Ihr Kinderlein, kommet: Der Zwang zur Krippe

05.01.2013 | 18:13 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Die Gesellschaft wünscht es, die Politik unterstützt es: Das Vorhaben, möglichst viele Kinder möglichst früh in Fremdbetreuung zu geben. Jetzt aber regt sich Widerstand gegen diese Maxime.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Wenn es so etwas wie ein Schlaraffenland der Kinderkrippen gibt, dann beginnt es einige Meter hinter einem Gartentor in der Peter–Jordan-Straße in Wien Döbling, in einer der vielen Nobelvillen des Bezirks, ausnahmsweise eine mit einem gewissen „Kunterbunt“-Flair. An einer kleinen Holzschleuse treffen sie zusammen, die wirkliche Welt und das kuschelige Ambiente der Kindergruppe „Spielzimmer fünf Sinne“. Dort stehen die Erzieherinnen und reden mit den Eltern, die ihre Kinder aus Mänteln und Jacken schälen. „Hier holen wir die Kinder jeden Tag aufs Neue ab“, sagt Birgit Greiner, die gemeinsam mit Sara Pancot die Kindergruppe leitet. „Wir wollen jeden Tag alles über das Kind wissen: vom Schlafverhalten über eine Verkühlung bis hin zur Scheidung der Eltern.“

Ein idealer Beginn für einen Tag in der Kinderkrippe – dem könnte auch der dänische Erziehungsexperte und Familientherapeut Jesper Juul nicht widersprechen. An vielen anderen Aufbewahrungsstätten aber hat Juul jede Menge auszusetzen – und zwar so viel, dass er jetzt eine wütende Streitschrift zu dem Thema verfasst hat: ein Plädoyer gegen den Krippenzwang.

Juul stößt mit seinem schmalen Büchlein „Wem gehören unsere Kinder?“ mitten in das Herz einer Diskussion, die sich in der letzten Zeit deutlich verändert hat. Noch vor einigen Jahren sangen alle zu dem Thema „Krippe“ von einem Chorblatt: Es gebe zu wenig leistbare Krippenplätze, um den Frauen, die das wünschten, die Rückkehr ins Arbeitsleben zu ermöglichen. Die Europäische Union machte es zu ihrem politischen Ziel, für mindestens ein Drittel der Kinder unter drei Jahren Krippenplätze zur Verfügung zu stellen. Wien legte sich besonders ins Zeug und konnte in diesem Sommer stolz melden, dass es diese Vorgabe mit 33,9 Prozent sogar übertroffen habe. Rechne man die Kinder im Alter von unter einem Jahr weg, für die es kaum Betreuungsnachfrage gebe, betrage die Versorgungsquote für Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren sogar 50,9 Prozent, erklärte der zuständige Wiener Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch.

Angebot an die Eltern. In diesem Wettrennen um möglichst viele Krippenplätze laufe die Gesellschaft allerdings Gefahr, über ihre eigenen Füße zu stolpern und eine Bruchlandung hinzulegen, meinen mittlerweile Skeptiker wie Jesper Juul. Ein Kritikpunkt ist, dass die bessere Versorgung mit Krippenplätzen zu einer normativen Kraft des Faktischen geworden ist: Es gibt mehr Betreuungsplätze, und deshalb müssen diese nun gefälligst auch in Anspruch genommen werden. „Eine Zwangsmaßnahme“, wettert Juul, der es ein „Privileg“ nennt, wenn Mütter ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahren zu Hause erziehen können. „Kinderkrippen sind keine Erfindung Gottes und kein Geschenk an seine jüngsten Schäfchen. Sie sind ein Angebot der Gesellschaft an die Eltern, die im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden.“

Diese Einstellung riecht verdächtig nach neuem Konservativismus der Marke „Mütter, lasst euch nicht einreden, dass ihr alles unter einen Hut bringen müsst! Bleibt zu Hause, so lange ihr wollt und solange ihr es euch leisten könnt!“ Das aber passt so gar nicht zu dem Bild, das sich seine zahlreichen Anhänger auch in Österreich von Juul machen – gilt der Däne doch als Verfechter einer gelassenen, pragmatischen und liebevollen Erziehungskultur mit starker Betonung der Verantwortung beider Elternteile sowie der individuellen Entfaltung jedes einzelnen Kindes.

Quantität statt Qualität. Genau bei diesem letzten Punkt aber beginnt Juuls Kritik zu greifen: dass nämlich in der Betreuung der Jüngsten Quantität auf Kosten von Qualität gehe; die Erfüllung politischer Zielvorgaben darüber hinwegtäusche, welch schlechte Bedingungen teilweise in den rasch geschaffenen Krippen geboten werde. Zu den wichtigsten Punkten zählt die mangelnde Ausbildung der – fast ausschließlich weiblichen – Betreuer und Erzieher, der schlechte Betreuungsschlüssel und die Tatsache, dass zu kleine Kinder täglich zu viel Zeit in einer Kinderkrippe verbringen.

Viele Mütter und Väter sehen diese Schwachstellen zwar, wissen sich aber aus dem Dilemma zwischen elterlicher Verantwortung (beim Kind bleiben) und wirtschaftlicher Verpflichtung (arbeiten gehen müssen) nicht zu befreien. Birgit Greiner und Sara Pancot ging es nicht anders, dann aber wagten die beiden Frauen den Sprung ins kalte Wasser. Sie lernten sich kennen, als ihre Kinder gemeinsam in einen Kindergarten gingen, der niemanden so recht beeindruckte. „So etwas muss doch besser zu machen sein“, sagte das Duo und komplettierte den ersten Bildungsweg – Kunstgeschichte – mit einem zweiten, der sie in Richtung Kindergruppenbetreuung führte.

Laboratorium der Sinne. Mit der Kindergruppe „Spielzimmer fünf Sinne“ verwirklichten Greiner und Pancot ihren ganz persönlichen Traum davon, wie Frühbetreuung von Kindern idealerweise aussehen könnte. Sie vereinen Elemente von Montessori, Emmy Pickler und dem futuristischen Künstler Bruno Munari, dem das Laboratorium der Sinne geschuldet ist.

Die Kindergruppe wird deutsch-italienisch geführt, es gibt einen großen Garten, und es wird jeden Tag frisch vor Ort gekocht. Die Kinder haben fixe Routinen und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Die Eingewöhnung dauert vier Wochen, während derer das neue Kind eine Betreuerin ganz für sich hat. Der Kontakt mit den Eltern ist intensiv, es wird jeden Tag geredet, alle drei Monate gibt es einen Elternabend. Die maximale Stundenanzahl ist begrenzt, nur an drei Tagen ist die Kindergruppe bis 15 Uhr geöffnet: „29Stunden pro Woche reichen völlig aus, da das Programm für so kleine Kinder relativ intensiv ist“, meint Greiner.

Trotz dieser arbeitsfernen Öffnungszeiten ist die Nachfrage gewaltig. „Wir führen derzeit zwei Gruppen im Haus, eine dritte ist bereits in Vorbereitung“, meint Greiner. Und auch die Kosten schrecken Eltern nicht ab, denn Qualität kostet, auch bei der Frühbetreuung. Obwohl das „Spielzimmer fünf Sinne“ die entsprechende Förderung der Stadt Wien erhält, müssen Eltern für die Maximalvariante von 29Wochenstunden nochmal 326 Euro drauflegen.

Mit dieser Luxusvariante lassen sich viele der Probleme wettmachen, die erst langsam im Zusammenhang mit der Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren identifiziert werden. Früher ist man einfach davon ausgegangen, dass es in einem so jungen Alter egal ist, bei wem das Kind seine Zeit verbringt: Betreuung wurde dabei mit Verwahrung gleichgesetzt. Wurde diese auch noch ideologisch verbrämt, wie in der ehemaligen DDR, bekam die Kinderkrippe schnell einen ganz schlechten Ruf. Nicht umsonst ist die Diskussion in Deutschland eine besonders heftige – viel heftiger etwa als in Frankreich oder Belgien, wo „Crèches“ für Babys ab dem Alter von vier Monaten durchaus an der Tagesordnung sind. Französische Feministinnen wie Elisabeth Badinter spötteln gern über die Obsession deutscher Frauen mit der „Mutterliebe“. Das ist allerdings ein Klischee – genauso wie jenes, dass französische Mütter ihre Kinder grundsätzlich schon ab dem Säuglingsalter in der Krippe deponieren.

Es ist allerdings mehr als diese Art von „Zickenkrieg“ (Jesper Juul) zwischen Müttern, die sich ihre jeweiligen Lebensmodelle um die Ohren hauen, die Eltern und Experten zu denken gibt. Untersuchungen haben gezeigt, dass 22 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in der Krippe ein relativ hohes Niveau des Stresshormons Cortisol aufweisen (siehe links unten).

Zu viele Reize, zu wenig Rückzug. Diese Untersuchung wird durch ein ambitioniertes Projekt der Uni Wien auf den Prüfstand gestellt. Der Bildungswissenschaftler Wilfried Datler und die Psychologin und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert führten zwischen 2007 und 2012 die große „Wiener Kinderkrippenstudie“ durch. Endergebnisse liegen noch keine vor, Zwischenergebnisse bestätigen aber, dass die Stressverarbeitung von Kindern unter 36 Monaten in einer Krippe problematisch verlaufen kann. Zwar sind Kinder in diesem Alter sehr anpassungsfähig, doch leiden viele von ihnen unter einer Reizüberflutung, unter zu wenig Rückzugsmöglichkeiten sowie darunter, dass sie auf Grund des ungünstigen Betreuungsschlüssels keine gesicherte Bindung zu einer der Betreuerinnen aufbauen können. Diese gesicherten Bindungen sind für Kinder unter zwei Jahren allerdings essenziell und entscheiden über die weitere soziale Entwicklung sowie darüber, ob diese Kinder später selbst in der Lage sein werden, Beziehungen zu führen.

Der Betreuungsschlüssel ist einer der Hauptkritikpunkte in der Krippendiskussion: 1:8 (Erzieherin zu Kindern) gilt in Österreich bereits als „gut“. Anderswo allerdings nicht: 2009 erreichte Österreich in einem OECD-Vergleich der Betreuung von Unter-Dreijährigen mit einem Schlüssel von 1:8,7 nur den 19. von 20 Plätzen. Lieselotte Ahnert meint, sie könne mit 1:5 leben. Internationale Empfehlungen sprechen gar von 1:3.

Das erreicht allerdings kaum ein Land. Denn das dafür notwendige Personal muss erst einmal gefunden, entsprechend ausgebildet und entlohnt werden. Und das kostet Geld, das sich Staaten gerade in Zeiten wirtschaftlicher Flaute nur bedingt leisten wollen. Das Resultat ist eine oft suboptimale Lösung bei der Betreuung von Kleinkindern.

Das kollektive Kind. Das sei allerdings nicht die Schuld der Erzieher, sagen Experten, sondern der Gesellschaft, die ihre wertvollsten Güter halbherzig verwalte. „Wenn unsere Gesellschaft ihre Kinder in Betreuungsinstitutionen untergebracht sehen will – und das scheint der Fall zu sein–, muss sie auch die Verantwortung übernehmen, die mit dieser Aufgabe einhergeht. Das bedeutet, dass sie ihren Beschäftigten diese Verantwortung überträgt und sicherstellen muss, dass sie die erforderlichen Qualifikationen besitzen, ihrer Verantwortung auch gerecht zu werden“, schreibt Jesper Juul.

Seine Empfehlung lautet, den Ablauf in einer Kinderkrippe überhaupt komplett zu überdenken und von dem (praktikablen) kollektivistischen Ansatz abzugehen, der vorschreibt, dass alle Kinder gleichzeitig zu essen und zu schlafen haben. Ohne mehr Anerkennung der Individualität werde es nicht gelingen, das Potenzial jedes einzelnen Kindes zu erkennen und seine Stärken zu fördern anstatt seine Schwächen zu betonen.

So manche Mütter und Väter werden durch diese Krippenkontroverse bestimmt verunsichert. „Nehmen, was man kriegen kann“, lautete bisher die Maxime in Zeiten von hoher Nachfrage und relativ geringem Angebot. Wer da zu hohe Ansprüche stellt, läuft Gefahr, ohne Betreuungsplatz für sein Kind dazustehen. Dieser Defätismus ist allerdings gerade bei einem so grundsätzlichen Thema wie der Kinderbetreuung nicht angebracht – geht es doch sowohl um das Seelenheil der (fremdbetreuten) Kinder wie auch um das ihrer Eltern. Da steht allen Beteiligten nur das Beste zu. Und das ist ein Recht, für das es sich durchaus zu kämpfen lohnt.

Jesper Juuls Thesen

Kinderkrippen dienen den Bedürfnissen von Familien, in denen beide Elternteile möglichst bald nach der Geburt wieder arbeiten wollen oder müssen, nicht den Bedürfnissen der Kinder.

Die Entscheidung für oder gegen eine Krippe bzw. für welche Art von Krippe muss von den Eltern nach individuellen Kriterien getroffen werden. Die Eltern trauen sich dabei aber nicht, viele Forderungen zu stellen. Für sie ist der wichtigste Punkt, dass die Kinderbetreuung funktioniert: Davon hängt oft das gesamte Lebensmodell ab.

Eine Gesellschaft, die ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen unterbringen will, stimmt damit auch zu, einen Teil der Verantwortung für die Erziehung dieser Kinder zu übernehmen. Dann muss sie aber auch das zuständige Personal entsprechend ausbilden und bezahlen.

Die Definitionsmacht, ob ein Kind problematisch ist, liegt heute bei (vorwiegend) weiblichen Erziehern, oft ohne entsprechendes Fachwissen. Als „gute Kinder“ gelten vor allem jene, die sich nahtlos in eine Erziehungsinstitution einfügen. Mädchen schneiden dabei deutlich besser ab als Buben. Dagegen hilft nur bessere Kommunikation zwischen Eltern und Betreuern.

Die Ausbildung muss so reformiert werden, dass Erzieher und Betreuer lernen, das individuelle Potenzial jedes Kindes zu erkennen und zu fördern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

70 Kommentare
 
12
1 0

unterm Hund

ausgezeichnet-es wird Zeit die Dogmen aus der Fremdbetreuung von Kindern zu entfernen
Faktum ist-Fremdbetreuung kann notwendig sein, aus tausenderlei Gründen, auf die näher einzugehen müßig ist, Eigenbetreuung ist ein erstrebenswerter Luxus, den man sich leisten kann, will, muss-je nach Geschmack
Sicher ist nur- so vielfältig beliebig wie die Entscheidungsgründe darf die Qualität der Betreuung nicht sein
derzeit ist sie in den meisten Fällen unterm Hund

reinzend die beschreibung der luxuskrippe für döblinger hausfrauen...

aber der termin beim frisör und im beautysalon lassen sich bei den öffnungszeiten schon unterbringen...

6 2

Beste Erfahrungen mit Eigenbetreuung

Und schlimme Erfahrungen mit Fremdbetreuung.
Das kommt sehr oft vor.

Ein Beispiel, das mich geprägt hat:
Ein junges Paar zieht mit dem wenige Monate alten Kind nach Westberlin - in den 60-ern gab es dort für Österreicher sehr gute Verdienstmöglichkeiten. Das Kind kam in eine Krippe.
Nach einigen Jahren zogen sie mit viel Geld nach Österreich zurück, bauten ein Haus und bekamen ein 2. Kind.
Das erste Kind machte in der Pubertät die größten Schwierigkeiten. Das zweite Kind kaum welche.
WARUM?
Weil die Eltern zum ersten Kind keine ausreichende Bindung aufbauen konnten.

Viele kinderreiche Familien, die ihre Kinder selber betreuen, berichten mir immer wieder, wie wenig sie von der angeblichen so schwierigen Zeit der Pubertät spüren. Für die Kinder ist eben natürliches Aufwachsen bei MAMA und PAPA das Beste. Krippen sind ein schlechter Ersatz.

Übrigens:
Ohne ausreichende Bindung sinken auch die Bildungschanchen!

Re: Beste Erfahrungen mit Eigenbetreuung

mal überlegt, ob da vielleicht noch andere faktoren mitspielen? und zwischen den 60er jahren und heute liegt auch einiges an weiterentwicklung in der betreuung...

Die Gesellschaft wünscht es??? Die Politik unterstützt es???

Wie verkommen und krank muss eine Gesellschaft sein, die sich Kinder "wünscht" um sie mit Unterstützung der linkslinken Grünen und Sozialisten möglichst früh abzuschieben?
Was kommt als nächstes? Leihkinder für Ostern und Weihnachten? Am besten gleich aus der Retorte oder dem Katalog???
Das ist nur mehr krank!

4 0

Nein - die Linken wollen es, nämlich

Die Verstaatlichung der Kinder.

Dabei ist genau das im ehemaligen Ostblock so gründlich danebengegangen, wie Gorbatschow in einem seiner Bücher eingestanden hat:

"Die Abschiebung der Klein-Kinder in die Krippen war einer unserer ganz großen politischen Fehler!"

5 1

auch Pflicht notwendig

für bildungsferne, und nicht- deutsprachige Kinder, die in österreich bleiben wollen ist eine möglichst frühe Kindergartenpflicht gesellschaftlich notwendig, will man nicht die geborenen Sozialfälle von morgen züchten. Der Coottagekindergarten im Artikel ist ein liebliches Gschichterl für die oberen 1000 in Wien. Die Redakteurin soll sich mal das echte Wien ansehen.

Re: auch Pflicht notwendig

Da könnte man sich schon bessere Förderprogramme überlegen als eine möglichst frühe Kindergartenpflicht, zu der auch bildungsnahe und wohlbehütete Kinder gezwungen werden.

9 1

Freiwilligkeit

Möglichst frühe Fremdbetreuung und Ganztagsschule - nur zwei Bereiche, wo Familien um das Recht auf Freiwilligkeit kämpfen sollten. Manche werden beide Formen brauchen oder bewusst wählen, andere müssen aber die Möglichkeit haben, ihr Familienleben anders zu gestalten.

Re: Freiwilligkeit

Mütter, lasst euch nicht einreden, dass ihr alles unter einen Hut bringen müsst! Bleibt zu Hause, so lange ihr wollt und solange ihr es euch leisten könnt.

Re: Re: Freiwilligkeit

bei scheidungsraten von über 50% ist das leider ein sehr riskantes geschäft. für männer und frauen.

Krippenzwang

Für, um in Wien zu bleiben, Kinder aus Hietzing, Grinzing oder Innere Stadt stellt sich teilweise die Frage der Freiwilligkeit.
Jesper Juules, der sicher viel vernünftiges schreibt und sagt, spricht ein Publikum an, welches Bücher liest (zumindest die des Herrn Juules) und ein Interesse am möglichst guten Aufwachsen der Kinder hat. Leider ist das aber bald nicht mehr die Mehrheit der Kinder, denen dies widerfährt.
Liest man ein Buch wie " Neukölln ist überall", dann ist für mich nachvollziehbar, dass eine Kinderkrippeverpflichtung gerade Kinder aus bildungsfernen oder/und Migrationshaushalten in ein Bildungssystem holt und vielleicht da noch etliches in Hinblick auf späteres Lernverhalten hilft. Das geht nur mit Zwang - Kinderbeihilfe streichen zB., rettet aber vermutlich Leben. Da in Österreich Hausunterricht erlaubt ist, kann man sicher eine Lösung für Kinder finden, deren Eltern diese noch zu Hause haben wollen mit Kontrolle vongewünschten Jahreszielen (Sprache, Motorik etc)

Idylle?

Abgesehen von der tendenziösen Zusammenfassung des Artikels im Untertitel, heiße Eislutscher wären vielleicht schön, aber wie machen wir es?

Die implizite Vorstellung, dass es früher besser war, ist doch Unsinn: Bei reicheren Familien blieb die Mutter zwar vielleicht zu Hause, die Kinder wurden aber von Ammen und Kindermädchen betreut. Und die Kinder aus ärmeren Schichten und Bauern mussten einfach von klein an arbeiten.

Die Aufbauzeit der 50er und 60er mit entsprechendem Wirtschaftswachstum kommt so auch nicht schnell wieder.

Und die problematischere Wahl ist ja, ob eine Frau von ihrem Mann finanziell abhängig bleiben will (trotz Ausblick auf ältere Männer mit jüngeren Zweitfrauen oder frühem Herzinfarkt). Denn es geht ja nicht nur um den aktuellen Verdienst, der zeitweilige Ausstieg bedeutet ja oft schlechteren Wiedereinstieg, geringeres Gehalt, geringere Pension.

Und die von Statistikern verbreitete Realität schein ja zu sein: trotz weltweit höchster Zuwendungen für Familien mit Kindern sinkt die Geburtenrate drastisch, wenn keine Möglichkeit der externen Kinderbetreuung angeboten wird.

Natürlich sollte es keine Pflicht zur Krippe geben, das Personal sollte qualifiziert sein, aber es sollte das Angebot geben.

0 0

Re: Idylle?

mag sein- Kinder, die mit Ammen, Kindermädchen, ....oder in einer Großfamilie aufwuchsen, hatten jedoch meist gelungene Bindungsstrukturen-ihre Streßpegel blieben niedrig-auch wenn die Eltern nicht die wesentlichen Bezugspersonen waren-
Großfamilien, Handwerksfamilien, u.a. boten den Kindern auch eine Wahlmöglichkeit zwischen den Bezugspersonen-wenn die Mutter keine Zeit hatte, ist man eben zu Oma oder zu einem Lehrmädchen spaziert,irgendwer hatte immer gerade Zeit -Die Kinder waren den Erwachsenen keineswegs so auf Gedeih und Verderben ausgeliefert wie heute--und da ist es egal ob Eigen-oder fremdbetreut

Re: Idylle?

Heiße Eislutscher ist ein Argument! Aber wenn Hinsichtl und Rücksichtl Familienpolitik betreiben, wird eben nicht Fisch und nicht Fleisch daraus.

Welche großartigen Zuwendungen gibt es denn, die eine Entscheidung "pro Familie" wirklich fördern würde? Die 100 bis 150 Euro Familienbeihilfe? Dieses Geld verspachteln unsere Kids innerhalb einer Woche!

Kinder für unsere Zukunft und als künftige Steuerzahler groß zu ziehen ist im Finanzamtsjargon Liebhaberei.

Re: Re: Idylle?

Wenn man heute Kinder bekommt, dann sicherlich nicht wegen der hohen Zuwendungen für Familien. Als Frau bedeutet es einen finanziellen Verlust, Kinder zu bekommen. Durch die Babypause hat man im beruflichen Leben einen Nachteil. Das lässt sich wohl nicht verhindern, es haben eben nur Frauen Gebärmütter. Kinder, bis sie erwachsen sind, kosten viel mehr Geld als die finanzielle Unterstützung ausmacht. Außerdem verbraucht die Kinderbetreuung sehr viel Zeit, sofern man auch emotional gesunde Kinder großziehen möchte. Frauen leiden deshalb häufig unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Und das, wo man zukünftige Steuerzahler in die Welt setzt und eigentlich sehr viel für den Staat leistet.

Wenn man keine Kinder bekommt, hat man alle diese Nachteile nicht.

Re: Re: Re: Idylle?

Mütter, lasst euch nicht einreden, dass ihr alles unter einen Hut bringen müsst! Bleibt zu Hause, so lange ihr wollt und solange ihr es euch leisten könnt.

Das Problem ist,

daß diese Analyse nur für Menschen stimmt, die
a) erwerbstätig sind bzw. sein wollen
und
b) ihren Kindern "etwas bieten" wollen.

Für Menschen, auf die beide Aussagen nicht zutreffen besteht schon ein massiver Anreiz, Kinder zu bekommen.

Dieses Missverhältnis gilt es auszuschalten. D.h. Unterstützungen sollten nur an zuvor Erwerbstätige bzw. Versicherungsleistungen beziehende Eltern ausbezahlt werden.

Re: Re: Re: Idylle?

Richtig, Frauen haben einen finanziellen Verlust! Männer übrigens auch!
Reich werden will und wird mit Kinderkriegen ohnehin (fast) niemand, aber ein bisserl mehr als den Gegenwert eines Thermentages eines/r Kinderlosen dürfte es schon sein...

Wir können das ewig diskutieren...

...nur bringen wird es nichts.

Fakt ist: das Leben kostet viel Geld. Kinder kosten viel Geld. Keiner will mehr mit Mann und Kindern in einer winzigen Wohnung wohnen, im Idealfall hat jedes Kind sein eigenes Zimmer. Man will einen gewissen Lebensstandard haben.
Den kann man aber nicht mit einem Gehalt finanzieren. Schon gar nicht, wenn das Durchschnittsgehalt in etwa 1500 EUR netto beträgt.
Folglich müssen beide Eltern arbeiten. Folglich braucht man Kinderkrippen.

Wenn man möchte, dass die Eltern ihre Kinder selbst betreuen, dann muss man irgendwie dafür sorgen, dass sie ihren Lebensstandard trotzdem beibehalten können. Sonst werden nämlich die Eltern nicht mitspielen. Oder man entscheidet sich von vorneherein gegen Kinder.

Wie wäre es denn, wenn man Kinderbetreuung zu Hause bezahlen würde? Der betreuende Elternteil leistet ja im Grunde dieselbe Arbeit wie ein/e Angestellte/r in einer Kinderkrippe, warum ihn also nicht gleich bezahlen?
Ich würde gerne sehen, wieviele Eltern ihre Kinder selbst betreuen würden, wenn der finanzielle Aspekt abgedeckt wäre und keiner mehr Angst um seine Existenz haben müsste.

3 0

Leistung der Eltern bezahlen

Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag!
Für die alten Menschen gibt es Pflegegeld - gestaffelt nach deren Pflegebedarf.
Warum sollte es nicht auch für unsere Babys und Kleinkinder Pflegegeld geben?

In beiden Fällen - bei den pflegebedürftigen alten Menschen wie bei unseren jüngsten Bürgern spart sich der Staat durch private Betreuung zuhause sehr viel Geld.

Und den Kindern tut es gut, von den eigenen Eltern betreut zu werden.

Weiterführende Gedanken finden sich in einer Studie, die über Google zu finden ist:

"Eigenpension für Mütter anstatt Witwenpension"

Re: Wir können das ewig diskutieren...

aber auch nur mit Förderungskontrolle des Entwicklungsstandes des Kindes, mindestens einmal im Jahr.

Denkfehler?

Wurde schon in anderen Postings vorgeschlagen, aber: ein Krippenbetreuer betreut mehrere Kinder, sagen wir 8. Daher würde ein zuhause bleibender Elternteil kostenneutral 1/8 des Gehalts eines Profis bekommen (was zu wenig zum täglichen Leben sein dürfte) oder aber es kostet eben das Achtfache.

0 0

Re: Denkfehler?

ist richtig-nur die Betreuungsquote 1:8 ist menschenunwürdig
bei 1.4 , 1.5 gibt es bereits Probleme, 1:3 wäre gerade akzeptabel

Re: Denkfehler?

Die Rechnung geht so nicht auf: Die Kinderkrippe baut sich nicht von selbst, die laufenden Kosten gehören genauso in die Rechnung, wie die Lohnnebenkosten der Betreuerinnen (brutto AG>>netto AN).

Und schon schaut die Sache wieder etwas anders aus...vielleicht bei einem 1/3?

0 0

Re: Re: Denkfehler?

ein zweiter Denkfehler sind die zu erwartenden Folgekosten für das Gesundheits-und Sozialsystem, die in der Zukunft schlagend werden (bei schlechter Fremdbetreuung und zu hohen Cortisolspiegeln bei Kleinkindern, die sich schädlich auf das System auswirken)
diese eingerechnet sieht die Kosten-Nutzen Rechnung wieder anders aus

 
12
AnmeldenAnmelden