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„Krankenzimmer in den Kindergärten“

15.02.2009 | 18:24 | DORIS KRAUS (Die Presse)

Immer wieder werden Kinder halb krank in den Kindergarten gebracht. Das „Gratisjahr“ wird diese Situation noch verschlimmern, fürchten Experten. Der Verein „Kib“ unterstützt Eltern, die sich nicht zu helfen wissen.

Alle berufstätigen Eltern aufgezeigt, die sich noch nie durch folgende ethische Grauzone getastet haben: Es ist Montagmorgen, der Partner ist gerade aus dem Haus gerauscht, man selbst muss auch weg. Nur das Kind kommt nicht so recht auf Touren, wirkt müde, matt, niest und hat diesen gewissen Blick, der bereits die Essigpatscherl am Horizont erkennen lässt. In einer idealen Welt lässt man alles stehen und liegen und zieht in Richtung Sofa, Decke, Tee und Kuscheln ab.

Doch nachdem die ideale Welt oft einen unaufschiebbaren Termin entfernt ist, checkt man nur, ob ernsthaftes Fieber vorliegt und schickt sein Kind in den Kindergarten. Hartgesottene geben ihren Sprössling dort kommentarlos ab, jene mit etwas schwächeren Nerven warnen die Kindergärtnerinnen wenigstens, dass „die Kleine vielleicht etwas ausbrütet“.

 

Schlecht für Kinder und Betreuer

Erfahrene Pädagoginnen haben Kinder schon in den verschiedensten „Brutstadien“ von Krankheiten gesehen. Was aber selbst sie wirklich ärgert, ist, wenn Kinder in den Kindergarten gebracht werden, die ganz eindeutig noch nicht ausgeheilt sind, oder Kinder, denen ihre Eltern zu Hause noch schnell ein fiebersenkendes Mittel verabreicht haben, in der Hoffnung, die Krankheit abzufangen – eine Maßnahme, die allerdings kaum ein Elternteil zugeben würde.

Das Resultat bleibt dasselbe: Die betroffenen Kinder werden im Kindergarten oft noch gründlicher krank, als sie es ohnedies schon sind oder waren, die Ansteckungsgefahr für Groß und Klein in ihrem Umfeld potenziert sich.

Derartige Klagen kamen auch Elisabeth Schausberger zu Ohren. Und die sechsfache Mutter beschloss, etwas dagegen zu tun. Als Basis diente ihr der Verein „Kib Children Care“, der sich seit 1986 für bessere Bedingungen von Kindern in Spitalsbetreuung einsetzt. Seit 1996 bietet Kib auch allen Eltern Hilfe, die nicht wissen, was sie mit ihren maroden Kindern machen sollen. Machte dieser Zweig am Anfang zwei Prozent der Tätigkeit von „Kib“ aus, sind es mittlerweile 30 Prozent. 2008 wurden 3600 kranke Kinder betreut.

„Hier hat sich mit zunehmender Berufstätigkeit der Frauen und steigendem Druck am Arbeitsplatz in den vergangenen 13 Jahren ein enormer Wandel vollzogen“, sagt Schausberger im Gespräch mit der „Presse“. Und dieser Wandel wird in den Augen der Kinderbetreuungsaktivistin nicht der letzte sein. „Früher blieben Frauen lieber zu Hause, als in schlecht bezahlten Jobs gerade nur das Kindergartengeld zu verdienen“, meint sie. „Mit dem österreichweiten Gratiskindergartenjahr wird sich das nochmals ändern – und damit aber auch die Situation kranker Kinder verschlechtern. Entweder der Gesetzgeber baut dann Krankenzimmer in den Kindergärten oder er sorgt dafür, dass es für die Hausbetreuung auch entsprechende Mittel gibt.“

 

Bei Tag und Nacht im Einsatz

Der organisatorische Unterbau wäre nicht zuletzt dank „Kib“ bereits vorhanden. Der Verein arbeitet unter anderem mit Sozial Global und der Caritas zusammen, hilft aber auch, wenn dort nur mehr der Anrufbeantworter läuft. Die Wege von „Kib“ sind dabei oft verschlungen. Auf der Suche nach kurzfristig verfügbaren Betreuerinnen haben Elisabeth Schausberger und ihre Mitarbeiterinnen schon bei den ungewöhnlichsten Stellen in ganz Österreich angerufen: beim Gemeindepfarrer oder beim Obmann des örtlichen Verschönerungsvereins. „Wir setzen auf Nachbarschaftshilfe, wir stellen eine künstliche Großfamilie her“, meint die „Kib“-Chefin, die Leute vermittelt hat, die nur zwei Straßen voneinander entfernt wohnen. Um nur elf Euro pro Monat gehört man zur „Kib-Familie“, zusätzliche Kosten für die Betreuung kranker Kinder fallen für Mitglieder keine mehr an.

Am größten ist der Bedarf bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren. Da kollidiert der Beginn des Kindergartens – und damit die drastisch höhere Ansteckungsgefahr – oft mit dem Wiedereinstieg der Mutter ins Berufsleben, was für die Kinder eine zusätzliche emotionelle Belastung darstellt. Umso erstaunlicher ist es, dass laut Schausberger die wenigsten Kinder Probleme mit den anfangs fremden Betreuungspersonen haben. „Wir haben da nur die besten Erfahrungen“, sagt sie. „Die Kinder spüren den guten Willen des Menschen, der kommt, um sich um sie zu kümmern, und der dann natürlich auch ganz für sie da sein kann.“

Es sind aber nicht nur die Eltern, die aus diesem Arrangement Vorteile ziehen. „Viele Damen, die sonst nur zu Hause sitzen würden, haben dadurch wieder eine Aufgabe bekommen“, meint Schausberger. „Und einen neuen Sinn im Leben gefunden.“


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