Gedichtepflicht im Kindergarten: "Krimineller Unsinn"

Der Vorstoß der Welser FPÖ, Kindergärten zur Vermittlung deutscher Gedichte und Lieder zu verpflichten, stößt auf Unverständnis.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Den Vorstoß des Welser Bürgermeisters, städtische Kindergärten zur Vermittlung von deutschsprachigem Kulturgut zu verpflichten, ist für den Sprachlehrforscher Hans-Jürgen Krumm "pädagogisch und psychologisch krimineller Unsinn". Es widerspreche der wichtigsten pädagogischen Erfahrung, nämlich die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. Der fünf Seiten umfassende Wertekodex sieht unter anderem vor, dass Kinder bis zum Ende des Kindergartenbesuchs je fünf deutschsprachige Lieder und Gedichte vortragen können müssen. Für die Sprachwissenschafterin Judith Purkarthofer ist der Plan von FPÖ-Bürgermeister Andreas Rabl "bis zu einem gewissen Grad eine Machtdemonstration. Inhaltlich ist das völlig irrelevant".

Diskriminierend, rechtlich nicht haltbar und letztlich eine Behinderung beim Erwerb des Deutschen ist aus Sicht des Netzwerks Sprachenrechte die in Oberösterreich geplante Durchsetzung einer Deutschpflicht in Schulpausen. "Die Bildungssprache Deutsch lerne ich im Unterricht mit den Lehrern und nicht in der Pause", kritisierte Krumm am Freitag eine Themenverfehlung.

„Das ist völliger Unsinn“

"Die Hoffnung, ein Sprachverbot stärkt jenes Deutsch, das ich im Unterricht brauche, ist völliger Unsinn", betonte er bei einem Pressegespräch. In der Pause würden Schüler nämlich die Alltagssprache nutzen. Laut Purkarthofer ist ein Deutschgebot sogar kontraproduktiv für das Lernen der Unterrichtssprache, immerhin werde dadurch der Austausch über Schulisches in den Pausen verhindert. Auch Sprachdidaktikerin Verena Plutzar verwies auf Forschungen aus Kindergärten, wonach die Muttersprache genutzt werde, um sich der Zweitsprache anzunähern und damit wesentlich zum Deutschlernen beitrage. Grundsätzliche Voraussetzung für das Sprachlernen sei eine "emotional gesicherte Umgebung und ein positives Verhältnis zu den Lehrern.

Deutsch als alleinige Pausensprache ist laut Krumm hingegen fatal: "Egal, ob man es Verbot oder Empfehlung nennt, es wirkt auf die Eltern und deren Kinder als Diskriminierung." Die Folgen der gesellschaftlichen Ablehnung anderer Sprachen: Nur jedes fünfte Kind mit nicht-deutscher Muttersprache werde in den muttersprachlichen Unterricht geschickt. Dabei sei sich die Wissenschaft weltweit einig, dass gute Kenntnisse der Muttersprache die Voraussetzung für das Erlernen einer Zweitsprache seien. Außerdem würden wegen der Diskriminierung ihrer Sprachen auch Eltern ohne gute Kenntnisse Deutsch zur Verständigung mit ihren Kindern nutzen, das Fehlerhafte müssten diese später wieder mühsam umlernen. Gleichzeitig würden Sprachverbote die Gesellschaft immer intoleranter gegenüber Anderssprachigen machen.

Verbot juristisch nicht haltbar

Zur Vermeidung von Konflikten tauge eine Deutschpflicht ebenfalls nicht, waren sich die Vertreter des Netzwerks einig. Immerhin dürfte es dann unter einsprachigen Schülergruppen nie zu Konflikten kommen. Plutzar kritisiert auch die unrealistischen Vorstellungen über das Sprachlernern, durch die Lehrer und Schüler gleichermaßen unter Druck gesetzt würden. So werde Spracherwerb derzeit nur in Verbindung mit dem Kindergarten und den ersten beiden Volksschuljahren diskutiert, danach werde das selbe Niveau wie bei Muttersprachlern erwartet. Tatsächlich brauche der Erwerb der Zweitsprache fünf bis zwölf Jahre.

Auch juristisch sei das Verbot nicht haltbar, betonte Volker Frey vom Klagsverband zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern. So stehe es gegen das in der Menschenrechtskonvention verankerte Grundrecht auf Privatleben und auch gegen das Recht auf Familienleben, wenn Kinder den Eltern durch ein systematisches Verbot des Gebrauchs der Muttersprache entfremdet würden. Dabei ist die Deutschpflicht in der Pause nur ein Beispiel, wie mit Sprache diskriminiert wird. An den Sonderschulen gebe es Klassen, die fast ausschließlich von Romakindern besucht würden. Frey berichtet außerdem von Lehrlingen mit Migrationshintergrund, denen vom Arbeitgeber ein neuer Name gegeben werde, weil der ihre von den Kunden nicht ausgesprochen werden könne.

Viel zu tun bei den Lehrern

Viel zu tun ist in dieser Hinsicht für die Netzwerkvertreter auch bei den Lehrern. Diese seien nicht ausgebildet für den Umgang mit Mehrsprachigkeit, so Plutzar, und die Mehrheit zeige auch kein Interesse, sich mit den Herkunftssprachen der Kinder zu beschäftigen, obwohl dieses Wissen für das Deutschlernen wichtige Anknüpfungspunkte bieten würde. Die meisten Lehrer seien selbst einsprachig aufgewachsen und könnten daher auf keinen eigenen Erfahrungen aufbauen. Pädagogen mit Migrationshintergrund gebe es erst wenige. Ein Grund dafür sei eine Fixierung auf hiesige Kultur: So kenne der Klagsverband Fälle, wo Bewerber für die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen oder Lehrer daran gescheitert seien, dass sie kein regionales Liedgut kannten.

(APA)

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