„Die unbeaufsichtigte Freizeit wird jedenfalls weniger“

Kinder überfürsorglicher Eltern könnten Probleme mit der Einschätzung von Risikoverhalten bekommen, sagt Psychologin Hedwig Wölfl.

Children play in a playground in the Attawapiskat First Nation
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Children play in a playground in the Attawapiskat First Nation
Kinder auf dem Spielplatz – REUTERS

Haben Kinder heute weniger Freiräume als früher?

Hedwig Wölfl: Die unbeaufsichtigte Freizeit im Sinne von miteinander spielen wird jedenfalls weniger. Das hat auch mit demografischen Entwicklungen zu tun, bei Einkindfamilien steht dieses Kind eben mehr im Fokus. Es gibt weniger elternfreie Zeit, in der man das Leben ausprobieren, seine eigenen Grenzen setzen kann. Soziale Kompetenz erwerben Kinder zunehmend in Institutionen, nicht mehr in einem quasi unbeobachteten Freiraum. Auch im Fußballverein oder Chor gibt es immer Erwachsene, die die Aufsichtspflicht haben. Das ist ein anderes Aufwachsen, ein gewisser Freiheits- und Entfaltungsraum ist dadurch weg.

 

Geht den Kindern das ab?

Sie kennen das nicht anders. Aber es ist wichtig, dass Kinder Risikoverhalten miterleben. Wenn ich gewohnt bin, dass mir das alles von Erwachsenen vorgegeben wird, kann ich diese Erfahrung nicht in der peer group machen. Wobei sich die Kinder diese Erfahrungsräume dann eben selbst suchen und zunehmend auch im virtuellen Raum finden. Da können sie der erwachsenen Aufsicht entrinnen.

 

Schränkt die Übervorsichtigkeit der Eltern die Entwicklung der Kinder ein?

Entweder werden sie unselbstständig und überängstlich oder haben kein Risikobewusstsein, weil sie gewöhnt sind, dass eh immer jemand auf sie aufpasst.

 

Hat das auch mit weniger Vertrauen in die Kinder zu tun?

Schon. Das hat verschiedene Aspekte. Immer nur positives Feedback von überfürsorglichen Eltern stört Kinder. Wenn ein Kind zwei Minuten etwas lieblos hinkritzelt und die Mutter das über die Maßen lobt, als wäre es ein kleiner Picasso, ist das Kind irritiert. Weil das gleiche Lob hat es auch bekommen, als es wirklich intensiv an einem Bild gemalt hat. Da wird von Erwachsenen oft nicht unterschieden, wie viel das Kind investiert hat. Diese Eltern haben oft wenig Mut zu sagen, dass es das vielleicht besser machen könnte. Kinder brauchen echtes Interesse und eine zugewandte ernsthafte Reaktion auf ihr Verhalten – oft Lob, manchmal Kritik –, das schafft Vertrauen.

 

Momentan gibt es ja generell eine große Unsicherheit in der Gesellschaft.

Ich glaube, dass das mit eine Rolle spielt. Weil wir Angst vor Verlusten jeglicher Art haben – etwa von kultureller Identität. Das versucht man dann im engsten Kreis zu schützen. Das ist ein richtiger Impuls, weil wir sind als Erwachsene ja auch zuständig für den Schutz unserer Kinder. Aber viele tun sich schwer, hier das Maß abzuschätzen. Und dann schießen sie über das Ziel hinaus, und statt den Kindern Interessen und Entwicklungsräume zu gewähren, schränken sie sie ein.

 

Zeitweise hat man den Eindruck, dass Eltern um ihre Kinder einen Kokon spinnen wollen.

Da spielen Ängst mit, seien sie nun real oder irreal. Eine ganz normale Reaktion auf Angst ist, das eigene Zugehörigkeitsgefühl zu verstärken. Bei manchen ist das dann halt dieser Rückzug in eine bestimmte Gruppierung oder auf eine bestimmte Sicht: Hier gehöre ich dazu, hier fühle ich mich zu Hause. Es ist aber interessanterweise nicht nur die Mehrheitsgesellschaft, die so reagiert, sondern auch die Zuwanderer.

 

Ist dieses Abschotten sinnvoll?

Wir werden zunehmend Kinder und Erwachsene brauchen, die mit einer diversen Gesellschaft kompetent umgehen können. Sinnvoll wäre es, Kinder zu ermutigen, mit Menschen anderer Kulturen, Sprachen und Hintergründe kommunizieren zu lernen.

 

Versagt die überfürsorgliche Elterngeneration in dieser Hinsicht?

Ich bin eine Gegnerin des modernen Elternbashings. Eltern sind zunehmend bereit, professionelle Unterstützung zu holen, wenn sie überfordert sind. Sie stehen vor großen Herausforderungen, was sie ihren Kindern an Werten mitgeben können, um in dieser sich so rasch wandelnden Zeit gut zurechtzukommen. Und das machen viele Eltern auch ganz großartig.

Steckbrief

Hedwig Wölfl ist Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums Möwe. Die klinische Psychologin ist spezialisiert auf den Bereich Kinderschutz.

?Feiner/BKA/OTS

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2016)

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