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Statistik-Austria-Chef warnt vor zu früher Schulwahl

20.06.2012 | 18:35 |  von Christoph Schwarz (Die Presse)

Wirtschaftswissenschafter Konrad Pesendorfer über den „zu frühen Zwang“, eine Berufswahl zu treffen und dem Akademikermangel. Vor allem bei der Lehre sieht Pesendorfer Handlungsbedarf.

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Wien. Es ist eine Seltenheit, dass sich die obersten Statistiker des Landes zur inhaltlichen Beurteilung der eigenen Erhebungen zu Wort melden. Die Ergebnisse der Bildungsmonitoring-Studie der Statistik Austria wollte deren Generaldirektor, Konrad Pesendorfer, jedoch nicht unkommentiert lassen. Der ehemalige wirtschaftspolitische Berater von Kanzler Werner Faymann (SPÖ) warnt im Gespräch mit der „Presse“ vor den Gefahren des differenzierten Bildungssystems: „In Österreich herrscht vielfach ein zu früher Zwang, eine Berufs- oder Bildungsentscheidung treffen zu müssen“, sagt er mit Blick auf Hauptschule, Neue Mittelschule und Gymnasium. „Die Schulwahl determiniert sehr früh die spätere Berufslaufbahn.“ Die negativen Folgen: Lehrlinge mit einer zu spezifischen Ausbildung für einen sich immer schneller wandelnden Arbeitsmarkt, der Verlust von möglichen Talenten und eine zu geringe Akademikerquote.

Vor allem bei der Lehre sieht Pesendorfer – trotz positiver Aspekte – Handlungsbedarf: „Die Lehrlinge werden sehr spezifisch ausgebildet und sind daher sehr stark von der Entwicklung ihrer Branche abhängig.“ Wandle sich der Arbeitsmarkt, verlören sie auch leicht den Anschluss. Denn so gut der Einstieg in das Berufsleben auch gelinge (47,5 Prozent finden innerhalb von drei Monaten einen Job, weitere 14,7 Prozent innerhalb von sechs Monaten): Die Weiterbildung im Laufe des Berufslebens erweise sich als schwierig, so Pesendorfer. „Dem System fehlt die Durchlässigkeit. Für Interessierte und Begabte fehlt die Brücke zu einer höheren Ausbildung“, so Pesendorfer. „Vielleicht haben wir bereits so manche Chance auf Literatur-Nobelpreisträger vergeben, weil er oder sie sich zu früh für eine Werkslehre entscheiden musste.“

Auch im Schulsystem kritisiert der Statistik-Austria-Chef die frühe Selektion: „Wir müssen akzeptieren, dass sich Kinder und Jugendliche unterschiedlich schnell entwickeln.“ Das bestehende System sei „unfair“ gegenüber Spätentwicklern. Auch dass aufgrund der frühen Differenzierung oftmals nur die Eltern und nicht die Jugendlichen selbst über die Laufbahn entschieden, sei ein Manko, so Pesendorfer. Wie entscheidend die Schulwahl für die Karriere ist, belegen zwei Zahlen: Nur 4,5 Prozent aller AHS-Absolventen gehen direkt in den Beruf; bei berufsbildenden mittleren oder höheren Schulen sind es zwischen 40 und 55 Prozent.

Die Anreize und Gelegenheiten, rasch in den Arbeitsmarkt einzutreten, führten auch zu einem international niedrigen Akademikeranteil, sagt Pesendorfer. „Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben wollen, müssen wir bei den Hochschulabsolventen stark aufholen.“ Sonst ende man „als verlängerte Werksbank“ jener Staaten, in denen tatsächlich Innovation passiere.

Auch die Qualität der Hochschulen müsse steigen, so Pesendorfer. Hier müssten monetäre Mittel investiert werden: „Studierwillige sollten Bedingungen vorfinden, die hohe Qualität sicherstellen und andererseits ein rasches Vorankommen im Studium möglich machen.“ Transparenz im Schulsystem erhofft er sich von der Zentralmatura: Ein Qualitätsvergleich zwischen den einzelnen Schulen und Schultypen werde dann wesentlich leichter möglich sein.

Zur Person

Konrad Pesendorfer ist seit 2010 fachstatistischer Generaldirektor der Statistik Austria. Zuvor war der Wirtschaftswissenschafter u.a. Berater des Direktoriums der Europäischen Zentralbank und Wirtschaftsberater von Kanzler Werner Faymann (SPÖ). [Reither]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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9 Kommentare
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Statistik Chef Austria warnt vor zu früher Schulwahl

Der Beitrag ist eine Mischung aus sozialistischer Bildungsideologie, Fakten und Fehlern.

1. Es gibt heute zahlreiche Möglichkeiten für Lehrabsolventen sich qualifiziert weiter zubilden.
a) Berufsreifeprüfung und Studienberechtigungsprüfungen ermöglichen es, Studien zu Diskontbedingungen zu beginnen.
b) Fast jeden Fachhochschulstudiengang gibt es auch berufsbegleitend. Aufgenommen werden auch Bewerber ohne Reifeprüfung
c) Das Programm Lehre mit Matura existiert in vielen Varianten.

Wie man allerdings bildungsferne Schichten dazu bringt, sich der Mühe eines Studiums zu unterziehen ist ein weltweit ungelöstes Problem.

2. Die Quote der Universitätsabsolventen undifferenziert anzuheben ist völlig sinnlos bis bildungspolitisch kriminell.

Wir haben Mangel an Naturwissenschaftern und Technikern, aber kaum in anderen Bereichen. Wohl aber besteht Mangel an Facharbeitern, wie die letzte Aktion der Industrie, nämlich arbeitslose Spanier anzuwerben, deutlich zeigt.

3. Bildungssysteme ohne Lehre haben weitaus höhere Quoten bei der Jugendarbeitslosigkeit, wie die immer wieder hochgelobten Skandinavier. Die lernen offensichtlich für PISA aber nicht für den Arbeitsmarkt.

Die Lehre als Sackgasse zu bezeichen ist daher nicht nur falsch sondern auch bildungspolitsch verfehlt.

Antworten Gast: Demiurg
09.07.2012 18:29
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Re: Statistik Chef Austria warnt vor zu früher Schulwahl

Lehre mit Matura --- das hört sich doch schon mal ganz gut an

in DE gibt es das nicht als Regelfall - es gibt ja bananenstaatsmäßig 16 verschiedene Schulsysteme und Berufsbildungsbereich wird der Willkür der Kammern überlassen anscheinend.

es gibt sogar Ausbildungen in DE wo man den Jugendlichen --- wenn es denn noch welche sind - nicht mal ein einziges Fach Allgemeinbildung gegeben hat - dabei hätte man es dadurch ja gerechter machen können, falls mal ein falsch sortiertes Kind darunter ist. Nicht wahr?

hätte man ja als Standard machen können -- haben die aber nicht.

Bildung darf nie vom Zufall abhängen und nie als Willkür daherkommen. Es darf auch nie vom Wohnort abhängen, ob ich ein Bildungsangebot wahrnehmen kann.

ich hab es hier schon erlebt, dass Kinder nicht den 2. Bildungsweg machen konnten wegen einem NC, Platzmangel an weiterführenden Schulen etc.

was ist mit denen? Darf man einen 17jährigen einen Realschulabschluss verweigern, weil er nur eine 2,7 auf dem Zeugnis hat?

sollte man Interessierte nicht zur Bildung durchlassen? Er wollte doch unbedingt - hat sich an eine Zeitung gewendet deswegen. Ist zwar einige Zeit her, aber so geht es nicht.

Gast: Akademiker
21.06.2012 12:02
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Akademikerquote - Quantität statt Qualität

Es ist gewiss so, dass unser Bildungssystem zu wenig durchlässig ist und die Jugendlichen bzw. deren Eltern sich viel zu früh für eine Schule entscheiden müssen; auch das Argument der "Spätentwickler" hat etwas Wahres. Dennoch muss jede Reform ein Augenmerk auf Qualität legen.
Völlig blödsinnig ist jedoch die immer wieder kolportierte These der angeblich zu geringen Akademikerquote. Wir haben hier kein Problem der Quantität sondern der Qualität. Unsere Gesellschaft braucht nicht reihenweise mittelmässiger Akademiker (weil intellektuelles Potenzial nicht ausreichend und in einer Masse ausgebildet), die dann mittelässig bezahlte Jobs - die früher von Mittelschulabgänger erledigt wurden - ausführen. Wir benötigen gute Fachleute (ob Akademiker oder qualifizierter Fachkräfte), die uns im Wettbewerb weiterbringen. Eine einseitige Fokussierung auf die Massenproduktion von Akademikern ist hier zu wenig. Völlig blödsinnig ist daher auch die Diskussion bei den Lehrern, dass diese ein Master-Studium benötigen würden. Die sollen auf Basis einer guten Ausbildung gute Pädagogen sein (jeder der ein Kind in einer Volksschule hat, weiss wie wenig gute es hier gibt) und nicht von der Praxis entrückte Theoretiker. Der Trend alles in der Ausbildung akademisieren zu wollen, führt meist zu keiner besseren Qualität, sondern oft ist das Gegenteil der Fall. Wir brauchen Qualität statt Quantität - letztere verhindert ja oft ersters!

Gehen uns wirklich "Nobelpreisträgr" verloren?

So schlecht waren die Aussichten für Begabte auch bisher nicht!

Wahrscheinlich wäre ich im Leben weitergekommen, wenn ich nicht als Unterschichtkind geboren worden wäre, dafür konnte ich aber öfter einen sozialen Aufstieg erleben, als als die, die schon weiter oben angefangen haben.

Ein Jugendfreund von mir, dessen Vater als überzeugter Kommunist nicht wollte, dass sein Sohn etwas anderes als Arbeiter wird, hat als Lehrling bei Humanic angefangen, später doch noch nebenberuflich studiert und vor ein paar Jahren wurde ihm der Ehrentitel "Professor" verliehen.

Die Durchlässigkeit war also auch bisher gar nicht so schlecht, Begabte haben es immer geschafft und die, die keinen Aufstieg erlebten, hatten sicher nicht das Zeug zum "Nobelpreisträger"!


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Nur konsequent.

Statistik-Austria-Studien im Stile von Postwurfsendungen der SPÖ. Was mach´ ma als Nächstes ?

Gast: Oberlehrer immer fleißig
21.06.2012 07:26
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Kein Problem

Die Ide(ot)ologen werden sich durchsetzen, so viel kann man sagen. Hoffentlich nicht so bald. Denn wenn die Gesamtschule kommt, deren Start mit immer fadenscheinigeren Studien und Argumenten herbeigesehnt wird, dann werden die lernwilligen und guten Schüler unter die Räder kommen und zu wenig gefördert werden. Die überforderten Lehrer werde sich in erster Linie um disziplinäre Probleme kümmern müssen und ihre ganze Kompetenz dafür einsetzen, die lernunwilligen und lernschwachen Schüler auf die Standards zu bringen. Da fällt es doch nicht auf, wenn ein intelligenter Schüler, der Höchstleistungen vollbringen könnte, nur durchschnittlich gut ist, oder?

Die Folgen:

Das Gymnasium wird zur Hauptschule
Die bildungsnahen Familien schicken ihre Kinder in die Privatschule

Dann hat man das Österreichische Schulsystem zerschlagen. Aber vielleicht will man das; in der Privatschule übernehmen die Eltern einen Großteil der Kosten. Schulreform als Sparmaßnahme????


Re: Kein Problem, das ist Privatisierung des Schulwesens auf sozialistischen Umwegen!

Das für eine nicht mehr staatlich subventionierte Schule notwendige hohe Schulgeld wird dann noch mit einer Mehrwertsteuer belegt, damit die bösen Reichen auch die Schule für die liebenswerten Leistungsverweigerer mitzahlen.......

Der Herr Generaldirektor scheinen mehr Ideologe, denn Statistikexperte zu sein !


Antworten Gast: FayFay
20.06.2012 21:44
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Re: Der Herr Generaldirektor scheinen mehr Ideologe, denn Statistikexperte zu sein !

naja, ein Berater Faymanns halt ...

Schlagzeilen Bildung