Rachinger: „Riesiger Handlungsbedarf“ bei Bildung

Nationalbibliotheks-Chefin Rachinger hält Bildungs-Defizite für eine „Einbahnstraße in die Arbeitslosigkeit“. Lesen kommt nicht aus der Mode, die ÖNB ist (über)voll.

Johanna Rachinger  Foto: Clemens Fabry
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Johanna Rachinger  Foto: Clemens Fabry
(c) (Clemens Fabry)

Die Presse: Man hat den Eindruck, dass mehr Bücher gekauft werden, aber trotzdem weniger gelesen wird.

Johanna Rachinger: Wenn man das Internet mitzählt, dann stimmt das vermutlich nicht. Es wird höchstwahrscheinlich nicht weniger, sondern anders gelesen.

 

Beim SMS-Schreiben zum Beispiel wird auf Rechtschreibung keine Rücksicht genommen. Tut Ihnen das als Germanistin weh?

Rachinger: Nein, das ist eine Zeiterscheinung und eine spezielle Kulturform. Sprache war immer Veränderungen durch den alltäglichen Gebrauch unterworfen. Viele Begriffe, die heute im Duden zu finden sind, waren vor zwanzig Jahren noch nicht salonfähig. Das heißt aber nicht, dass man in der Schule nicht Grammatik lernen sollte, damit man sie anwenden kann, wenn man sie braucht.

 

Bildungsstudien zeigen, dass Österreich da ein Problem hat.

Rachinger: Ja, hier besteht ein riesiger Handlungsbedarf. Es gibt noch immer keine flächendeckenden Kinderbetreuungseinrichtungen, kein verpflichtendes Vorschuljahr, obwohl wir wissen, dass viele Kinder mit Sprachdefiziten in die Schule kommen. Wir haben zu wenige Lehrer in den Volksschulen, die Kinder mit Migrationshintergrund und Sprachschwierigkeiten unterstützen. Wenn jetzt ungefähr 20 Prozent der Schulabgänger nicht sinnerfassend lesen können, dann ist das eine Einbahnstraße in die Arbeitslosigkeit. Konjunkturpakete sollen daher nicht nur den Straßenbau und die thermische Sanierung von Häusern ankurbeln, sondern auch im immateriellen Bereich wirken. Bildung ist für mich der wesentliche Rohstoff des 21. Jahrhunderts.


Eine Zeit lang gab's sogar einen Boom an Wissensbüchern, etwa Dietrich Schwanitz: „Bildung. Alles, was man wissen muss.“

Rachinger: Es geht nicht um lexikalisches Wissen, sondern um ein Denken in Zusammenhängen. Wir können nicht das ganze Weltwissen gespeichert haben, aber wir müssen wissen, wo es abrufbar ist und wie wir es anwenden.

 

Ist eine Bibliothek angesichts des umfangreichen im Internet lagernden Wissens unwichtiger geworden?

Rachinger: Die Nationalbibliothek hat trotz enorm steigender Online-Zugriffe steigende Besucherzahlen. Bibliotheken als physische Orte wird es immer geben, weil Menschen auch Möglichkeiten suchen, der Einsamkeit des wissenschaftlichen Arbeitens zu Hause entfliehen zu können. In der Bibliothek finden sie Ruhe, sind aber doch unter Menschen. Irgendwer hat einmal gesagt, Bibliotheken haben eine Art Dorfbrunnenfunktion, also auch eine soziale Komponente.

Wer kommt hierher?

Rachinger: Zwei Drittel sind junge Menschen in Ausbildung. Aber es kommen auch Leute in recherchierenden Berufen, Leute, die internationale Zeitungen lesen oder wieder andere, die ihre Familiengeschichte ergründen. Wir haben täglich an die tausend Besucher, zirka 8000 Bücher wandern über den Tisch in die Lesesäle und abends wieder zurück in die Magazine. In prüfungsintensiven Zeiten müssen wir sogar Leser wegschicken. Daher werden wir nächstes Jahr einen neuen Lesesaal bauen.


„Presse“-Leser beklagen oft die Zunahme von Anglizismen. Und Sie?

Rachinger: Ich persönlich versuche sie in meinem Sprachgebrauch möglichst zu vermeiden, weil ich die deutsche Sprache sehr schön finde. Andererseits kann man den Zug der Zeit nicht aufhalten. Auch das Fernsehen vereinheitlicht die Sprache. Kinder sagen heute bei uns „lecker“, obwohl wir das früher nie gesagt hätten.

 

Stört es Sie, dass in dieser Legislaturperiode weniger Frauen in Regierung und Nationalrat sitzen?

Rachinger: Natürlich stört mich das. Die Parteien müssen in diesem Bereich konsequenter agieren.


Sind Sie für Quoten? Es gibt ja auch die politische Forderung nach verpflichtender Frauenquote für Firmenaufsichtsräte.

Rachinger: Ich bin für Quoten und finde sie auch nicht diskriminierend, weil nach wie vor großer Aufholbedarf besteht. Selbstverständlich muss die fachliche Qualifikation oberstes Kriterium sein.

 

Reizt Sie selbst die Politik?

Rachinger: Darüber habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Jeder Mensch, der gerne gestaltet, kann sich wahrscheinlich auch vorstellen, ein politisches Amt auszuüben. Aber wenn man in die Politik geht, muss man ein sehr hohes Maß an Leidens- und Kompromissfähigkeit mitbringen.


Wurde schon bei Ihnen angefragt?

Rachinger: Über solche Dinge spricht man nicht. Ich habe in der Österreichischen Nationalbibliothek bis 2011 einen Vertrag. Den möchte ich auf jeden Fall erfüllen.

 

Sie haben kürzlich anlässlich der Republikfeiern gesagt, dass Österreich Probleme mit seiner Identität hatte. Wie ist das jetzt? Muss man noch immer daran arbeiten?

Rachinger: An so etwas muss man immer arbeiten. Aber Österreich hat jetzt, was sich nach 1945 langsam entwickelt hat: ein Nationalbewusstsein.

 

Schwankt Österreich nicht zwischen Schlawinertum, Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplex?

Rachinger: Ich denke, das ist nicht anders als anderswo. Österreich hat einen großen Schritt vorwärts beim Selbstbewusstsein des Landes gemacht. Was auch ganz stark damit zu tun hat, dass man endlich bereit ist, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten, und einsieht, dass es auch Täter gab. Erst wenn man die Geschichte kennt, kann man die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.

 

Sie sehen die Zukunft in Europa. Gerade bei der letzten Wahl gab es starke Zweifel an der EU.

Rachinger: Es ging mir gegen den Strich, dass ernst zu nehmende Politiker in der Vorwahlzeit die europäische Idee durch die Forderung nach Volksabstimmungen infrage stellten. Ich glaube, dass mit der Idee des gemeinsamen Europa noch viel mehr möglich ist.

 

In der Krise wird Kultur weniger wichtig genommen. In der Regierungserklärung des neuen Kanzlers kam sie nicht vor.

Rachinger: Ich habe bedauert, dass die Kultur weder im Wahlkampf noch bei der Regierungserklärung Thema war. Andererseits kann nicht behauptet werden, dass in Österreich zu wenig Geld für Kultur ausgegeben würde. Das, was ich vermisse, ist die öffentlich gezeigte Begeisterung für Kultur, eine Leidenschaft auch für Minderheitspositionen von Künstlerinnen und Künstlern, aus denen dann eine lebendige Diskussion entsteht.

 

Welche Rolle wird und soll die Kultur in der Krise spielen?

Rachinger: Kultur kann gerade in der Krise sinnstiftend sein und Antworten geben. Volkstheater-Chef Michael Schottenberg hat kürzlich gesagt: In der Krise gehen die Leute mehr ins Theater. Sie lesen auch mehr, weil man sich vielleicht auch wieder mehr auf das Wesentliche besinnt.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2008)

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