WIEN. Kennen Sie den Mozart-Effekt? Er besagt, dass Musik die Fähigkeiten eines Menschen verändert: Musizieren habe positive Effekte auf Gesundheit, Lernen und Verhalten und stimuliere das Gedächtnis. In den 1990er Jahren veröffentlichten US-Wissenschaftler Studien, wonach das Hören von Mozarts Musik die Konzentrationsfähigkeit verbessert und dass die allgemeine Intelligenzentwicklung von Kindern durch Beschallung mit klassischer Musik positiv beeinflusst werden könne.
„Mich interessieren solche Studien nicht. Ich lasse mein Kind ja nicht Geige spielen, damit es dann eine bessere Mathematikschularbeit schreibt“, sagt Musikpädagoge und Leiter der Musikschule Floridsdorf Hans Bucher über die Vorteile von musikalischer Früherziehung: „Musik braucht keine Rechtfertigung! Musizieren ist ein Menschenrecht und muss nicht auf einen Zweck hin ausgerichtet sein.“ Diesen Grundsatz befolgen viele Musikpädagogen in Österreich. Auch wenn das frühe Musizieren einen positiven Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung der Kinder hat, es geht den Musikpädagogen um den authentischen schöpferischen Ausdruck beim Musizieren. Das Schlagwort ist „Elementare Musikpädagogik“.
„Man kann musikalische Früherziehung natürlich auch nicht-elementarpädagogisch unterrichten: Im konservativen Sinne wäre das eine bloße Vorbereitung auf den Instrumentalunterricht. Aber Elementarpädagogen geht es um eine andere Art des Zugangs, der Methoden und des Musik-Erlebens“, erklärt Bucher. Denn die kindgemäße Rezeption von Musik und das aktive Musizieren kann nie auf ein Instrument allein beschränkt sein. Musizieren ist vielmehr ein ganzheitlicher Vorgang, der auch andere Ausdrucksformen einschließt.
Musik erleben statt lehren
„Der Grundsatz von Carl Orff beschreibt dies schon“, sagt Bucher: „Musik, Sprache und Bewegung sind eine Einheit.“ Erweitert man dies noch um Methoden des Visualisierens oder des „inneren Hörens“ (sich Musik aktiv bewusst machen, ohne dass diese erklingt), kommt man dem schon nahe, was heute elementare Musikpädagogen den Kindern „beibringen“.
In der Früherziehung wird freilich nicht gelehrt, sondern mit den Kindern Musik erlebt. Als Beispiel erzählt Bucher von einer Übung, bei der die Kinder zu einem musikalischen Rhythmus mit einem Stempel auf Papier Abdrücke machen sollen und dazu den Rhythmus mitsprechen. Es vereinen sich dabei das Gefühl für Musik, der sprachliche Ausdruck und die taktile Erfahrung durch die Bewegung des Stempelns. Am Ende haben die Kinder als Visualisierung des Prozesses die Stempelabdrücke vor sich liegen. „Elementarpädagogen nehmen natürlich Rücksicht auf den Entwicklungsstand des Kindes“, meint Bucher. Ein Vierjähriger wird nämlich die Stempel nicht in einer Linie von links nach rechts setzen, weil er noch nicht gelernt hat, auf Zeilen zu schreiben.
Die elementare Musikpädagogik ist seit fast 20 Jahren ein Pflichtfach in der Ausbildung zur Instrumentallehre. „Seitdem die Studenten diese Art des Unterrichts im Studium kennen lernen, wächst die Wertschätzung für den künstlerischen Ausdruck von Kindern“, meint Bucher. Er selbst versucht in den Kindergruppen an der Wiener Musikuniversität das Musizieren stets mit anderen Erlebnissen zu verbinden: „Es wird immer gesungen, bewegt, getanzt und gespielt“.
Für elementarpädagogische Methoden gibt es keine Altersbegrenzung. Im Lehrgang für Elementares Musizieren (Leitung Ruth Schneidewind) am Institut für Musikpädagogik können schon Zweijährige in Eltern-Kind-Gruppen Musik erleben, in Buchers Gruppe sind es Vier- bis Fünfjährige. Doch es gibt eine Fülle von Kursen für Kinder unter sechs Jahren (Früherziehung). Neben Angeboten der Musikuniversität (siehe unten) und der Musikschulen sprießen auch private musikpädagogische Einrichtungen aus dem Boden (siehe Kasten). Einige frühfördernde Schulen vereinen auch das musikalische Erleben mit der Einführung in andere Sprachen. In Wien werden etwa bei den „Musical Munchkins“ die Kindergruppen auf Englisch geführt und in der „Little Music School“ werden Kinder aus 20 Nationen von mehrsprachigen Lehrern betreut.
In Wien sind die Plätze in Musikschulen Mangelware: 30 Musikschulen gibt es in der Hauptstadt, 700 Kinder müssen jedes Jahr abgewiesen werden (NÖ hat 420 Musikschulen, Vorarlberg 103!)Kosten: 40 Euro/Semester.Elementares Musizieren an der Musik-Uni: 90 Euro/Semester.
Musical Munchkins (www. musicalmunchkins.at), rund 300 Euro/Semester.
Little Piano School (www.little-pianoschool.at), 300/Semester.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2008)
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