Albert Einstein hatte sie und John F. Kennedy, Bill Gates und Walt Disney. Auch Schriftsteller wie John Irving oder Michael Köhlmeier leiden darunter: Legasthenie. Diese Veranlagung, Wörter falsch zu schreiben, war im 19. Jahrhundert noch unter dem Namen „angeborene Wortblindheit“ bekannt – und galt als Zeichen von Rückständigkeit.
Dass dem nicht so ist, zeigen nicht nur oben genannte Beispiele. Eine aktuelle Studie der Cass Business School in London hat ergeben, dass Legastheniker besonders oft in der Wirtschaft reüssieren: Sie machen 35 Prozent der 139 befragten US-Kleinunternehmer aus. Studienautorin Julie Logan führt das darauf zurück, dass Legastheniker sich bei Rückschläge nicht so leicht entmutigen lassen, gut delegieren und sich Unterstützung suchen können.
„Mehr Bewusstsein bei Lehrern“
Dennoch klagen auch heute noch Betroffene darüber, dass sie von Lehrern und Mitschülern als dumm, faul oder schlampig bezeichnet werden. Und das, obwohl seit den 1950ern bewiesen ist, dass Legasthenie nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun hat und die UN-Gesundheitsorganisation WHO sie als Entwicklungsstörung anerkennt. „Allerdings“, so hebt der österreichische Bundesverband Legasthenie positiv hervor, „hat das Bewusstsein der Lehrer in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen.“
Anders bei vielen Eltern, beklagt Renate Pils, Psychologin am Wiener Standort des „Institutes für individuelle Leistungsoptimierung“. „Die Eltern schauen gerne weg. Denn würden sie das Problem wahrnehmen, müssten sie auch etwas tun.“ Das sei einer der Gründe, warum bei vielen Legasthenikern ihr Problem nie diagnostiziert wird, obwohl laut dem österreichischen „Dachverband Legasthenie“ die Anzahl der Betroffenen weltweit auf 15 Prozent der Bevölkerung geschätzt wird.
Doch was genau ist Legasthenie überhaupt? Wie wirkt sie sich aus und wie kann man sie behandeln? Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Legasthenie mit der Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) gleichgesetzt. Die sich daraus ergebenden Probleme bei Lesen und Schreiben sind fast identisch: Verwechslung ähnlich klingender oder aussehender Buchstaben (b-p, t-d, ei-ie), Probleme mit Worterkennung und Rechtschreibung. Die Gründe und vor allem die nötigen Therapien sind allerdings unterschiedlich.
LRS entsteht durch psychische oder physische Probleme. Werden diese beseitigt und zusätzlich Rechtschreibung und Lesen trainiert, verschwinden die Symptome.
Legasthenie ist hingegen – wie auch Dyslexie (Leseschwäche) und Dyskalkulie (Rechenschwäche, siehe Artikel unten) – Symptom einer so genannten Teilleistungsschwäche, die genetisch bedingt ist und ein Leben lang bestehen bleibt. Die Teilleistungsschwäche kann beeinflussen, wie wir hören (Laute unterscheiden, einen Satz merken), aber auch unsere visuelle Wahrnehmung (richtige Buchstabengestalt merken, m-n etc. unterscheiden) oder die Schreibbewegung (Buchstaben an richtige Stelle setzen, Reihenfolge der Laute).
Neben Gruppen-Förderunterricht an Schulen gibt es ein umfangreiches Therapieangebot. Damit kann die Lese-, Schreib- und Rechenschwäche wenn schon nicht geheilt, so doch deutlich gemildert werden. Psychologin Pils setzt neben Übungen für die jeweilige Teilschwäche stark auf Entspannung und Mentalpsychologie („Ich bin nicht dumm, ich bin gut“), um das Selbstbewusstsein zu stärken.
Solche Kurse sind allerdings nicht billig und werden laut Dachverband Legasthenie – anders als in Deutschland – nicht von der Krankenkasse mitfinanziert. Theoretisch können die Eltern legasthener Kinder um erhöhte Kinderbeihilfe ansuchen. „Die Erfolgschancen sind aber aus verschiedenen Gründen gering.“
■15 Prozent der Weltbevölkerung sollen an Legasthenie leiden. Anders als lange geglaubt verschwindet die Rechtschreibschwäche mit der Pubertät nicht von alleine. Mittlerweile gibt es jedoch ein umfangreiches Therapieangebot.
■An Rechenschwäche leidet jeder sechste Volksschüler. Kinder mit Dyskalkulie können nicht rechnen, sondern sind auf Zählen und Auswendiglernen angewiesen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2008)

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