Kunstführungen für Babys

15.01.2013 | 11:06 |   (DiePresse.com)

Mit "Kinderwagen-Führungen" wollen Museen wie das New Yorker Guggenheim schon bei kleinsten Kindern Interesse an Kunst wecken. Die Nachfrage ist offenbar groß.

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Zielsicher geht Jackie Delamatre auf ein Bild zu. "Das ist eines der bekanntesten Werke von Pablo Picasso", sagt sie und zeichnet mit dem Finger den gebückten Rücken einer in Blautönen gemalten bügelnden Frau nach. Einer von Delamatres Zuhörern steckt den Finger in den Mund und lutscht daran, ein anderer haut auf einen Ball aus Schaumstoff, ein dritter schreit laut - aber Delamatre lässt sich davon nicht irritieren. Sie ist spezialisiert auf Kunstführungen für Babys und Kleinkinder. "Fühlt ihr euch manchmal auch so wie die Frau auf dem Bild? Völlig erschöpft und ausgelaugt?", fragt Delamatre in die Runde. Acht Mütter und eine Großmutter nicken heftig.

Neue Zielgruppe für Museen

Delamatre hat selbst seit etwas mehr als einem Jahr eine Tochter. Gemeinsam mit einer Freundin kam ihr dann die Idee, "Stroller Tours", also Kinderwagen-Touren, anzubieten. "So kommen die Mütter raus, und die Kinder kommen ins Museum. Das kann man gar nicht früh genug machen, es ist ein tolles Erlebnis für die Kleinen. Und natürlich wollen wir die Zielgruppe auch für die Museen gewinnen."

Seit Herbst bietet Delamatre "Stroller Tours" unter anderem im Guggenheim Museum am New Yorker Central Park an. "Die Nachfrage war sofort riesig. Es gibt immer dreimal so viele Anmeldungen wie Plätze." Kinder-Führungen gibt es inzwischen in den meisten Museen weltweit, aber Touren für die Allerkleinsten sind noch vergleichsweise selten.

Führungen vor oder nach dem Mittagsschlaf

Sharon Vatsky, Chefin des Guggenheim-Bildungsprogramms in New York, war von der Idee sofort begeistert. "Ich erinnere mich an meine eigene Zeit als junge Mutter, man fühlt sich sehr isoliert, und da ist es schön, in ein Museum eingeladen zu werden." Einige Dinge müssen bei den Kunsttouren für die Kleinen aber beachtet werden: "Die Führungen sollten vor oder nach dem Mittagsschlaf stattfinden und am besten nicht gerade dann, wenn es hier im Museum immer besonders voll ist, denn die Kinderwagen brauchen viel Platz", sagt Vatsky. Die Kunstwerke, die auf der Tour gezeigt werden, sollten entweder starke Kontraste haben oder sehr farbig sein, damit schon Babys darauf reagieren.

Um die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zu ziehen, kennt Museumsführerin Jackie Delamatre einen einfachen Trick: Ein iPad, auf dem sie einen kurzen Film über Picasso zeigt. Sofort starren neun kleine Kinder gebannt auf die bewegten Bilder. "So ruhig werden sie während der ganzen Tour nicht mehr sein", sagt Delamatre und lacht. "Aber das ist auch ok. In dieser Runde hier hat wirklich jeder Verständnis für ein schreiendes Kind."

Und wieder zieht der Reigen der Kinderwagen los, ein weiteres Picasso-Bild steht noch auf dem Programm. Delamatre verteilt Din-A4-Blätter: "Das Bild darauf hat Picasso als Vorlage für das Werk genommen, das ihr vor euch an der Wand sehen könnt. Schaut euch beide Bilder an und erzählt eurem Kind, wo die Unterschiede liegen." Eifriges Gemurmel beginnt, nur der anderthalbjährige Jack hat anscheinend keine Lust auf die Aufgabe, schnappt sich das Papier, lutscht daran und zerknüllt es. "Das ist doch wunderbar!", ruft Delamatre. "Er macht schon seine eigene Kunst."

(APA/dpa)

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2 Kommentare

Altrömische Dekadenz

o tempora o mores

beklopft

völlig beklopft-interessant für die Mütter-sie befinden sich in Gemeinschaft Gleichgesinnter, tun etwas für ihre ästhetische Bildung-die Babys dagegen würden sicher lieber durch eigenes Tun die Welt erkunden, statt festgeschnallt im Kinderwagen ihren Bewegungsdrang unterdrücken zu müssen?
dennoch besser, als vor dem Fernseher!

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