Gehrer: "Leider siegt Ideologie über den Hausverstand"

13.05.2012 | 18:24 |  ERICH WITZMANN (Die Presse)

Elisabeth Gehrer, ÖVP, feierte dieses Wochenende ihren 70. Geburtstag. Im Interview setzt sie sich massiv für die Gymnasien ein. An den Unis kann sie sich 500 Euro Studiengebühr pro Semester vorstellen.

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Die Presse: Wie gut oder wie schlecht ist es heute, im Jahr 2012, um Österreichs Schulwesen bestellt?

Elisabeth Gehrer: Das österreichische Schulwesen ist ein gutes Schulwesen, es hat gute und engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Nur glaube ich, dass man mit dem ewigen Herumorganisieren ein bisserl vorsichtig sein sollte. Alle Neuorganisationen kosten unglaublich viel Energie und kosten demnach auch viel Geld. Man sollte in die Qualität investieren und nicht in die Organisation.

 

Aber alle Parteien sprechen sich für eine Schulreform aus.

Unter Schulreform verstehe ich Verbesserung der Qualität, verstehe ich noch besseres Eingehen auf die Schülerinnen und Schüler. Wenn man sieht, dass bei uns die Jugendarbeitslosigkeit die geringste in ganz Europa ist, dann weiß man, dass die Kinder eine gute und zielführende Ausbildung erhalten haben.

 

Wo soll man dann bei einer Reform ansetzen?

Ich finde es gut, wenn man mehr Ressourcen für die Schule zur Verfügung stellt – etwa einen zweiten Lehrer in der Klasse und für schwierige Fälle die notwendige Betreuung. Das ist eine gute Reform. Ich finde es auch gut, wenn man die Qualität immer wieder überprüft, das heißt, in Bildungsstandards investiert und da auch regelmäßig schaut, dass diese Bildungsstandards erreicht werden.

 

Stichwort Qualität: Die Gymnasien kämpfen um Qualität, weil dort die Ressourcen vermindert werden. Was würde das Ende der achtjährigen Gymnasien für Österreich bedeuten?

Meiner Meinung nach auf jeden Fall eine Nivellierung nach unten. Wenn man im Koalitionsübereinkommen vereinbart hat, dass das Gymnasium neben der Neuen Mittelschule bleibt, dann muss man so viel Handschlagqualität haben, dass man diese Vereinbarung auch einhält. Das ist besonders wichtig, denn Politik braucht Handschlagqualität, damit man weiß, worauf man sich verlassen kann.

Das ist eine Kritik an der derzeitigen SPÖ-Ministerin Claudia Schmied.

Das ist eine Kritik an jenen, die der Ministerin einreden, dass man den Gymnasien keine Ressourcen mehr geben soll. Ich glaube, dass Ministerin Schmied vielleicht eine andere Meinung hat, aber leider siegt in vielen Bereichen die Ideologie über den Hausverstand.

 

Mit den PISA-Studien mussten Sie viel Kritik einstecken. Sind diese Erhebungen ein objektiver Gradmesser für Qualität?

Nein. Die PISA-Erhebungen sind eine Überprüfung von Wissen, wobei von Südkorea bis Nordkanada dieselben Fragen gestellt werden. Ich glaube nicht, dass man daran wirkliche Qualität messen kann. Es ist ein Hinweis auf Fähigkeiten und Kompetenzen, den man nicht überbewerten sollte. Das Theater, das bei der Veröffentlichung der PISA-Studie immer erfolgt, schadet mehr, als es nützt.

Man hat das mittelmäßige bis schlechte Abschneiden Ihnen persönlich angerechnet.

Aus meiner Erfahrung: Man sollte auch bei einer anderen Ministerin von einer anderen Fraktion diese Ergebnisse nicht überbewerten, man sollte sie als Hinweis nehmen, wo es etwas zu verbessern gibt. Und in den Ländern, die besonders gut abschneiden, schauen, was sie besser machen als wir. Aber einen Drill, wie er zum Beispiel an Schulen in Südkorea (bei PISA im Spitzenfeld, Anm.) vorherrscht, möchte ich bei uns nicht.

Die umstrittene Zentralmatura ist derzeit in den Schlagzeilen. Sie haben für diese den Startschuss gegeben.

Ich glaube, dass gemeinsame Standards richtig sind. Darüber hinaus sollten aber individuelle Wissensbeiträge der Maturantinnen und Maturanten möglich sein, also ein Mix aus zentral und individuell. Das muss man halt gut vorbereiten.

Es verlautet, dass man mit dem Niveau heruntergeht, damit möglichst viele die Matura schaffen.

Das ist natürlich falsch. Man müsste überlegen, die Zentralmatura zu verschieben, damit Gymnasien, die eventuell nicht auf dem hohen Niveau sind, ein echtes Upgrading machen. Das Niveau sollen Fachleute in Zusammenarbeit mit Lehrern und Universitäten festlegen.

 

Zu den Universitäten: Wir erleben gerade einen Eiertanz um mögliche und tatsächliche Studiengebühren. Sind die Gebühren angesichts der Ausstattung der Unis überhaupt gerechtfertigt?

Erstens: Unsere Universitäten sind nicht so schlecht, wie man dauernd bejammert. Man soll sich die neuen Gebäude anschauen. Zweitens: Die Studiengebühren sind sehr wohl gerechtfertigt, wenn dem gegenüber ein sehr gutes Förderungswesen besteht. Wir haben damals eine sehr einfache Methode entwickelt: Wer Studiengebühren einzahlt und dann ein Stipendium erhält, bekommt die Gebühr zurück.

Im Jahr 2001 hat die Gebühr 363 Euro pro Semester ausgemacht. Wie hoch sollte sie 2012 sein?

Wenn man den Geldwert hernimmt, dann könnte sie, glaube ich, bei 500 Euro liegen.

Sie waren Bildungs- und Wissenschaftsministerin. Sollten die Ministerien wieder zusammengelegt werden?

Das war für mich ein sehr schönes Ministerium, in dem das gesamte Bildungswesen in einer Hand war. Aber: Es ist nicht unbedingt notwendig, man muss ja immer über Ministeriumsgrenzen zusammenarbeiten. Es wäre wichtiger, die gesamte Forschung zurück zum Wissenschaftsministerium zu geben. Verkehr und Infrastruktur könnte wieder zur Wirtschaft kommen – und ich spare ein Ministerium ein.

Sie waren zwölf Jahre Ministerin. Ihr Blick zurück?

Ein durchaus positiver Blick zurück. Wir waren unter Wolfgang Schüssel ein echtes Team. Ich habe positive Erinnerungen.

Zur Person: Zwölf Jahre Regierungsmitglied

Elisabeth Gehrer (70) war von 1995 bis 2000 Bildungsministerin und von 2000 bis 2007 Bildungs- und Wissenschaftsministerin. Im Schulbereich setzte sie auf zahlreiche kleinere Reformen (Berufsreifeprüfung, höhere Schulautonomie), musste aber scharfe Kritik wegen der mittelmäßigen PISA-Ergebnisse einstecken. Die pädagogischen Akademien wurden zu pädagogischen Hochschulen aufgewertet, und die Zahl der Fachhochschulstudiengänge wurde stark vermehrt. An den Universitäten kamen 2001 Studiengebühren (in allgemeiner Form bis 2008). Zudem erhielten die Unis 2002 mit dem neuen Uni-Gesetz eine völlig neue Struktur mit einer weitgehenden Autonomie. 2006 wurde das Exzellenzinstitut ISTA („Eliteuniversität“) gegründet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

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64 Kommentare
 
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was anderes

so - die glückwünsche der presse dürfen wir jetzt seit zwei wochen lesen - mal was anderes bitte

es wird ja in unserem schulsystem

nicht unbedingt der hausverstand gefördert. ziel ist ja die gleichschaltung und damit systemerhalter zu schaffen.

Gast: Pedro
15.05.2012 21:40
0

Ich bezweifle auch dass unsere Schulen soo

extrem schlecht sind. Oder dass unsere Lehrer großteils mies sind. Die machen vielmehr großteils einen sauschweren Job.

Ich wäre als ersten Reformschritt dafür die AHS Oberstufe abzuschaffen. Viel viel besser für die Zukunft rüstet der BMHS Bereich. Nach der AHS ist man entweder arbeitslos oder geht studieren. Etwas gelernt dass man auch einsetzen könnte hat man ja nicht und das sage ich als jemand der diese Schulform besucht hat.

Antworten Gast: schreker
16.05.2012 09:30
1

Re: Ich bezweifle auch dass unsere Schulen soo

Meine Erfahrung ist allerdings, daß die BMHS-Bereich in erster Linie geistige Nackerpatzeln produziert, die sich zwar wunderbar für die Wirtschaft versklaven lassen, ansonsten aber vor allem durch Dummheit und böswillige Ignoranz auffallen.

Antworten Gast: 2Cent
15.05.2012 22:30
2

Re: Ich bezweifle auch dass unsere Schulen soo

Wenn jemand schon weiß, dass er ein Studium anstrebt, dann ist es doch durchaus legitim, ihm eine Schulform anzubieten, in der er die Matura und damit die Studienberechtigung ein Jahr früher bekommt.

Warum sollte der Steuerzahler jemandem ein Jahr Ausbildung bezahlen, wenn der junge Mensch nicht die Absicht hat, besagte Ausbildung jemals zu benutzen?

Die rechte Hand

Gern hauen alle auf die Gehrer hin. Vergessen wird, dass ihr eine angeblich überaus fähige "rechte Hand" als hochbezahlter Generalsekretär beigestellt wurde (2003-06). Aus dieser Zeit stammen die schwersten Fehler der Ministerin. Folge: Teilverschulden bei der Wahlniederlage der ÖVP 2006. Wie sich herausstellte, war dieser Hauptschuldirektor bloß eine lahme Protese, weil bildungspolitisch und in den Umgangsformen vollkommen daneben. Zur Strafe wimmert er jetzt unter der Knute von Pröll und seinem Kettenhund, bar jeder Macht als geschäftsführender Chef des Landesschulkrates.

Gast: dirge
15.05.2012 11:13
0

kann den enkelen

jeden monat an tausender zustecken

Die zu 75 % weibliche Lehrerschaft ist ein

Spielball ahnungsloser Bildungspolitikerinnen.

Gast: gäst
14.05.2012 23:09
0

Achso!

"Wenn man den Geldwert hernimmt, dann könnte sie, glaube ich, bei 500 Euro liegen."
Das sollte man sich merken. Ich weiss nicht wieviele Leistungen seit Ewigkeiten nicht mehr valorisiert wurden, z.B. die Familienbeihilfe, die für die meisten Studis relevanter ist, als die Beihilfen, die eh nur Bauern und Selbstständige kriegen.

Gast: Feldfüller
14.05.2012 16:55
2

kann mich noch

kann mich noch sehr gut an bm gehrer erinnern:

zwei stunden pro woche gestrichen
weniger partys, mehr kinder

ist sie eigentlich auch schon eine expertin geworden?

Gast: Unterrichtsministerium
14.05.2012 16:44
7

Nichts besseres

Die Gehrer war keine Leuchte auf ihrem Gebiet, aber wie immer sind die Nachfolger noch größere Katastrophen!
Das einizige wo sie recht hat ist die PISA Studie, die Ergebniosse sind jicht mal das Papier wert auf dem sie geruckt wurden, da kaum ein schüler hierzulande mitmachen will, da er/sie ja selbst nichts davon hat.

Antworten Gast: kritikus
14.05.2012 19:56
4

Re: Nichts besseres

Frau Gehrer ist durch ihre verfehlte Schulpolitik während ihrer Amtsperiode hauptverantwortlich für das Pisa-Debakel. Ihre Reaktion ist also nur logisch. Das Festhalten an einer Trennung der Unterstufenschüler in "gymnasialreife" und nur für die "Mittelschule reife" Schüler widerspricht jeglicher moderner Pädadogik. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass dadurch das Potential tausender Schüler nicht erkannt wird. Deshalb werden wir in Zukunft Fachkräfte aus dem Ausland "importieren" müssen, während unsere Jugend in die Arbeitslosigkeit schlittert.

Seltsam

Nur weil sie von den Gymnasiasten getrennt in die Schule gehen, kann ein nicht unwesentlicher Teil mit 15 Jahren nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Wenn die Gymnasiumsreifen dabei wären, würde man natürlich sofort das Potential tausender Schüler erkennen.

Antworten Antworten Gast: 2Cent
15.05.2012 06:38
1

Re: Re: Nichts besseres

Sollen wir wirklich das Potential der einen ignorieren, um das der anderen zu erkennen?

70 Jahre - und kein bisschen weise...

Auf alle Fragen halbwahre, unwahre, mangelhafte, hatscherte Antworten. Mangelnder Durchblick. Nicht genügend.
"Bildungspolitiker wird man, wenn amn von der sache, von der kaum einer etwas versteht, absolut nichts versteht." (Literaturempfehlung: Alfred Schirlbauer: Ultimatives Wörterbuch der Pädagogik. Wien 2012)

Gast: Gast2
14.05.2012 14:00
1

Neue Uni-Gebäude

"Unsere Universitäten sind nicht so schlecht, wie man dauernd bejammert. Man soll sich die neuen Gebäude anschauen."

Das neue Gebäude der WU Wien ist gerade abgebrannt.

Nicht die Ideologie siegt, sondern das widerliche Privilegiendenken verhindert jede Reform in Österreich!


Antworten Gast: Alien (Dauerzensuriert)
14.05.2012 12:04
10

Genau!

Sie haben recht: Wenn wir endlich alle Kinder gemeinsam in die Sonderschule schicken, dann schaffen wir es sicher diese privilegierten Mehrleister zu unterdrücken und den wahren Sozialismus durchzusetzten!
Kann ja nicht angehen, daß ein junger Mensch anders als sozialistisch wählt!

Spannend ;-)) also SPÖ habe ich noch nie gewählt und seit wann sind Privilegierte Mehrleister?


1

Re: Genau!

Aha, die Hauptschule war/ist eine Sonderschule, interessant!

Re: Re: Genau!

in Wien schon

Gast: jajajaj
14.05.2012 11:21
5

"Die Studiengebühren sind sehr wohl gerechtfertigt, wenn dem gegenüber ein sehr gutes Förderungswesen besteht."

aber nicht die gehrer-schüssel lösung, den unis das budget um den betrag der studiengebühren zu kürzen. d.h. sie hatten dann weniger geld als vorher zur verfügung (adminisitration kostet auch).

fr. gehrer sie haben den untergang der österreichischen unis zu verantworten!!!

Gast: jajajajaj
14.05.2012 11:18
2

"Man müsste überlegen, die Zentralmatura zu verschieben, damit Gymnasien, die eventuell nicht auf dem hohen Niveau sind, ein echtes Upgrading machen."

ich dachte die gymnasien sind eh so super?

Gymnasien sind so super wie die Lehrer die dort unterrichten.

Und das es da gewaltige Unterschiede gibt, zeigt die kollektive Angst der Lehrer vor der Zentralmatura!!!

Gast: Miugg S
14.05.2012 10:35
5

Wozu Hausverstand?

Wenn wir Schulexperten haben?

Es wäre angebracht, wenn Gehrer vor der eigenen Tür kehren würde

Die katastrophalen Pisa Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Übervolle Klassen, zuwenig Deutschkenntnisse von Immigrantenkindern zeigen schwere Defizite auf. Diese wurden bis heute zwar leider kaum verbessert, haben ihren Ursprung jedoch aus der Schüssel/Gehrer Ära.

 
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