kommt. Dann folgt ein Gespräch mit den Eltern. Weiters können Schulpsychologen, die Schulaufsicht sowie die Jugendwohlfahrt eingeschaltet werden. Die letzte Konsequenz: eine Strafe von 440 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)
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