Der Kindergarten zahlt sich aus

Wer im Kindergarten war, landet später seltener bei den schwachen Mathematikschülern. Mahrer und Hammerschmid setzen Hoffnungen auf das zweite Kindergartenjahr.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Die stockende Debatte über das zweite verpflichtende (und kostenlose) Kindergartenjahr – und eine Reihe anderer Reformen für den Kindergarten – bekommt neuen Stoff: Wer einen Kindergarten besucht, hat später ein deutlich geringeres Risiko, ein schlechter Schüler zu sein. Und: Je länger jemand in den Kindergarten geht, desto geringer ist die Gefahr. Das zeigt die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“, die gestern veröffentlicht wurde.

15-jährige Schüler, die einen Kindergarten besucht haben, sind demnach in Mathematik weniger oft leistungsschwach als ihre Schulkollegen, die nicht im Kindergarten waren. Für dieses Ergebnis wurden Daten aus der Pisa-Studie verwendet. Demnach ist in Österreich gut jeder dritte Schüler, der keinen Kindergarten besucht hat, unter den schwachen Rechnern (siehe Grafik). Bei jenen, die ein Jahr lang im Kindergarten waren, sind es 27 Prozent. Und bei denen, die vor der Schule länger als ein Jahr in einer Betreuungseinrichtung waren, sind es nur noch 17 Prozent.

Im OECD-Schnitt sieht das ähnlich aus. In Finnland macht das erste Jahr im Kindergarten einen noch größeren Unterschied: Der Anteil der Risikoschüler sinkt so um rund 20 Prozentpunkte. In Deutschland sind jene, die ein Jahr im Kindergarten waren, dagegen etwas schlechter als die anderen. Jene, die ihn länger besuchten, aber deutlich besser.

 

Hammerschmid drängt auf Reformen

Sowohl Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) als auch Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) setzen angesichts dessen große Hoffnungen in das zweite Kindergartenjahr, auf das man sich bei der Bildungsreform geeinigt hat – dessen Umsetzung zuletzt jedoch in weiter Ferne schien. Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) etwa stellte die Frage, ob es nicht genügen könnte, die Eltern der Vierjährigen, die nicht im Kindergarten sind, per Gespräch zu motivieren.

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(c) Die Presse

Nun wird jedenfalls einmal mehr die Bedeutung des Kindergartens betont. „Wir hätten uns vieles erspart, wenn wir schon vor Jahrzehnten mit anderen Vorreitern darauf gesetzt hätten“, sagte Mahrer. „Es ist wichtig, dass wir hier früh investieren und den Ball auffangen“, sagte Hammerschmid. Sie drängt, an ihre Kollegin Karmasin gerichtet, auch auf Tempo bei der Umsetzung des bundesweiten Qualitätsrahmens für die Elementarpädagogik, der bis Ende 2016 stehen sollte. Darin sollen Bildungsziele festgelegt werden, die auch für den Bildungskompass relevant sind. Dieser soll die Entwicklung der Kinder ab dreieinhalb Jahren dokumentieren. Für den Bildungskompass gibt es von Ministerin Karmasin bisher nur ein vages Konzept.

 

Karmasin denkt an Rechtsanspruch

Die Familienministerin will inzwischen über einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz diskutieren. Als ersten Schritt will sie die Zahl der Plätze ausbauen und die Betreuungsquote bei den Null- bis Dreijährigen auf das Barcelona-Ziel von 33 Prozent steigern. Nächster Schritt sei ein Rechtsanspruch. Für welches Alter, war auf Nachfrage der „Presse“ nicht zu erfahren. Man wolle sich nicht festlegen und müsse darüber auch mit den Ländern verhandeln. Grüne und Neos fordern einen Anspruch ab dem ersten Geburtstag.

Man kommt den 33 Prozent näher. Während vor fünf Jahren 17 Prozent der Null- bis Dreijährigen eine Krippe besuchten, waren es laut aktuellen Zahlen der Statistik Austria zuletzt 25,5 Prozent. Bei den Drei- bis Fünfjährigen besuchten 229.523 Kinder, also 93,3 Prozent, im vergangenen Jahr einen Kindergarten. Bei den Vierjährigen – also jenen, für die ein zweites verpflichtendes, kostenloses Kindergartenjahr relevant ist – waren 96 Prozent in Betreuung.

Alle zentralen Daten der OECD: diepresse.com/bildung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2016)

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