Frauen landen in der »Psychoschiene«

19.01.2013 | 18:38 |  von Sonja Burger (Die Presse)

Im ärztlichen Gespräch über Sexualstörungen werden Männer völlig anders behandelt als Frauen.

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Über Sexualität offen zu sprechen, fällt schwer. Das gilt auch für die Arzt-Patient-Beziehung. Denn nicht nur Patienten sind gefordert, über so etwas Intimes wie Sexualität zu sprechen; auch den Großteil der Ärzte kostet es Überwindung, das Thema aktiv anzusprechen. Treten bei einem der Partner sexuelle Probleme oder Störungen auf, kann sich dies in der Folge auch auf die Sexualität des anderen negativ auswirken. „Es betrifft somit immer das Paar und führt häufig zu Irritationen in der Partnerschaft“, erklärt die Wiener Sexualmedizinerin Elia Bragagna. Besonders bei Frauen erlebe sie immer wieder, dass aus einem sexuellen Problem durch den Druck des Partners eine sexuelle Störung – mit Leidensdruck – werde. Der Frage, wie Männer mit sexuellen Störungen ihrer Partnerin generell umgehen, sei in wissenschaftlichen Studien allerdings noch kaum nachgegangen worden, bedauert die Internistin Heidemarie Abrahamian (Otto-Wagner-Spital).

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Bedenklich an der aktuellen Entwicklung ist laut Bragagna, die am Wilhelminenspital die Sexualambulanz initiiert hat, dass gesellschaftlichen Normen wie Effizienz auch bei der Sexualität mehr Bedeutung eingeräumt wird als individuellen Bedürfnissen. Die Konsequenzen machen sich vor allem bei jungen Frauen bemerkbar: Waren vor fünfzehn Jahren noch eher Frauen über 60 von Lustlosigkeit betroffen, ist dies heute auch bei jungen Frauen gängig.


Funktion und Innenleben. Dasselbe Verteilungsmuster existiere auch bei schmerzhaftem Geschlechtsverkehr – nicht zu verwechseln mit Vaginismus, also Scheidenkrämpfen: Von jenen, die deswegen in der Ambulanz Hilfe suchten, betrug der Anteil junger Frauen 70 Prozent.

Wie wurde bzw. wird etwa damit umgegangen, wenn eine Frau unter schmerzhaftem Geschlechtsverkehr leidet und einen Arzt aufsucht? „Auf so gut wie jeder Zuweisung stand, dass psychische Ursachen vorliegen“, berichtet Bragagna. Viele der Patientinnen litten aber unter unerkannten Hautkrankheiten. Der Zusammenhang mit der sexuellen Störung sei von den behandelnden Ärzten nicht angesprochen worden. Dass bei Frauen die Ursachen häufig in der Psyche verortet werden, liege laut Bragagna daran, dass sie anders darüber sprechen: Während Frauen die Auswirkungen auf ihr Innenleben thematisieren, beschreiben Männer, was nicht mehr funktioniert. Trifft die Patientin oder der Patient auf einen ungeschulten Arzt, dann wird nicht lange nachgefragt. Die Folge: Frauen werden psychologisiert, während bei Männern psychische oder soziale Faktoren ausgeklammert werden.


Sensible Blutgefäße. Sexualstörungen können psychische, sozio-kulturelle und/oder körperliche Ursachen haben. Bei Letzteren kommen alle Erkrankungen, Operationen oder Unfälle zum Tragen, die sich potenziell negativ auf Genitalien, Gehirn, Nervensystem, Blutgefäße, Muskulatur oder Skelett auswirken. Insbesondere chronische Erkrankungen wie etwa Krebs, Diabetes mellitus, Morbus Crohn oder Multiple Sklerose üben einen starken Einfluss auf das tägliche Leben und die Sexualität der Betroffenen aus. Depressionen oder Angststörungen, also psychische Probleme, können laut Abrahamian ebenfalls für sexuelle Probleme verantwortlich sein.

Die Liste möglicher Ursachen geht aber noch weit darüber hinaus. Intakte Blutgefäße sind bei Mann und Frau eine wichtige Voraussetzung für sexuelle Gesundheit. „Noch vor zehn Jahren wurden Erregungsstörungen bei Frauen, etwa dass das Anschwellen der äußeren und inneren Genitalien und das Feuchtwerden (Lubrikation) der Vagina ausbleibt, nicht selten unterschätzt und vor allem psychische Ursachen angenommen“, kritisiert Abrahamian.

Die Schwellkörper-Blutgefäße haben bei Frauen wie bei Männern einen sehr kleinen Durchmesser und reagieren sensibel, wenn die innerste Zellschicht, das Endothel, zerstört wird. Eine Erregungsstörung müsse bei Frauen genauso ernst genommen werden wie bei Männern, da dies auf eine beginnende Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) oder Erkrankungen wie Diabetes mellitus hindeuten könne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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