Die Presse: Ihr Buch trägt den Titel „Lebenslang Lehrer“. Das klingt ein bisschen nach Haftstrafe.
Thomas Unruh: Es gibt eine erstaunlich große Zahl von Lehrerinnen und Lehrern, die merken, dass sie in dem Beruf falsch sind, dass sie für den Beruf nicht geeignet sind. Und den Gedanken daran, diesen Beruf 40 Jahre lang ausüben zu müssen, tatsächlich so empfinden.
Trifft das eher auf Berufseinsteiger oder ältere Lehrer zu?
Das Phänomen findet sich sowohl bei den sogenannten „alten Hasen“ wie auch bei jungen Lehrern. Auch bei jenen, die den Vorbereitungsdienst auf den Lehrerberuf gut absolviert haben, dann aber in Klassen unterrichten, bei denen sie merken, dass sie kaum zu inhaltlich interessanten Dingen kommen. Weil sie sich viel mehr mit disziplinären Dingen beschäftigen müssen und sich davon überfordert und extrem angestrengt fühlen.
Das heißt, die Frustration resultiert eher aus dem Alltag in der Klasse als aus fachlichen Anforderungen?
Das resultiert in der Regel kaum aus Gründen der Fachlichkeit. Ein Grund sind aber auch persönliche Unzulänglichkeiten. Da geht es um Persönlichkeitsmerkmale, die ein guter Lehrer mitbringen sollte, um täglich fünf bis sechs Stunden mit Gruppen von bis zu 30 Jungen und Mädchen klarzukommen. Über diese Merkmale verfügen diese Leute aber nicht. In anderen Berufen könnten sie vielleicht Großartiges leisten.
Welche Persönlichkeitsmerkmale wären das?
Ein zentrales Merkmal, das auch von Schülern häufig genannt wird, ist Humor. Auch im Umgang mit Störungen muss man eine humorvolle Gelassenheit entwickeln. Man muss wissen, an welcher Stelle man streng sein muss und wo man erfolgreicher ist, wenn man etwas ignoriert und schlagfertig reagiert. Ein weiteres Merkmal ist, innerlich sehr klar zu sein und ein hohes Maß an Struktur auch vermitteln zu können. Und natürlich in hohem Maß kommunikative Kompetenz, also aufrichtiges Interesse für die Persönlichkeiten der Schüler zu entwickeln. Sich mit Menschen auseinandersetzen zu wollen, die vielleicht ganz anders denken als man selbst. Und es braucht ein hohes Maß an Frustrationstoleranz.
Liegt das Problem also in der zu geringen Gewichtung von pädagogischen Aspekten in der Ausbildung?
Die fachlichen Aspekte sind nach wie vor wichtig. Aber es kommen neue Aspekte dazu, und das gilt auch für Gymnasien. Der Lehrer als der quasi allein selig machende Experte, der anderen etwas beibringt, spielt heutzutage eine zunehmend geringe Rolle. Insofern hat die Bedeutung von außerfachlichen Kompetenzen eine immer größer werdende Bedeutung.
Zurück zu jenen, die schon bemerkt haben, dass sie sich im Lehrerberuf unwohl fühlen. Wann ist der Punkt erreicht, an dem sie sich einen neuen Job suchen sollten?
Das ist der Punkt, an dem sich die Gedanken permanent um die Frage des Sich-nicht-Wohlfühlens drehen. Wenn Menschen das Gefühl haben, sie werden von dem Beruf aufgefressen und sie nur darauf warten, dass das nächste Wochenende oder die nächsten Ferien endlich kommen. Dann muss man sich ernsthaft Gedanken machen.
Gibt es nicht auch eine große Hemmschwelle zuzugeben, dass man überfordert ist?
Einerseits sprechen Lehrer häufig und gerne darüber, dass die Dinge so schwierig sind und dass sie sich überfordert fühlen. Über den entscheidenden Punkt zu sprechen, nämlich dass sie für den Beruf eigentlich nicht geeignet sind, da besteht jedoch eine extrem hohe Hemmschwelle.
Es gibt wohl niemand gerne zu, dass er von einem Haufen Jugendlicher fertiggemacht wird.
Udo Lindenberg hat vor vielen Jahren einen Song geschrieben, in dem er sagt: „Unseren Lehrer haben wir so fertiggemacht, der hat sein ganzes Geld zum Psychiater gebracht.“ Eine grausame Vorstellung, aber einige Menschen haben solche Erfahrungen.
Wer ist der richtige Ansprechpartner in so einer Situation?
Am wichtigsten ist, sich zu trauen, sich selbst mit den entscheidenden Fragen zu konfrontieren. Außerdem ist es sinnvoll, gute Freunde hinzuzuziehen, die einem nicht nach dem Mund reden, sondern bei der Reflexion helfen. Es ist auch sinnvoll, eine Auszeit zu nehmen – mit Abstand kann man sich über vieles besser klar werden.
Wenn man dann die Entscheidung getroffen hat, den Lehrberuf aufzugeben, welche Möglichkeiten hat man dann überhaupt?
Ich habe im Buch eine ganze Liste von Möglichkeiten aufgeführt. Angefangen von Bibliotheken, in dem großen Bereich von E-Learning oder Softwareentwicklung, (Schulbuch)-Verlage oder Office Management, das sind etwa Aspekte, an die man sofort denken könnte. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, sich auf den Bereich der Erwachsenenbildung zu konzentrieren, wenn man sich im Umgang mit Erwachsenen wohler als mit pubertierenden Jugendlichen fühlt. Viele gehen auch in den Bereich des Coachings.
Wäre es sinnvoll, das Studium für Lehrer inhaltlich zu verbreitern, sodass ein Wechsel in einen anderen Beruf leichter fällt?
Das halte ich grundsätzlich für eine interessante Idee, aber man müsste sich fragen, wie man das umsetzen könnte. Sollte man das Studium erweitern, würde ich vor allem an den Bereich Persönlichkeitsentwicklung und Beratungskompetenzen denken.
Thomas Unruh (61) ist Hauptseminarleiter am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg. Er ist außerdem Autor diverser pädagogischer Fachbücher. Im August erschien im Beltz Verlag sein aktuelles Buch „Lebenslang Lehrer? – Alternativen zum Lehrberuf“ (144 Seiten, 19,95 Euro). [Privat]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)
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