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Knigge: Respekt und Manieren als Schulfach

17.02.2008 | 18:27 |  JUDITH LECHER (Die Presse)

Schon Sokrates hat die Verlotterung der Jugend beklagt. Ihr Benimm beizubringen wird immer öfter Aufgabe der Schule.

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WIEN. Am Brighton College in Südengland wird es künftig ein neues Pflichtfach geben: gutes Benehmen. Schülern ab 13 Jahren wird dann einmal pro Woche beigebracht, wie man sich bei Tisch zu verhalten hat, Hemden bügelt oder ein Ei kocht. Kurz, sie sollen „für das gesellschaftliche Leben fit gemacht werden“, so Direktor Richard Cairns.

Hintergrund der Einführung von Knigge-Stunden ist eine im Dezember 2007 veröffentlichte Umfrage unter Führungskräften. Der Tenor: Junge Schulabgänger seien unhöflich und wüssten nicht, wie sie sich in der Gesellschaft richtig zu benehmen hätten.

Das alte Lied von der Verlotterung der Jugend also? Schon im fünften Jahrhundert vor Christus soll Sokrates darüber geklagt haben. „Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“


Zu große Freiheit

Es ist nicht gesichert, ob diese Tirade tatsächlich von Sokrates selbst stammt (seine Reden sind nur in Schriften späterer Autoren wie Platon, Aristophanes überliefert). Thema war der angebliche Sittenverfall für den Philosophen allemal. Er glaubte auch den Grund zu kennen: „Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern.“

Kein Respekt also – und keine Manieren. Und schuld sind die Lehrer, die den Kindern zu große Freiheit gewähren. Schon damals sollten also Erziehungsaufgaben der Eltern auf die Schule abgewälzt werden.

Und heute? Laut Heinz Zangerle, Psychologe und Autor des Buchs „Einfach erziehen“, ist die Schule besonders betroffen von dem Trend, Aufgaben und Leistungen aus der Familie „auszulagern wie aus einem Wirtschaftsbetrieb“. Die Schule soll fachliche Kompetenzen vermitteln, Kinder in bildungshungrige Bücherwürmer verwandeln und (vor allem die Mädchen) für Naturwissenschaften motivieren, um den befürchteten Forschermangel entgegenzuwirken. Neben diesem politischen Wunschkonzert soll sie den Schülern auch das mitgeben, was die Familie offensichtlich nicht mehr kann. Den richtigen Umgang mit Drogen, Alkohol, Gewalt und – siehe England – eben gutes Benehmen.

Benimm ist auch an Österreichs Schulen Thema, etwa im Rahmen der Initiative „Faire Schule“ des Bildungsministeriums. An der Volksschule Wängle (Tirol) lernen Kinder richtiges Grüßen, gutes Benehmen bei Tisch, situationsgerechte Kommunikation. Ziel ist, wie bei einem ähnlichen Projekt an der Volksschule Hollersbach (Salzburg), eine „Atmosphäre gegenseitiger Achtung und Wertschätzung“.


Schäfer-Elmayer, wer sonst?

Auch Tanzschulenleiter und Benimmexperte Thomas Schäfer-Elmayer gibt stundenweise Etikette-Unterricht an Schulen, hauptsächlich für 14- bis 17-Jährige. Und, ist das Benehmen der Schüler tatsächlich schlechter geworden? „Das ist je nach Schule sehr unterschiedlich. Sicher ist, dass die Schüler wesentlich weniger von den Eltern mitbekommen. Auf der anderen Seite stehen sie der Sache viel aufgeschlossener gegenüber.“

Aber kann es Aufgabe der Schule sein, Manieren zu lehren? „Die Schule wird das immer stärker übernehmen müssen“, glaubt Elmayer. Denn innerhalb jugendlicher Peergroups (Gruppen Gleichaltriger) würden heute andere Benimmregeln gelten; da brauche es oft kein „Bitte“, „Danke“. Sich gut benehmen können müssten Jugendliche dennoch, privat wie beruflich. „Das ist Teil des Allgemeinwissens.“ Und das lernt man eben in der Schule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2008)

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5 Kommentare
William of Orange
21.02.2008 10:19

die Verlotterung der Jugend beklagt

Tja, was ist die Ursache an dem Manierenverfall? Kluge Kinder kommen von klugen Eltern, die Schule sollte nur das Potential fördern - doch den Grundstein müssen die Eltern legen. Wenn aber beide Elternteile berufstätig sind und nur ihr Karriere im Kopf haben, braucht man sich nicht zu wundern warum das Verhalten der Kinder und Jugendlichen sich zum Schlechten wendet, so wie es eben jetzt der Fall ist. Aber in unserer modernen, einfachen Zeit hat man eben anderes zu tun als seine Kinder zu erziehen. Nämlich arbeiten! pfui

Herman
19.02.2008 03:40

schaut' euch in den Spiegel

. . . gewiss sollt' man in der Schule auch fürs Leben lernen. Doch Heim, Hort und Kingerstube prägen ein Leben, Mentoren Persönslichkeiten und die Gesellschaft Sitten, Gebräuche, Benehmen, etc. . . . schaut' euch nur in den Spiegel!

Wilhelmine Tell
17.02.2008 21:13

Wer tut was?

Krabbelstuben, Kindergärten, Schulen, Horte, ........ Alle wollen sie Kinder betreuen und damit Geld verdienen, aber die eigentliche Arbeit, das Erziehen, das sollen nach wie vor die Eltern erledigen.
Wann sollen die Eltern ihre Kinder erziehen? Sie sehen sich doch kaum noch! Soll die Mutter per Fernsteuerung das Benehmen ihrer Kinder in der Schule beeinflussen, während sie eine Diskussion ihrer Abteilung leitet? Die Eltern haben gar keine Ahnung was in der Schule läuft. Das Familienleben ist doch ganz anders, als das Leben in der Schule. Zu Hause stellen sich die Probleme gar nicht, die in der Schule Alltag sind.
Eltern erziehen ihre Kinder für das Leben zu Hause. Lehrer erziehen die Kinder für das Leben in der Schule. Kinder können sehr gut unterscheiden und wissen genau, wo sie sich was erlauben können.

Antworten Gast: Lehrerin
15.02.2009 10:15

Re: Wer tut was?

Gerade in meinem Unterricht (Kochen und Servierkunde) sind Benimmregeln ein unverzichtbarer Bestandteil. Ich habe prinzipiell also kein Problem damit, wenn ich meinen SchülerInnen "gutes Benehmen" beibringen soll. Allerdings geht es nicht ohne Zutun der Eltern. Wenn ich eine Schülerin tadle und mir deren Mutter beim Elternsprechtag dann erklärt, ihre Tochter sei es "nicht gewohnt kritisiert zu werden" und deshalb verbitte sie sich das in Zukunft - dann steht wohl auch die beste Lehrkraft auf verlorenem Posten!

Antworten Gast: orthopäde
22.02.2008 15:41

Re: Wer tut was?

Zu Ihren aufbrausenden Fragen möchte ich Ihnen eine simple Antwort geben:

In der Familie erfährt das Kind die primäre Sozialisierung. Diese legt den Grundstein für die sekundäre Sozialisierung. Ist der Grundstein schon wackelig oder sogar ein fehlendes Element, so wird der Aufbau erst recht nicht stehen können. Eltern haben die primäre Verantwortung der Erziehung, das ist ihre Pflicht. Nehmen sie diese nicht wahr, so sind sie unverantwortlich. Alles klar?

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