Es ist schon ein paar Jahre her, dass ein Schulbuch in Österreich für Aufregung gesorgt hat. Das dürfte jedoch nicht daran liegen, dass in den Schulbüchern keine Klischees, Stereotype oder Vorurteile transportiert werden.
Die beiden Wiener Sozial- und Kulturanthropologinnen Christa Markom und Heidi Weinhäupl haben bei der Analyse der auflagenstärksten Titel für Geschichte, Biologie und Geografie für die AHS-Unterstufe vielmehr festgestellt, dass Stereotype heute indirekt vermittelt werden.
2004 erntete zuletzt ein Lehrbuch für Geschichte und Politische Bildung harsche öffentliche Kritik, vor allem wegen tendenziöser Darstellung des Nahostkonflikts – nicht nur auf der Textebene. Die Titelseite zeigte zwischen dem Bürgerrechtler Martin Luther King und der Mutter Teresa israelische Soldaten, die auf flüchtende Kinder zielen. Herausgeber Veritas, einer der größten Schulbuchverlage, betonte, die Gestaltung erfolge nach rein optischen Überlegungen. Kritiker sprachen hingegen von „emotionaler Manipulation“.
Wieso hat das Buch trotz dieser Mängel eine Zulassung bekommen? Die Zuständigen im Unterrichtsministerium bekommen vorab das Layout nicht zu Gesicht, sie beurteilen nur den Inhalt. Der muss laut Schulunterrichtsgesetz neun sehr allgemein formulierte Kriterien erfüllen; etwa, die „Lebenswelt der Schüler“ berücksichtigen und „demokratische Einstellungen“ vermitteln.
Ach, wie exotisch
Und so fanden Markom und Weinhäupl zahllose Fälle, in denen unter der Oberfläche Stereotype transportiert werden. Eine Zusammenfassung von „Die Anderen im Schulbuch“ (Braumüller Verlag):
Antisemitismus werde auf ein Phänomen des Nationalsozialismus reduziert, ohne dessen lange Geschichte.
Beim Nahostkonflikt würden „die Juden“ als „Tätervolk“ konstruiert, während sich „die Palästinenser“ nur wehren.
Europa werde als allen anderen Kulturen überlegen dargestellt.
Es werde ein undifferenziertes Bild anderer Religionen und Kulturen gezeichnet: der Orient ist unzivilisiert, exotisch; der Islam brutal, totalitär; indigene Völker, egal aus welchem Teil der Welt, primitiv. Typisch für ganz Afrika seien „blutige Fehden“, „totale Anarchie“ und Armut, Hunger. Wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Industrienationen bekämen wenig Raum.
Außerdem würden überkommene Rollenbilder vermittelt. Dabei ist die „Gleichbehandlung von Frauen und Männern“ seit 2002 ein Zulassungskriterium. Hintergrund: Ist ein Buch einmal zugelassen, bleibt es das. „Es gibt keine Verpflichtung zur Aktualisierung“, erklärt Sonja Euller, Leiterin der Abteilung für Schulbücher. „Es muss nur sachlich richtig sein und dem Lehrplan entsprechen.“ Prinzipiell hätten die Buchverlage selbst Interesse an zeitgemäßen Inhalten. Schließlich würden ihre Bücher sonst nicht mehr bestellt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2007)

Bewerben zahlt sich aus
2010 Themen, Anmeldung und vieles mehr
Weltraum, Altern und Fernost Was es an der Uni Neues gibt
Von Otto bis Harald Schmidt Prominente Sitzenbleiber












