Douglas Wolfsperger sah seine Tochter Hanna zum letzten Mal vor mehr als einem Jahr. Fünf Jahre hatte er um den Kontakt zu der 11-Jährigen gekämpft – und verloren. Fünf Jahre Prozesse, Anrufe, Briefe, Tränen. Ein Fall von ganz normalem Scheidungswahnsinn eben. Bloß dass diesen speziellen Fall ganz Deutschland kennt, weil er seit vergangener Woche im Kino läuft.
Denn Wolfsperger ist nicht nur Vater, sondern auch Filmemacher. Mit der Doku „Der entsorgte Vater“ bringt er – zwölf Jahre nachdem Matthias Matussek einen gleichnamigen Aufsatz im „Spiegel“ publizierte – Väterschicksale auf die Leinwand und eine Debatte ins Rollen. Ist doch „allein die Existenz des Films ein Zeichen“, meint der deutsche Soziologe Gerhard Amendt, der eine Studie über Scheidungsväter erstellt hat: „Dass dieser Film möglich wurde, zeigt, dass sich etwas zusammenbraut. Es gibt einen Bewusstseinswandel. Immer mehr Männer wollen nach der Scheidung ihre Väterlichkeit weiterführen und nicht hinnehmen, dass ihnen der Umgang mit den Kindern genommen oder stark eingeschränkt wird.“
Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Besonders schrill präsentieren sich die Väter in Großbritannien, wo die Aktivisten von „Fathers 4 Justice“ verkleidet als Superhelden Guerrillaaktionen ausführen. In den USA leiht ihnen Schauspieler Alec Baldwin sein Gesicht. Als „Angry Dad“ fand er die Rolle seines Lebens. 2008 ging er im legendär schmutzigen Kampf mit Exfrau Kim Basinger um Tochter Ireland unter die Autoren. „A Promise to Ourselves – A Journey Through Fatherhood and Divorce“ ist eine bittere Abrechnung mit dem US-Familienrecht. Und in Österreich? Prominente Gesichter fehlen, doch Aktionen und Vereine sprießen. Im Vorjahr ließ ein Linzer Friseur „Ich bin Vater. Und ich will meine Kinder sehen“ plakatieren. Der Verein „Vaterverbot“ (eine von mehreren heimischen Organisationen) gewann binnen eines Jahres 2500 Mitglieder. Er habe eigentlich nur eine Plattform im Internet gründen wollen, sagt Organisator Michael Achleitner. Inzwischen trifft er die Justizministerin, macht Lobbying für eine verpflichtende gemeinsame Obsorge, plant Demos. Dass Vereine wie seiner großen Zulauf haben, erklärt er auch damit, dass es kaum institutionelle Hilfe für Väter gebe: „Bei den Männerberatungsstellen ist der Ansatz anders. Da geht es darum, dass sich der Mann bessern soll.“
Die wütenden Väter aber wollen lieber Richter, Gesetz und Gutachter bessern. Zu Recht? Jein. Einerseits zeigten klinische Erfahrungen, dass Väter oft selbst schuld seien, wenn der Kontakt zu den Kindern nicht funktioniere, sagt der Wiener Kinderpsychotherapeut Helmut Figdor. Andererseits sei der Vorwurf struktureller Nachteile für Väter nicht unberechtigt. Denn: Gutachter und Rechtsprechung würden tendenziell die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes unterschätzen. Und: „Wenn die Mutter die alleinige Obsorge hat, hat sie wirklich viel Macht.“
Vaterbewusstsein durch Trennung. Die aber nicht von ungefähr kommt, meint Männerforscher Erich Lehner: „Viele Männer erwachen erst durch die Trennung und werden zum Vater. Warum demonstriert denn keiner vorher dafür, dass Männer ohne berufliche Nachteile in Karenz gehen können?“ Außerdem stört Lehner die Ideologie der „Vaterrechte“-Bewegung. Man könne zwar „nicht taxfrei sagen, dass alle Vätergruppen rechts sind“ (manche verwehren sich dezidiert dagegen), aber oft stecke doch ein gegen den Feminismus gerichtetes Weltbild dahinter. So ist es für ihn kein Zufall, dass die FPÖ auf das Thema Scheidungsväter setzt. Das sieht auch Politologe Peter Filzmaier so, wenngleich es für ihn bloß mit Taktik zu tun hat: „FPÖ-Wähler sind eben vor allem Männer.“ Für SPÖ und Grüne hingegen sei das Thema heikel: Man könnte Wählerinnen verschrecken. Denn die Gefahr, dass der Einsatz für Väterrechte sofort als Angriff auf die ohnehin belasteten Mütter interpretiert werde, bestehe, sagt Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Er meint aber: „Es muss möglich sein, ohne ständige Aufrechnung die Ungerechtigkeit zu betrachten, der eine Gruppe für sich ausgesetzt ist.“
Die Frage des Blickwinkels stellt sich schließlich auch in Bezug auf die Kinder. Wie sehen diese das heftige Engagement der Väter? Eine pauschale Antwort gebe es nicht, sagt Figdor, der dem umstrittenen „Parental Alienation Syndrom“ (Entfremdung des Kindes vom Elternteil, mit dem man nicht zusammenlebt) kritisch gegenübersteht. Außer dass zu großes Bedrängen schade. Und dass Männer, die wie Amendt sagt, „oft fix und fertig sind“, taktisch nicht immer klug vorgehen. Das weiß Herr Baldwin, der seine Tochter, als die sich nicht an einen Telefontermin hielt, entnervt auf dem Anrufbeantworter als „gemeines, gedankenloses Schwein“ beschimpfte. Und das sollten auch jene wissen, die gut gemeinte Filme und Plakataktionen starten. Denn, meint Figdor: „Das sind politische Aktionen. Für den Einzelfall bringt das eher nichts.“