Man sah Maria del Carmen Bousada ihr Alter nicht an. Und sie fühlte sich auch nicht wie 67, als sie sich 2006 in Los Angeles mit Hormonen behandeln, die künstlich befruchteten Eizellen einer jüngeren Frau einsetzen ließ und Zwillinge auf die Welt brachte. Die älteste Mutter der Welt hatte vor, sehr alt zu werden und ihre Söhne aufwachsen zu sehen. Dann kam der Krebs. Zwei Jahre später ist Maria del Carmen Bousada tot. Und ihre Kinder sind Waisen. Als Trost bleibt ihnen nur ihr 70-jähriger Onkel.
Der Fall der Spanierin ist ein extremer. Aber einer, der nur in einer Gesellschaft möglich war, die ihre Kinder generell immer später bekommt; die dafür die soziologischen und medizinischen Voraussetzungen geschaffen hat. Was früher nach langer Wartezeit als überraschendes „Gottesgeschenk“ oder als unerwarteter Nachzügler galt, ist heute gang und gäbe. Reife Mütter und Väter liegen im Trend.
In Österreich war 2008 bereits jede fünfte Frau bei der Geburt eines Kindes älter als 35 Jahre (19,1 Prozent). Auch das Alter der Väter rutscht immer weiter nach oben. Lag das Durchschnittsalter bei ehelich geborenen Kindern im Jahr 1984 noch bei 30,2 Jahren, so waren im Jahr 2008 verheiratete Väter im Schnitt 34,3 Jahre alt. „Die Zahl der 45- bis 50-jährigen Väter hat sich in dieser Zeitspanne gar verdoppelt“, erklärt Anita Höfner von der Statistik Austria. Dass Niki Lauda mit 60 Jahren nochmals Vater von Zwillingen wird, schockiert heute niemanden mehr.
Masse schafft Normalität, demografischer Druck schafft Notwendigkeiten, die westliche Welt sagt „Danke“ für jedes Kind, das geboren wird – und deshalb hat sich in der Diskussion über „alte“ Eltern etwas Entscheidendes geändert. Wurde das Thema vor relativ kurzer Zeit noch vorwiegend missbilligend diskutiert, haben sich Gesellschaft und Wissenschaft mittlerweile auf die Suche nach Vorzügen von Müttern jenseits der 40 und von Vätern jenseits der 50 oder 60 gemacht. Dass sie dabei fündig wurden, ist beruhigend. Denn die „Ältern“ sind unwiderruflich im Kommen.
Wie Markus Peukart (Name von der Redaktion geändert). Er genießt sein Vaterglück bereits zum dritten Mal. Allerdings werden die fünf Monate alten Zwillinge kaum mit ihren großen Schwestern herumtoben. Die sind bereits 38 und 40 Jahre alt und haben selbst kleine Kinder. „Die Zwillinge werden eher mit dem um zwei Jahre älteren Neffen spielen“, meint der 67-jährige Pensionist. Seine zweite Ehefrau, mit der er seit 15 Jahren verheiratet ist, ist 44 Jahre alt und hat sich einer Hormonbehandlung unterzogen. Was wohl auch der Grund für Zwillinge sein dürfte. „Wir wollten eine gemeinsame Familie gründen. Anfangs hatten wir dafür einfach keine Zeit, wir hatten beruflich viel zu tun. Jetzt bin ich in Pension und habe mehr Zeit“, erklärt Peukart den Werdegang seiner zweiten Familie.
Idealalter 25–35. Doch selbst wenn sich das gesellschaftliche Paradigma in Sachen Elternschaft gerade deutlich verschiebt, biologische Tatsachen bleiben unverrückbar: Das ideale Alter für eine Frau, Kinder zu bekommen, sind die Jahre zwischen 25 und 35. Ab 35 gilt eine Frau als Spätgebärende. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, weil auch die Eizellen altern. Mit höherer Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Behinderung zu empfangen. Mit dem Risiko, das Kind nicht bis zur Volljährigkeit – und darüber hinaus– begleiten zu können. Mit dem Handicap, dass die eigene körperliche Belastbarkeit abnimmt.
Diese letzte Erfahrung hat auch Katharina, 48 (Name von der Redaktion geändert), gemacht. Sie kennt Mutterschaft aus drei Perspektiven: mit Mitte 20, Mitte 30 und Mitte 40. Ihr jüngstes Kind bekam sie mit 45. „Da schafft man die Dinge einfach körperlich nicht mehr so leicht, man stößt schneller an die eigenen Grenzen: physisch und gesundheitlich.“ Wer mit 30 noch problemlos der Straßenbahn hinterher sprintete, stellt knapp 20 Jahre später fest, dass „Spiel mit mir Fangen“ den Beiklang einer gefährlichen Drohung bekommt, stundenlanges Legobauen auf dem Teppich massive Kreuzschmerzen verursacht und 40 Mal gemeinsam ins Wasser springen und anschließend behände wieder aus dem Pool klettern 39 Mal zu viel sein können. „Mit 25 schaffst du das alles locker“, meint Katharina. „Da bist du Mutter, Geliebte, Ehefrau und gehst nach einem harten Tag noch am Abend aus. Heute bin ich oft froh, wenn ich meine Ruhe hab.“ Dafür hat sie aber auch nicht mehr so stark das Gefühl, etwas zu versäumen. Ein großes Plus älterer Mütter, und eines, das viel Druck nimmt. Die Statistik zeigt, dass Angehörige niedrigerer Einkommensschichten ihre Kinder tendenziell früher bekommen, die höherer immer später. Die Lebensplanung gut ausgebildeter Frauen sieht nicht vor, dass sie kurz nach dem Einstieg in den Beruf gleich mal die erste Babypause einlegen und sich damit im Normalfall – noch immer – von der Aussicht auf eine Karriere verabschieden. Das Kind muss warten.
Was sich aber auszahlen kann. „Eine späte Mutter hat ihre berufliche Situation oft schon geklärt, sie hat sich profiliert“, sagt Marion Rankine, Gynäkologin, Geburtshelferin und Mitglied des Teams im „Kinderwunschzentrum“ im „Goldenen Kreuz“. Dadurch leisten sich ältere Mütter die Verschiebung ihrer Prioritäten in Richtung Kind.
Rankine, die selbst auch erst mit 39 Jahren ihr Kind bekam, stellt bei älteren Müttern fest: Sie sind gelassener und sie nehmen sich mehr Zeit für das Kind. Ein Klischee? „Nein, das stimmt“, sagt Katharina. „Ich nehme heute viel weniger wichtig, was irgendjemand anderer über Erziehung sagt. Früher hat mich das aufgeregt, heute bleibe ich cool. Genauso würde mir heute nicht mehr einfallen, das Leben meines Kindes nach der Uhr anderer Leute auszurichten. Die jüngeren Kinder habe ich noch aus dem Tiefschlaf gerissen, wenn ich eine Verabredung hatte.“
Allerdings laufen ältere Mütter oft Gefahr, des Guten zu viel zu tun. Die Devise „Im Zentrum steht das Kind“ hat vor allem späten Erstmüttern den Ruf eingetragen, Glucken zu sein und verwöhnte Fratzen großzuziehen. Die noch dazu oft auf Grund des Alters der Mutter Einzelkinder bleiben und sich innerhalb der Familie an keinen „Konkurrenten“ orientieren müssen. „Viele späte Mütter warten schon sehr lange auf ein Kind oder haben vor, nur eines zu bekommen. Da fühlen sich viele unter Druck, jedes Risiko auszuschließen“, sagt Rankine.
Das „Genusskind“. Ist auch der Vater älter, kann das für das Kind tatsächlich zu viel Liebe und zu wenig Rahmen bedeuten. Allerdings sei zu unterscheiden, ob jemand im Alter erstmals Vater wird oder bereits in jüngeren Jahren Kinder in die Welt gesetzt hat, meint die Familientherapeutin Sabine Völkl-Kernstock. Bei älteren mehrfachen Vätern hat die Psychologin das „Ergreifen der zweiten Chance“ beobachtet. Vieles, was bei einer ersten früheren Vaterschaft zu kurz kam, wird jetzt nachgeholt. Das kann allerdings auch nach hinten losgehen. „Ich hatte einen Fall, bei dem ein 65-Jähriger zum dritten Mal Vater wurde und meinte ,Das ist mein Genusskind‘. Die anderen Kinder waren schon erwachsen und er wollte jetzt alles nachholen. Kinder zu verhätscheln ist aber genauso falsch wie sie zu vernachlässigen“, warnt die Therapeutin.
Männerpsychologe Wolf-Dietrich Zuzan bestätigt, dass vor allem ältere Väter besonders an ihren Kindern hängen und dazu neigen, diese zu „verzärteln“. „Der autoritative – nicht zu verwechseln mit dem autoritären – Erziehungsstil hat sich bewährt. Das heißt, Eltern sollten in der Lage sein, Kindern klare Regeln vorzugeben, die sie begründen können und auch konsequent durchhalten. Bei älteren Vätern besteht oft die Gefahr, dass sie die Regeln nicht so klar setzen“, erklärt Zuzan.
So muss es aber nicht sein. Petra Fosen-Schlichtinger, Autorin von „Vom Glück, spät Mutter zu werden“, meint: „Man sollte das Alter der Mutter in ihrer Beziehung zum Kind nicht überschätzen. Wichtiger ist, ob und wie die Frau bereit ist, sich auf den Dialog mit ihrem Kind einzulassen, damit diese elementare Beziehung gelingt.“
Späte Vaterschaft „gutes Modell“. Und das gilt auch für späte Väter. „Nicht das Alter der Väter ist entscheidend, sondern die Qualität der Beziehung. Und die ist bei älteren Vätern oft besser, da sie sich mehr Zeit nehmen“, meint der Familienforscher und Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis. „Das Modell der späten Vaterschaft hat durchaus reelle Chancen, ein gutes Modell zu sein. Die Bedingungen sind günstiger: So sind die Männer meist beruflich etabliert und ökonomisch abgesichert. Sie sind reifer, gelassener und haben mehr Zeit für die Familie. Die Nachteile sind die Länge der eigenen Biografie – die Chancen, die Hochzeit der Kinder zu erleben, stehen schlechter –, der Verlust der väterlichen Verwandtschaft und eine soziale Stigmatisierung“, meint Fthenakis.
Diese Stigmatisierung dürfte aber ein Ablaufdatum haben. Denn vieles spricht dafür, dass sich der Trend zur späten Elternschaft immer mehr verstärken wird. Das zeigt auch die veränderte Einstellung auf einem wichtigen Gebiet: der Medizin. War früher gerne recht leger von den Risken für Spätgebärende die Rede, wird das heute deutlich eingeschränkt. „Wenn eine Frau mit 45 noch schwanger wird, hält der Körper auch die Schwangerschaft aus“, meint Marion Rankine. Als einziger Risikofaktor konnte für ältere Mütter bisher die erhöhte Wahrscheinlichkeit des „Downsyndroms“ nachgewiesen werden. „Die liegt bei einer 43-jährigen Frau bei 1:20. 19 Kinder gesund, eines krank“, sagt Katharina Schuchter, Leiterin des Pränataldiagnostikzentrums „med4women“.
Ab der zwölften Schwangerschaftswoche kann getestet werden.
Die Risikofaktoren älterer Männer sind noch relativ unerforscht, erhöhen sich aber mit dem Alter, meint Franco Laccone, Facharzt für medizinische Genetik. Skelettfehlbildungen oder Zwergwüchsigkeit können die Folge sein. Erklären kann man die Genmutationen mit Duplikationsfehlern bei der Spermienproduktion. „Das lässt sich mit einem Kopierer vergleichen, je öfter man den betätigt, desto eher passieren Fehler“, so Laccone.
Frauen, die sich für einen Kinderwunsch einer IVF-Behandlung unterziehen, gehen allerdings immer ein höheres Risiko ein – wenn auch ein altersunabhängiges. Doch auch hier sind die Dinge in Bewegung. Was vor einem Jahrzehnt noch tabu war, gilt unter österreichischen Reproduktionsmedizinern heute als akzeptiert: Dass eine Frau auch mit 50 Jahren noch Mutter werden kann. Marion Rankine behandelt „guten Gewissens“ Frauen bis 45, bis zum Alter von 50 schickt sie sie zu einer Eizellenspende ins Ausland.
Plädoyer für Eizellenspende. Johannes Huber, Vorstand der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am AKH, hat ebenfalls kein Problem damit, Frauen bis zum Beginn des Wechsels zur Mutterschaft zu verhelfen.
30 Prozent seiner Patientinnen sind über 40. Ihn ärgert nur, dass in Österreich zwar die Samenspende, nicht aber die Spende einer Eizelle erlaubt ist. „Die Erfolgschance ist bei einer jüngeren Eizelle viel höher. Und der genetische Code der Frau, der sie dann eingepflanzt wird, ändert sich durch das Austragen ohnedies in Richtung Mutter.“ Aber das ist eine jener heiklen Entwicklungen, für die sich in Österreich wohl auch der gesellschaftliche Code noch etwas mehr verändern muss.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)
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