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Gesellschaft: Unerzogene Kinder, unfähige Eltern

26.10.2008 | 18:11 |  DORIS KRAUS (Die Presse)

In Europa grassiert eine neue Variante der Kinderfeindlichkeit – diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern.

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Sein Buch hat in Deutschland und Österreich gleichermaßen für Furore gesorgt. Kein Wunder – sprach doch der Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ vielen Zeitgenossen aus der Seele. Interessanter aber sind die Beweggründe, die den deutschen Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff veranlassten, seinen Bestseller zu schreiben: Es sei ein Buch für alle, die verhindern wollten, dass „unsere Gesellschaft ihre Kinder eines Tages hassen wird“.

Winterhoff macht sich damit zum Repräsentanten eines Phänomens, das in der westeuropäischen Gesellschaft immer deutlicher zutage tritt: eine neue Spielart der Kinderfeindlichkeit, diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern.

Dabei handelt es sich nicht „nur“ um die ältere Dame, die sich über das Kindergeschrei in der Straßenbahn aufregt, oder um das Restaurant, das kleine Gäste nicht über seine Schwelle lässt. Winterhoff greift etwas auf, das tiefer geht: die wachsende Abneigung gegen eine Kinder- und Jugendlichengeneration, die von vielen als aufmüpfig, fordernd und respektlos empfunden wird. Auffallend ist, wie aggressiv dabei das Ressentiment gegen die Eltern ausfällt: als Verursacher, deren mangelnde Erziehungskompetenz und falsch verstandene Elternliebe allerorten kleine „Monster“ hervorbringt.

Winterhoffs Pauschalverurteilung einer ganzen Kinder- und Elterngeneration illustriert die Spannungen und Belastungen, unter denen die Familie heute existieren und funktionieren muss. Nicht nur sollen Kinder und Beruf von den Eltern (als Menschen mit einem Rest an Recht auf ein eigenes Leben) unter einen Hut gebracht werden. Viele Mütter und Väter beklagen mittlerweile auch, dass sie ständig das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen und der Umwelt zu erklären, warum sie das, was sie tun, nicht erfolgreicher hinkriegen. „Alle wissen immer alles besser als die Eltern“, lautet die Klage vieler Erziehungsberechtigter.

 

Am besten gar keine Kinder?

In den Augen einiger Experten beschleunigt das das Ticken der demografischen Zeitbombe. Denn durch die ständige Kritik an Kindern und ihren Eltern gewinnt die Sicht immer mehr an Akzeptanz, dass Nachwuchs zu haben den Aufwand weder finanziell noch zeitlich lohnt und von der Gesellschaft ohnedies nicht honoriert wird. Auf den extremen Punkt gebracht hat dies die französische Autorin Corinne Maier mit ihrem Buch „No Kid – 40 Gründe, keine Kinder zu haben“. Maier – mit der Absolution, selbst Mutter zweier Kinder zu sein – kommt darin zu dem Schluss, dass Kinder per definitionem „kleine Monster“ seien. Und man sie daher am besten gar nicht bekommt. Die Konsequenzen dieser zunehmenden Kinderskepsis sind aus jeder – sinkenden – Geburtenstatistik ersichtlich.

Die Frage ist, warum es heute so akzeptabel – und so einfach – ist, Kinder und Eltern in Bausch und Bogen als „Monster“, „Tyrannen“ beziehungsweise „Versager“ abzuurteilen. Obwohl Erziehungsexperten wie der Däne Jesper Juul diese Entwicklung ebenfalls mit Sorge registrieren, können auch sie nicht mit fertigen Erklärungen aufwarten.

Juul, der sich anlässlich des Symposions „Kindheit und Gesellschaft“ (veranstaltet u.a. von „Welt der Kinder“ und „SOS Kinderdorf“), in Bregenz aufhielt, bemerkt diesen Trend aber sogar in den berühmt kinderfreundlichen skandinavischen Ländern. Seiner Meinung nach krankt das Verhältnis zwischen Kindern, Eltern und der Gesellschaft an sowohl positiv als auch negativ verzerrten Vorstellungen, denen nur eines gemeinsam ist: Sie sind beide unrealistisch. Auf der einen Seite würde ein romantisches Familienbild verkauft, das dann manchmal im Chaos ende: „Weil Kinder eben nicht dauernd wunderbar sind, werden sie in einer solchen Konstellation dann im Zweifelsfall auf eine süße Art vernachlässigt.“

 

Futter für negative Schlagzeilen

Dem gegenüber stehe ein – auch stark von den Medien forcierter – negativer Ansatz. „Kinder werden zunehmend nur noch als Problem erlebt und dargestellt“, meint Juul. „Über Wochen und Monate liest man, wie fürchterlich Kinder und Jugendliche sind. Wie sie das Leben bereichern, darüber wird nicht oft geschrieben.“

Diese Kritik am „täglichen Gruselelement Kind“ unterschreibt auch Elisabeth Schaffelhofer vom Netzwerk Kinderrechte. Sie sieht aber noch ein anderes Problem: die hohen Ansprüche, die Eltern an sich selbst stellen; dass sie ihren Kindern – nicht nur materiell – so viel wie möglich bieten wollen. 80 bis 90 Prozent deutscher und österreichischer Eltern erziehen „partnerschaftlich“, dass heißt mit viel Erklärung, Verhandlung und Überredung.

Der Erfolg von Winterhoff und anderen suggeriert der derzeitigen Elterngeneration allerdings, dass auch sie – wie schon die autoritäre und anti-autoritäre Generation vor ihr – alles falsch macht. Doch in allen schlauen Büchern fehlt leider eines: eine Lösung.

AUF EINEN BLICK

Eine neue Art der Kinderfeindlichkeit greift um sich. Sie geht mit massiver Kritik an den Eltern einher, deren fehlende Erziehungskompetenz aus den Nachwuchshoffnungen der Gesellschaft kleine „Tyrannen“ oder „Monster“ mache.

Abgelehnt wird dieser Befund nicht nur von zahlreichen Experten, sondern auch von vielen Eltern, die sich dadurch pauschal verurteilt fühlen. Knapp 90 Prozent der Eltern in Österreich erziehen ihre Kinder „partnerschaftlich“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2008)

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3 Kommentare
DoroBöhm
29.10.2008 12:54
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Ankündigung einer Mutter:

"Jetzt reicht¿s. Ich bin es leid, das Zwangsehrenamt Familienerzieherin zu bekleiden und dann auch noch als faul zu gelten. Ich weigere mich, im Alter ein Sozialfall zu werden, weil ich vom Geld, was meine Kinder später verdienen, gar nix sehen werde. Mein Mann geht mit. Seine kinderlosen Kollegen haben Geld für Porsche und Reisen, und er füttert eine fünfköpfige Familie. Tschüs, Deutschland. Wir lassen alle Nörgelgreise hier. Verbarrikadiert Euch im bundesdeutschen Altersheim. Seht zu, wer Euch später versorgt. Putzt Euch gegenseitig den Hintern mit 100-Euro-Scheinen ab, Geld habt¿s ja genug, Ihr habt 30 Jahre lang Unterhalt für vier Kinder eingespart."
Liebe LeserInnen, das ist erfunden. Es könnte aber wahr werden. Wer so etwas nicht will, muss jetzt dringend eine Partei wählen, die die Familie vertritt. Momentan gibt es nur eine, die noch sehr klein ist. Aber man kann sie wählen und man kann ihr beitreten.

Antworten Gast: Leider.Leider
09.11.2008 13:49
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Re: Ankündigung einer Mutter:

Sie schreiben leider am Thema vorbei! Die Kinderfeindlichkeit ist doch hausgemacht und nur am Rande eine Sache der Politik. Wenn man in einer Reihenhaussiedlung wohnt, und das Geschrei und Geplärre einiger Kinder verhindert die Benützung der Gärten, trägt dies nicht zum Miteinander bei. Wenn ein Restaurant zum Spielplatz wird, vergeht der Appetit! Die Kinder sind nicht schuldig, es sind die Eltern, die nicht einsichtig sind. Was könnten in diesem Fall Gesetze, Gelder, Familienförderung ändern? Es tröstet auch nicht, daß diese Kinder später auch Pensionen zahlen, wenn sie heute die Nerven ruinieren. Es wäre allen geholfen, den Eltern, den Kindern und allen unbeteiligten Mitmenschen, wenn der Grundatz befolgt würde, daß die Freiheit des einzelnen dort endet wo die Freiheit des anderen beginnt! Kinder, die nur Rechte haben, werden diese immer ausnützen und, wenn sie älter werden, nicht einsehen, warum ihre Rechte plötzlich beschnitten werden!

Antworten Antworten Gast: Lampe
12.11.2008 08:02
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Re: Re: Ankündigung einer Mutter:

Sehr gut beobachtet und durchdacht - oder vielleicht leider betroffen??
Ich bin genau derselben Meinung!!!

Schlagzeilen Bildung