Homeschooling: Statt der Schulbank das Sofa drücken

In Deutschland verboten, in Österreich erlaubt: Wenn Kinder zu Hause unterrichtet werden.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mitten in Meidling, an einem ganz normalen Vormittag. An der Wohnungstür begrüßt Tim, der Therapiehund. Zwei Katzen fegen durchs Vorzimmer, in der Küche wuseln fünf Kleinkinder rund um die junge Praktikantin der Tagesgruppe von Tina Partsch. Während aus Stoff, Filz und Pfeifenputzern Faschingskostüme gebastelt und Faschingsbilder gemalt werden, plaudert Tina Partsch mit ihrem neunjährigen Sohn Simon darüber, warum überhaupt Fasching ist, und wie er in den benachbarten Ländern gefeiert wird.

In einem dieser Nachbarländer könnte Tina Partsch dafür womöglich ins Gefängnis gehen. In Deutschland herrscht Schulpflicht, in Bremen wurde gerade wieder ein Antrag einer Familie auf Heimunterricht abgewiesen. Was dort verboten ist, ist in Österreich, wie in vielen anderen europäischen Ländern, jedoch erlaubt: Kinder zu Hause zu unterrichten. Es gilt nicht Schul-, sondern Bildungspflicht.

 

„Weinen und Verzweiflung“

Dieser Pflicht selbst nachzukommen hatte Behindertenpädagogin Partsch nicht geplant. Ihre beiden älteren Söhne haben anstandslos die Schule besucht. Nicht so Simon, ihr jüngster. Für ihn war die erste Klasse Volksschule eine Qual. „Er hat sich von Anfang an gegen die Institution Schule und ihre Strukturen gewehrt.“ Warum genau, weiß sie bis heute nicht. „Er beginnt erst ganz langsam, darüber zu reden.“ War es die Größe der Klasse, die Unruhe? Die Langeweile, die das Kind plagte? Der starre Plan, der seinen Interessen nicht entsprach?

Irgendwann stand fest, dass es so nicht weitergehen könne. „Jeden Abend Magenschmerzen, Weinen und Verzweiflung in der Früh.“ Psychologen empfahlen Therapie und Medikamente gegen Schulphobie. Doch sie wollte, sagt Partsch, keine Psychopharmaka für einen Sechsjährigen, nur damit er in die Schule geht.

Seit der zweiten Klasse unterrichtet sie ihn daher daheim. Er darf ausschlafen, jeden Vormittag beschäftigen sie sich gemeinsam mit dem Stoff, am Nachmittag schnappt er sich selbst seine Mappen, Deutsch, Mathe. Er hat Hefte und Schulbücher, Atlanten und Lexika, Internet-Zugang, Lernspiele und vor allem: viel Freiheit und viel Platz für seine Interessen.

Gerade sind es die alten Römer, die seine Aufmerksamkeit fesseln. Er war schon im Römermuseum und hat mit seiner Mutter Römerfladen gebacken, er hat die nötigen Zutaten abgewogen und weiß, wie Archäologen herausgefunden haben, welches Getreide einst verwendet wurde. Und er vertieft sich in Bücher zum Thema – Erwachsenenliteratur, wohlgemerkt. Der Erfolg sei verblüffend, sagt Partsch. Das Kind sei aufgeblüht, offen und selbstständig geworden.

Auch Lisa Marschnig hat mittlerweile ihr Selbstvertrauen wieder. In der ersten und zweiten Klasse hatte sie zunehmend das Gefühl, sie sei nicht gut genug, nicht schnell genug. „Ich habe ein Jahr lang drei bis vier Stunden damit verbracht, mein Kind zu trösten“, berichtet Joya Marschnig, ihre Mutter. Als Lisa begann, Krankheiten vorzutäuschen, schrillten die Alarmglocken.

 

Unterricht? Nicht nötig!

Weil die steirische Familie am Land wohnt und keine Alternativschule erreichbar war, begann Marschnig, Lisa zu Hause zu unterrichten. Mittlerweile tut sie nicht einmal mehr das. „Unschooling“ nennt sich das Konzept, nach dem Kinder einfach den Alltag mitleben und vom Leben lernen. Mit vier gleichgesinnten Familien aus der Umgebung werden größere Aktivitäten unternommen. Aber das Wichtigste, sagt Marschnig, sei etwas anderes: „Sobald ein Kind eine Frage stellt, ist jemand da, der sie beantwortet.“

Beantworten würde Sabine Turek aus Niederösterreich auch gern die Fragen jener Skeptiker, mit denen sich „Homeschooler“-Eltern immer wieder konfrontiert sehen. „Vor allem die ältere Generation glaubt, dass aus Kindern ohne ,fundierte‘ Ausbildung nichts werden kann.“ Man stoße oft auf Pauschalurteile und Ablehnung – sich vor Ort eine Meinung bilden wolle aber kaum jemand, bedauert die Mutter dreier Kinder, deren jüngster Sohn erst ein nicht-öffentliches Lernprojekt besuchte und jetzt ganz zu Hause lernt.

Bei Tina Partsch spaltete sich sogar der Freundeskreis. „Manche hatten Angst, dass die ,Schulverweigerung' auf ihre Kinder abfärbt.“ Dabei handle es sich um keine Ideologie, man wolle auch niemanden überzeugen – und sich explizit von Vernachlässigungsfällen distanzieren. „Häuslicher Unterricht heißt nicht: Ich sperre mein Kind weg und möchte keine Sozialkontakte.“

Im Gegenteil: Tatsächlich hätten ihre Kinder rege Kontakte und sogar mehr Zeit für Freunde, versichern Partsch, Marschnig und Turek unisono. Dennoch hätten viele Familien Ressentiments erfahren. „Aber langsam“, sagt Marschnig, trauen wir uns heraus.“

Der neunjährige Simon macht sich darüber keine Gedanken. Nachmittags, in Meidling, schreibt er eine Bildgeschichte zu den Faschingsbildern vom Vormittag und bestimmt die Wortarten, die in seiner Geschichte vorkommen. Kein Problem für ihn: Den Stoff der dritten Klasse hat er so gut wie durch.

AUF EINEN BLICK

In Österreich gilt nicht Schul-, sondern Bildungspflicht. Wer möchte, kann sein Kind allein oder gemeinsam mit anderen Familien unterrichten.

Infos unter www.diefreilerner.eu, leben-ohne-schule.jimdo.com, www.homeschooling.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2009)

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