Kinder wachsen mit Erotik und Pornos auf

Sexuelle Reize sind allgegenwärtig und beeinflussen auch schon die Kleinsten. Die Eltern sind ratlos: Was kann man tun, wenn Kinder Erwachsene in allen Bereichen imitieren?

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(c) Reuters (Lucas Jackson)

Früher hieß es, ein Kind solle sich die Unschuld bewahren. Gemeint war, dass ein Kind nicht zu wissen braucht, was sexuelle Reize und deren Wirkung sind. Im Jahr 2008 ist dieses Nicht-Wissen kaum mehr möglich: Kinder und Jugendliche sind pornografischen Bildern ständig ausgesetzt.

Verbote und Jugendschutzmaßnahmen können diese Entwicklung nicht stoppen. Schon deshalb, weil das Internet schwer kontrollier- und überblickbar ist. Dazu kommt aggressive Werbung: Nicht einmal so "unschuldige" Produkte wie Mineralwasser, Eis oder Energie kommen ohne sexuelle Botschaften aus. Schlechte Talk-Shows und Soaps tun das Übrige.

Manchmal ist es nur ein Spiel


Die Eltern fühlen sich dem bunten Treiben hilflos ausgeliefert. Sie sind im Zwiespalt, sagt die Düsseldorfer Sexualtherapeutin Ina-Maria Philipps gegenüber spiegel.de. Denn "einerseits wollen sie liberal sein und ihr Kind modern und aufgeklärt erziehen, andererseits geht ihnen diese totale Offenheit zu weit". Denn das oberste Ziel ist natürlich der Schutz der Kinder. Auch harmlose Spiele werden da schnell als Gefahr begriffen.

"Es fällt uns Erwachsenen unendlich schwer, von der eigenen sexuellen Erfahrung abzusehen, wenn wir Kinder bei solchen Spielen beobachten", sagt Philipps. "Wenn ein Junge sich auf ein Mädchen legt und 'Ficke Ficke' spielt, dann haben die Eltern oft Sorge, der Junge würde wirklich in das Mädchen eindringen wollen. Doch tatsächlich handelt es sich - nach allem was die Kinderpsychologie und die Sexualforschung bisher herausgefunden haben - um ein Spiel."

Genauso wie die Frauen im Porno


Denn Kinder imitieren Erwachsene. Das betrifft nicht nur die Bereiche, die den Erwachsenen angenehm sind. So berichtet ein Schweizer Kinderpsychologe im Gespräch mit spiegel.de  von einer Episode, die in seiner Praxis erzählt wurde: Zwei siebenjährige Mädchen zogen sich zuhause nackt aus, rieben sich gegenseitig mit Duschgel ein und klingelten beim Nachbarn. Vor dem liefen sie dann kreischend davon. Die Kinder dürften eine Szene nachgespielt haben, die sie sahen, als ältere Geschwister heimlich Pornos sahen. Kinder ahmen Erwachsene eben nach.

Wie schützt man die Kinder?


Wie sollen sich Eltern in solchen Situationen verhalten? Sollen sie aufklären? Themen rund um die Sexualität vorerst ausblenden? Kinder von "Doktorspielen" und Ähnlichem abhalten? Bisher gibt es keine Studie, die belegt, dass Kinder durch Aufklärung sexualisiert würden.

Aber Kinder müssen die Möglichkeit haben, das ganze aufgeschnappte Halbwissen über Analsex und sexhungrige Frauen für sich zu reflektieren und Fragen stellen können. Das Fragen schafft einen Schutz für die Kinder, da sie wieder Distanz zu den pornografischen Bildern aufbauen können.

Jugendliche: Sex-Wissen aus Pornos


Dass pornografische Medieninhalte die Realität von Kindern und Jugendlichen mitgestalten, ist aber erwiesen. So beziehen 50 Prozent der österreichischen Burschen laut einer Studie des Instituts für Sexualpädagogik ihre sexuellen Informationen aus Pornofilmen. Von den Mädchen tut es jede Zehnte. Problematisch dabei ist die mangelnde Kritikfähigkeit in Bezug auf das Gezeigte.

Dinge, die rein anatomisch nicht vorstellbar sind, werden als "möglich" erachtet. "Vor 20 Jahren etwa war Oralsex ein anderes Thema als heute", sagt der Sexologe und Gesundheitspsychologe Wolfgang Kostenwein. Früher lag dem ein intensives Kennenlernen des Partners zuvor, nun ist eine Art "Muss". Analsex war damals bei Jugendlichen kein Thema, heute fragen Mädchen an, was sie tun können, damit es nicht wehtut. In dieser Entwicklung sei die Handschrift der Pornoindustrie deutlich zu erkennen.

Auch die Körperbilder der Jugendlichen geraten durcheinander. Manchen ist jedes Mittel Recht, um zu entsprechen: Haben sich Jugendliche vor zehn Jahren noch gefragt, ob der Busen zu klein oder der Penis zu kurz ist, fragen sie heute, ab wann sie sich operieren lassen können.

(ros)

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