Kinderwunsch: Lieber kinderlos als "Rabenmutter"

Warum bekommen Frauen so wenige Kinder? Eine deutsche Studie zeigt, dass sich viele die Elternrolle nicht mehr zutrauen. Zudem gibt es zunehmend andere Ziele im Leben. Das gilt auch für Österreich.

Kinderwunsch Lieber kinderlos Rabenmutter
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Kinderwunsch Lieber kinderlos Rabenmutter
Symbolbild – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Berlin/Wien. Warum werden in Deutschland und Österreich so wenige Kinder geboren? Und was kann die Politik tun, um das zu ändern? Neue Antworten sucht eine aktuelle Studie des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Auf den ersten Blick sind die Daten ernüchternd: Die Gesamtfertilitätsrate verharrt in beiden Ländern auf niedrigem Niveau (Deutschland: 1,39, Österreich: 1,43). Es scheint, dass der Staat vergebens Milliarden investiert, um junge Paare zum Kinderkriegen zu überreden.

Doch die deutschen Mikrozensus-Daten enthüllen durch einen Ost-West-Vergleich interessante Details. Während in der alten Bundesrepublik die Geburtenrate seit Anfang der Siebzigerjahre stagniert, gibt es in den neuen Ländern Bewegung: Seit einem Tiefpunkt um die Zeit der Wende steigt die Fertilität an und liegt nun knapp über dem Wert des Westens. Zudem gibt es im Osten viel weniger Frauen, die kinderlos sind und es bleiben wollen. Wo liegt der Unterschied? Offenbar nicht bei staatlichen Anreizen wie dem Kindergeld, die es im ganzen Land gibt. Große Differenzen finden sich dafür bei der Einstellung der Gesellschaft zu berufstätigen Müttern. Der Aussage „Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“ stimmen in Westdeutschland 63Prozent zu, im Osten nur 36 Prozent.

 

Land der Krippenskeptiker

Die Folge aus Sicht der Autoren: Es gehe nicht nur um fehlende Betreuungsplätze. Es gehe vor allem um „die eigene Vorstellung“ der Frauen, „dass sie als Mutter die Betreuung ihres Kindes an niemanden guten Gewissens delegieren können“. So verzichten viele auf das Kinderkriegen und konzentrieren sich auf ihren Beruf. Lieber gar nicht Mutter als Rabenmutter. In Österreich ist es noch extremer: Der Studie zufolge stehen sogar 65 Prozent der Befragten berufstätigen Müttern von Kleinkindern skeptisch gegenüber (siehe Grafik).

Warum? Isabella Buber-Ennser, Forscherin am Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaft, nennt mehrere Gründe: die traditionellen Rollenbilder oder die – im Vergleich zu Skandinavien – hohe Konzentration der Verantwortung auf die Mutter. Jedoch spiele auch die Qualität der Krippen eine Rolle: „Wenn die Betreuungseinrichtungen Aufbewahrungsstätten sind, haben die Mütter das Gefühl, ihr Kind abzuschieben.“ Das heißt: Die Politik kann sich beim Kinderbetreuungsangebot nicht mit dem Argument aus der Verantwortung stehlen, dass Frauen bloß am „Rabenmutter-Komplex“ laborieren. Interessant ist auch, dass der Bildungsgrad der Befragten die Meinung zur außerhäusigen Kleinkinderbetreuung ändert: Je gebildeter, desto geringer die Skepsis.

Generell, sagt Buber-Ennser, lassen sich (west-)deutsche Studienergebnisse auf Österreich umlegen. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch hier einen fixen, leicht steigenden Anteil von kinderlosen Frauen – von 20 Prozent, bei Frauen mit Uni-Abschluss 30 Prozent. Die Hälfte davon „rutscht“ in die Kinderlosigkeit (weil die Frauen zu lange warten etc.), die andere Hälfte entscheidet sich bewusst. Denn auch das zeigt die deutsche Studie: Kinder werden nicht mehr unbedingt als „Quelle von Lebensfreude und Zufriedenheit“ wahrgenommen. Beruf, Freunde – man hat zunehmend andere Ziele im Leben. Für Buber-Ennser hat das auch sein Positives: Der gesellschaftliche Druck, wie genau ein erfülltes Leben auszusehen hat, nimmt ab.

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Keine Trendumkehr in Sicht

Wie geht es weiter? Für Deutschland zeichnet die Studie folgendes Bild: Im Osten steigt die Geburtenzahl, doch dominiert aus wirtschaftlichen Gründen die Einkindfamilie, womit sich eine ähnlich niedrige Geburtenrate wie im Westen ergibt. Offen bleibt, ob die Trendwende im Osten nachhaltig ist oder ob Frauen nur Geburten „nachholen“, die sie in den Umbruchzeiten hinausgeschoben haben. Die Frage stellt sich auch in einigen Ländern Osteuropas. In Spanien und Italien – in Ländern ohne Umbruchsphase – zeigt die Kurve aber auch so nach oben. In Österreich und Westdeutschland bleibt die Trendwende aus. Laut Studie hat das vor allem mit der Einstellung zur Familie zu tun. Dafür sprechen Daten aus Frankreich oder Belgien. Dort gibt es höhere Geburtenraten sowie mehr mehr Akzeptanz für berufstätige Mütter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2012)

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