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"Kinder können sich auch eine Zeitlang selbst beschäftigen"

08.10.2012 | 13:43 |  Von Rosa Schmidt-Vierthaler (DiePresse.com)

Trotz großer Gruppen sind die Kindergärten der Stadt Wien Bildungseinrichtungen, sagt deren Leiterin Daniela Cochlár im Interview mit DiePresse.com. Die Pädagoginnen wüssten genau, was sie machen.

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Am Samstag gab es die erste gewerkschaftlich organisierte Demonstration der Kindergärnter. Wie schlecht sind denn die Arbeitsbedingungen der Pädagoginnen und Helferinnen?

Daniela Cochlár: Das war keine Demonstration gegen Wiener Arbeitsbedingungen, sondern eine bundesweite. Wir haben im Bundesgebiet sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen für elementarpädagogische Arbeit. In den städtischen Kindergärten in Wien haben wir etwa einen Personalschlüssel, der über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht. Wir haben nicht nur eine Pädagogin und eine Assistentin in der Krippe, sondern zwei Pädagoginnen und die Assistentin dazu. Wir in Wien bemühen uns, gute Rahembedingungen zur Verfügung zu stellen.

Sind die Arbeitsbedingungen denn gut genug?

Daniela Cochlár Ich war ja selber Kindergartenpädagogin und weiß: Man kann Arbeitsbedingungen immer verbessern.

Was sollte man als Erstes verbessern?

Daniela Cochlár: Es gibt verschiedene Forderungen. Ich horche mir gerne alles an, natürlich muss man auch schauen: Welche Rahmenbedingungen habe ich, was kann ich zur Verfügung stellen.

Würden Sie mehr Personal als dringend betrachten?

Daniela Cochlár: Dass es einen Mangel gibt, ist kein großes Geheimnis. Wien bildet aus und tut was dazu. Etwa 140 Personen werden im nächsten Jahr durch die neuen Programme Change und Pick-Up fertig.

Bei den 3-6-Jährigen werden 25 Kinder von einer Pädagogin und einer Assistentin betreut. International ist das unter dem Schnitt. Soll und kann das in den nächsten Jahren verbessert werden?

Daniela Cochlár:  Man muss sich anschaun, wie sich das weiterentwickelt. Momentan fehlen uns 166 Pädaagoginnen und wir schauen, dass wir die mal ausbilden und den guten Standard, den die städtischen Kindergärten haben, auch halten. Wir haben auch eine Krankenstandsreserve und eine Absenzenreserve.

Eine Pädagogin auf 25 Kinder: Da wird es schon schwierig mit dem Ausdruck "Bildungseinrichtung".

Daniela Cochlár:  Wir arbeiten nicht im Kollektiv, sondern in Kleingruppen, denen ich etwa erkläre, wie sich Rot und Blau zu Lila mischen. Die anderen können mit der Assistin spielen oder sich auch eine Zeitlang selbst beschäftigen, das können Kinder im Alter von 3 - 6 schon ganz gut.

Vergangenes Jahr veklagte eine Kärntnerin einen Kindergarten, weil ihr Kind vom Baum stürzte und sich den Arm brach. Müssen Kinder mittlerweile unter den Glassturz gestellt werden?

Daniela Cochlár: Wir sehen das aus der Bildungssicht. Und Bildung passiert in elementarpädagogischen Einrichtungen nicht durch Unterricht, sondern durch Erfahrungen. Durch Sinneserfahrungen, Bewegungserfahrungen, Spielen usw. Das müssen wir den Kindern ermöglichen. Den Eltern müssen wir nahebringen, dass Erfahrungen dazu gehören: Auf der Rutsche knieend runter rutschen. Sich in der Sandkiste super-dreckig machen. Mit Schlamm spielen. Das kann man Eltern auch nahe bringen, selbst wenn sie übervorsichtig sind. Natürlich passiert manchmal was, das gehört zum Leben dazu. Erfahrungen sind Teil des Bildungsprozesses. Die Pädagoginnen können argumentieren, warum sie Kinder Asphalt oder holpriges Gras laufen lassen. Die schreiben ja auch alle Vorbereitungen und haben eine Zielsetzung.

Und wenn die Eltern sagen, dass sie das trotzdem nicht wollen?

Daniela Cochlár:  Wir können ein Kind nicht den ganzen Tag am Fessel festbinden. Es ist für Eltern ein Lernprozess, wie bei der Eingewöhnung. Hier müssen Eltern lernen, dass im Kindergarten andere Dinge passieren als bei mir in der Familie. Das Kind entwickelt quasi ein zweites Leben, macht Erfahrungen, die es zuhause nie und nimmer machen würde. Dazu ist der Kindergarten ja da: Das Kind soll seinen Erfahrungshorizont erweitern können. Letzten Endes gibt es in Wien auch ein sehr vielfältiges Angebot an privaten Plätzen, wo durchaus unterschiedlich gearbeitet wird.

Gibt es mehr Probleme mit den nachlässigen oder mit den überfürsorglichen Eltern?

Daniela Cochlár: Das Ziel ist ja, dass es dem Kind gut geht. Und überfürsorgliche Eltern gefährden ihre Kinder wahrscheinlich weniger.

Von Experten und Politikern wird betont, wie wichtig die Sprachförderung im Kindergarten ist. Wie funktioniert die?

Eva Reznicek: Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen sprachlicher Bildung und Sprachförderung. Etwa im Alter von 4 Jahren machen wir eine Sprachstandfeststellung. Wenn die Kinder Förderung brauchen, wird das in die Wege geleitet. Sprachentwicklung und Rhythmik hängen etwa eng zusammen: So wird zur Förderung etwa beim Sätze sprechen im Rhythmus gehüpft. Die zweite Sache ist, dass speziell Deutsch gefördert wird. Die Deutschevaluierung wird im letzten Kindergartenjahr gemacht. Da haben wir noch zusätzliche Sprachförderassistentinnen, die den Häusern zugeteilt werden. Wobei auch da wichtig ist, die Erstsprachen der Kinder einzubeziehen. Deutsch lernen ist wichtig, aber es sollen nicht alle anderen Sprachen unterdrückt werden. In einer zweiten Testrunde wird geschaut, ob es Fortschritte gibt.

Wie viele Kinder haben Defizite?

Daniela Cochlár: Im Wiener Gemeinderat hat Stadtrat Christian Oxonitsch erst kürzlich eine Bilanz dazu vorgelegt. Demnach hatten im vergangenen Jahr 4901 Kinder im Alter von 4,5 bis 5,5 Jahren einen erhöhten Sprachförderbedarf. Das umfasst aber die ganze Breite von kleinen Sprachdefiziten bis hin zu kaum sprechenden Kindern.

Und nach der Evaluierung?

Daniela Cochlár: In einer internen Testevaluierung zeigte sich grundsätzlich bei allen Kindern eine signifikante Steigerung der Sprachkompetenz. Aktuelle Gesamtzahlen aus allen teilnehmenden Kindergärten in Wien werden im Herbst 2013 zur Verfügung stehen.

"Geschlechtsneutrale Erziehung": Ist das ein Thema in den Wiener Kindergärten?

Daniela Cochlár:  Wir sagen dazu geschlechtssensible Erziehung, weil es nicht darum geht, das Geschlecht neutral zu machen sondern sensibel zu sein: Mit welchen Rollenklischees wird das Kind konfrontiert. Das ist natürlich ein Thema, weil ein Kind ein breites Bildungsangebot finden soll. Ein Mädchen soll nicht nur im Sozialen, ein Bub nicht nur in der Technik üben dürfen.

In privaten Kindergärten gibt es teilweise die Möglichkeit, Kurse wie Musikunterricht gegen Bezahlung zu buchen. Warum bieten Sie das nicht an?

Daniela Cochlár:  Das Anbieten von Einzelstunden entspricht nicht unserem Konzept. Bereiche wie Mathematik etwa werden in unseren pädagogischen Alltag verschränkt. Wir haben ein ganzheitliches Bildungskonzept, bei dem es nicht darum geht, in Unterrichtseinheiten zu lernen, weil das dem frühkindlichen Lernen nicht entspricht.

Das heißt, die "Tägliche Turnstunde", wie sie derzeit von einer Initiative gefordert wird, halten Sie auch nicht für zielführend.

Daniela Cochlár:  Das ist für die Elementarpädagogik kein Thema. Kinder brauchen den ganzen Tag über ein Bewegungsangebot.

Zur Person
Daniela Cochlár, ehemals selbst eine Kindergartenpädagogin, ist die Leiterin der Kindergärten der Stadt Wien. Sie wird in pädagogischen Fragen von Eva Reznicek unterstützt.

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12 Kommentare
Gast: sabi23
11.10.2012 18:14
1 0

kindergärtner?

wieso wird bei einem beruf, der zu 98% von Frauen besetzt ist, noch immer die männliche berufsbezeichnung verwendet? ,,kindergärtner'' also, da fehlen mir die worte, hat diesen bericht ein 80jähriger verfasst???

Re: kindergärtner?

Du hast vollkommen recht.
Ist sicher mit ein Grund, warum so wenig Burschen sich entscheiden diesen Beruf auszuüben!

Kindergarten verschulen ...

... wie in der DDR.
Aber offensichtlich wollen wir das so.

Gast: Hänschenklein
08.10.2012 19:18
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"Kinder können sich eine zeitlang selbst beschäftigen", diese Aussage ist menschenverachtend. Kinder sind keine homogene Masse sondern lauter Individuen. Was für das eine Kind passt kann für das andere total verkehrt sein.

Jeder Mensch ist ein Individuum und ob mans glaubt oder nicht, Kinder sind auch Menschen.
Es gibt Kinder die kommen in großen Gruppen ganz gut zurecht und profitieren davon. Es gibt Kinder die sind damit überfordert und gehen daran kaputt.


Re: "Kinder können sich eine zeitlang selbst beschäftigen", diese Aussage ist menschenverachtend. Kinder sind keine homogene Masse sondern lauter Individuen. Was für das eine Kind passt kann für das andere total verkehrt sein.

Na, Hauptsache, sie sind nicht bei den Eltern (oder den "Gluckenmüttern, die sich auf das Kind draufsetzen und seine Sozialentwicklung behindern", frei nach Standard-Leserbriefen).

Antworten Antworten Gast: Hänschenklein
09.10.2012 19:26
1 0

Re: Re: "Kinder können sich eine zeitlang selbst beschäftigen", diese Aussage ist menschenverachtend. Kinder sind keine homogene Masse sondern lauter Individuen. Was für das eine Kind passt kann für das andere total verkehrt sein.

Natürlich gibt es Mütter die übertreiben mit ihrer Fürsorge. Das ist aber noch lange kein Grund alle Fehler der Fremdbetreuung damit zu entschuldigen.
Mütter brauchen keine Rechtfertigung warum sie ihre Kinder betreuen. Das hat die Natur einfach so eingerichtet.

Fremdbetreuung braucht Rechtfertigung, denn die hat nur eine Berechtigung wenn sie es besser macht. Genau das ist nicht der Fall vor allem weil die Politiker glauben, dass die Kinderbetreuung nichts kosten darf.

Auch wenn es ein paar Glucken gibt ist die Betreuung durch die Mutter immer noch das Beste für die Kinder.

Re: Re: Re: "Kinder können sich eine zeitlang selbst beschäftigen", diese Aussage ist menschenverachtend. Kinder sind keine homogene Masse sondern lauter Individuen. Was für das eine Kind passt kann für das andere total verkehrt sein.

Genau das meine ich auch.

Hier ein kleiner Ausschnitt...

...wie klug und cool schon 5 jährige Kinder sein können.

http://www.youtube.com/watch?v=Qmy570lFo94

Gast: Johan Meltini
08.10.2012 17:24
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der platonische Kommunismus

im Neoliberalismus.

Gast: Georg Brunnbergstein
08.10.2012 15:01
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Bin zum Glück mit den Kindern von NÖ nach Wien gezogen.

Im NÖ Landeskindergarten waren die Tanten nur zum Beaufsichtigen da, mit den Kinder gemacht haben die nichts. In den neuen NÖ-KGs geht das soweit, dass überall Fensterschlitze eingebaut wurden, damit die Tante nicht mal mehr vom bequemen Sitz aufstehen muss, wenn die Kinder in den Garten oder aufs Klo gehen (auch am Kinderklo gibt's Beaufsichtigungsfenster!). Die bleiben dann den ganzen Tag sitzen und schauen ... und keiner tut auch nur irgendwas mit den Kindern.

Gast: Hollwitz A
08.10.2012 12:42
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Trotz großer Gruppen sind die Kindergärten der Stadt Wien Bildungseinrichtungen, sagt deren Leiterin Daniela Cochlár

Ja natürlich!

Für die Rotbildung!

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Re: Trotz großer Gruppen sind die Kindergärten der Stadt Wien Bildungseinrichtungen, sagt deren Leiterin Daniela Cochlár

Wie schon in der DDR. Dass das Kindergärten sind wie früher hätte ich eh nicht gedacht.

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