Comic: Der Aufstand der Zeichner

Paco Rocas „Der Winter des Zeichners“ über eine historische Episode der Franco-Diktatur: melancholisch und bestürzend aktuell.

Der Winter des Zeichners
Schließen
Der Winter des Zeichners
Der Winter des Zeichners – Reprodukt

Ein Schlüsselroman über spanische Comic-Zeichner in den späten 1950ern klingt nach einem Nischenprodukt. Nicht nur, weil die iberische Comic-Produktion im deutschen Sprachraum kaum vertreten ist, allenfalls der Anarcho-Agenten-Comic „Clever& Smart“ ist älteren Generationen in bester Erinnerung. Dessen Schöpfer Francisco Ibáñez hat in Paco Rocas melancholischem Meisterwerk „Der Winter des Zeichners“ eine Nebenrolle.

In seiner Heimat zählt Roca zu den herausragenden Newcomern: Sein Durchbruch kam 2007 mit der sensiblen Alzheimer-Geschichte „Arrugas“ („Falten“), die ihm 2008 den nationalen Comic-Preis eintrug und im Herbst bei Reprodukt publiziert werden soll. Dort ist auch „Der Winter des Zeichners“ erschienen, in dem Roca mit bemerkenswerter Beiläufigkeit durch minimalistischen Stil maximale Wirkung erzielt. Zunächst ist es eine einfache Geschichte: Die Handlung umspannt (bis auf einen bewegenden Epilog zwanzig Jahre später) die Zeit vom Frühling 1957 bis Weihnachten 1958. Da wurde ein Wagnis versucht, das die Comic-Welt hätte revolutionieren können.

 

Keine Chance auf Unabhängigkeit

Der Verlag Bruguera dominierte damals den Markt: Die heiteren Publikationen des Familienunternehmens wurden in Millionenhöhe verkauft, alle wichtigen Zeichner waren unter Vertrag. Obwohl man sich (durchaus mit emotionaler Erpressung) als große Familie gibt, sorgen Hierarchie und Knebelverträge für Unmut. Um die Rechte zu behalten und erwachseneres Publikum anzusprechen, wagen fünf Künstler den Schritt in die Unabhängigkeit: Sie gründen mit „Tio Vivo“ das wohl erste Autoren-Comicheft Europas, wenn nicht weltweit. Aber gegen ihren übermächtigen Ex-Verlag, der etwa ihren Vertrieb sabotiert, haben sie keine Chance und müssen schließlich wieder zu Bruguera zurückkehren.

Mit dieser Niederlage beginnt Roca die nicht linear erzählte Geschichte: Es ist Winter 1958, die Seiten des Comicbuchs sind in kaltem blau eingefärbt – ganz im Gegensatz zur rosa getönten Aufbruchsstimmung des Gründungsfrühlings 1957 (Sommer und Herbst dazwischen sind gelb bzw. braun). Mit so simplen wie effektiven, filmisch geschulten Mitteln gibt Roca seiner nüchtern präsentierten Historie erstaunliche Kraft: Einer der wichtigsten Hauptdarsteller des genau recherchierten Buchs ist die Stadt Barcelona selbst. Die Gesprächsszenen voller Details wirken wie statische Kameraeinstellungen, fast wie in den Sozialdramen des japanischen Meisterregisseurs Yasujirô Ozu: Damit erreicht „Der Winter des Zeichners“ eine absolute Versenkung in die Atmosphäre eines Orts, einer Zeit – des von Francos Diktatur gelähmten Spanien.

Man braucht kein Comicwissen (der Band enthält Kurzbiografien der Hauptfiguren), um die soziale Dimension des Werks zu schätzen: Der Versuch der Zeichner, (künstlerische) Freiheit zu erlangen, ist ein politischer Akt. Es geht um die Bereitschaft zum Widerstand: Der Aufbruch ist ein existenzielles Risiko. Damit hat „Der Winter des Zeichners“ in Krisenzeiten bestürzende Aktualität: Es geht nicht um ein Scheitern, sondern um den Willen zum Aufbegehren in der Lethargie unter einer Herrschaftsordnung, ob im Zeichen eines Diktators oder des Marktes.

 

Angepasst aus Angst vor Armut

Simple Propaganda ist aber Rocas Sache nicht: Zukünftige Entwicklungen streift er im Vorübergehen. So entwirft Ibáñez, der nach dem Ausstieg des Quintetts zu den Aufsteigern bei Bruguera zählt, nebenbei seine berühmten Agenten. Die tragischste Figur ist Rafael González, der bissige Programmleiter des Verlags: Früher kämpfte er als Journalist gegen Franco, jetzt mahnt er die Zeichner zur Ordnung und führt ein unauffälliges, angepasstes Leben, damit seine Familie nie wieder Armut leiden muss. Seine Einsamkeit ist am Ende die allergrößte.

Paco Roca: „Der Winter des Zeichners“, Reprodukt; 128 S., 20€.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)

Kommentar zu Artikel:

Comic: Der Aufstand der Zeichner

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen