Erziehung: Wie wichtig sind Eltern?

Das Forscherpaar Sarah und Robert LeVine hat unterschiedlichste Erziehungsformen in aller Welt beobachtet. Ihr Rat an Eltern: Entspannt euch.

Symbolbild: Eltern.
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Symbolbild: Eltern.
Symbolbild: Eltern. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Umgang der jungen Frau mit ihrem Baby würde vermutlich in jeder westlich sozialisierten Mutter Horrorszenarien für die Zukunft des armen Kindes heraufbeschwören: Keines Blickes würdigt die junge Hausa-Frau ihren Nachwuchs, nicht einmal beim Stillen. Der Blickkontakt mit den engsten Verwandten ist aufgrund eines strengen Inzest-Regulariums des nigerianischen Hausa-Volkes untersagt. Auch darüber hinaus gibt es nur sehr eingeschränkten Körperkontakt, ehe das Kind im Alter von 18 Monaten zu entfernteren Verwandten gegeben wird.

Auch für die amerikanisch-britische Kindertherapeutin Sarah LeVine, die in unzähligen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zum Thema (frühkindliche) Erziehung geforscht hat, war diese spezielle Form des Mutter-Kind-Kontaktes die ungewöhnlichste und anfangs auch erschreckendste, die ihr in ihrem Forscherleben begegnet ist, wie sie erzählt.

Die Angst vor den Folgen des vermeintlich bindungslosen Erziehungsstils war aber offenbar unbegründet: Der junge Mann, den LeVine als Baby und auf seinem späteren Lebensweg beobachtet hatte, machte später in den USA seinen Doktor und wurde ein Mitglied der nigerianischen Regierung „ohne jeden ersichtlichen Schaden seiner geistigen Gesundheit“, wie LeVine in ihrem jüngst erschienen Buch „Do Parents Matter? Why japanese babies sleep soundly, mexican siblings don't fight, and american families should just relax“ berichtet. Auf Deutsch: „Wie wichtig sind Eltern eigentlich? Warum japanische Babys gut schlafen, mexikanische Geschwister nicht streiten und amerikanische Familien sich einfach entspannen sollten.“

50 Jahre Forschung. Gemeinsam mit ihrem Mann Robert, einem Anthropologen und emeritierten Harvard-Professor, berichtet sie darin von den Beobachtungen, die sie in fast 50 Jahren weltweiter Forschungsarbeit gemacht hat. Ihr wichtigster Rat an Eltern lautet: „Entspannt euch.“ Was keinesfalls heißt, dass die Forscher nachlässige oder fahrlässige Elternschaft propagieren, wie Robert LeVine der „Presse am Sonntag“ erzählt: „Natürlich haben wir auch Dinge beobachtet, die wir allein aus medizinischer Sicht für grundfalsch halten“, erzählt er, „beispielsweise die Tradition in einigen afrikanischen Völkern, den Neugeborenen die Vormilch zu verweigern oder in anderen die Überzeugung, dass tägliche Einläufe gut für die Hygiene und Gesundheit der Babys sind“.

Aber in Sachen emotionaler Gesundheit haben die LeVines so viele verschiedene, konträre und aus westlicher Sicht unvorstellbare Modelle der Kindesbehandlung gesehen, dass sie den gestressten Helikopter-Eltern westlicher Kulturen, die teilweise genauso überfordert sind wie ihre Kinder, vor allem eines ans Herz legen wollen: Gelassenheit. Denn so lange der Nachwuchs grundsätzlich genügend Aufmerksamkeit und Zuwendung bekomme, gäbe es tausend Wege und auch gänzlich gegensätzliche Systeme, die auf unterschiedliche Weise zum selben Ziel führen: jenem, emotional stabile und lebenstüchtige Erwachsene großzuziehen.

Haut- oder Blickkontakt? Dabei nehmen die LeVines ihre Leser mit auf eine spannende Reise durch die Erziehungswelten verschiedener Länder. So unterscheiden die LeVines unter anderem nach Skin-to-Skin und Face-to-Face-Kulturen, die nicht nur in ihrer Herangehensweise, sondern auch dem Ziel völlig konträr sind. Mit Face-to-Face bezeichnen die Forscher die klassische Interaktion mit Babys und Kleinkindern in Europa und den USA, bei denen die Eltern mit allerlei Grimassen und Lauten versuchen, das Baby zu stimulieren. Bei der Skin-to-Skin-Methode in zahlreichen afrikanischen oder asiatischen Ländern werden die Kleinkinder dagegen fast durchgehend am Körper getragen, meist ohne Augenkontakt, und hier liegt das Ziel darin, das Kind ruhig zu halten – um beispielsweise der Haus- oder Feldarbeit nachzugehen. Aber auch bei all den kleinen Dingen, vom Trockenwerden bis zum Umgang mit Trotzanfällen, sind die Unterschiede zwischen westlichen Industrienationen und afrikanischen oder asiatischen, teils agrarischen, Kulturen beeindruckend.

Sogar zwischen Bielefeld und Baltimore gibt es mitunter große Unterschiede, wie die LeVines mit dem Verweis auf eine Studie aus den 1970er-Jahren zeigen, nach der die amerikanischen Kinder viel mehr Körperkontakt brauchten und einforderten, als es für den deutschen Nachwuchs üblich war. In Mittel- und Südamerika schauen Eltern wiederum mit Unverständnis auf Geschwisterrivalitäten, die anderswo nicht nur geduldet, sondern sogar angespornt werden, während dort die Bindung zwischen den Kindern in einem großen Ausmaß gefördert wird.

Protest von Kinderärzten. Auch wenn es sich die meisten Eltern kaum vorstellen können: Mit einer Ausnahme haben die LeVines bei all den unterschiedlichen Systemen und Methoden keine auffallenden Defizite irgendeiner Art beim Nachwuchs feststellen können. Das fehlende Wissen darüber, dass viele unterschiedliche Wege auf der Welt zu selbstbewussten, resilienten, intelligenten Kindern führe, mache die heutigen Eltern so anfällig für die Beeinflussung und den Druck der Medien des eigenen Kulturkreises, sind die beiden überzeugt.

Genau deswegen wollen sie, selbst Eltern einer Tochter, mit dem Buch voller Erfahrungsberichte und Forschungsergebnisse aus aller Welt und fünf Dekaden etwas entgegensetzen. Seit dem Erscheinen ihres Buches vor zwei Monaten haben sie auch viel positives Feedback von Eltern bekommen, bei denen sich nach der Lektüre eine gewisse Erleichterung eingestellt hat. Mit Skepsis und Gegenwind konfrontiert sahen sich die LeVines dagegen von US-amerikanischen Kinderärzten. Denn obwohl das Buch sonst nicht wertet, propagieren die LeVines einen Faktor, der ihren Untersuchungen nach einen Unterschied bei der Kindererziehung macht: das sogenannte Co-Sleeping. „Physische Nähe ist einfach extrem wichtig“, betont Sarah LeVine, „und sorgt später für ein starkes Selbstbewusstsein.“ Weshalb beide dafür plädieren, Säuglinge und Kleinkinder im Bett oder zumindest im Zimmer der Eltern schlafen zu lassen – was US-Kinderärzte bis heute als Gefahr für Kleinkinder betrachten. Es gäbe schließlich immer wieder Unfälle, bei denen ein Elternteil sein Neugeborenes im Schlaf unabsichtlich erdrückt. Auch in Österreich lehnen viele Eltern das Co-Sleeping ab. Weniger aus Angst vor einem Unfall, sondern weil sie selbst in der Nacht ruhig schlafen wollen. Einige US-Ärzte haben sich nun in einem offenen Brief unter anderem in der „Los Angeles Times“ vehement gegen die Erkenntnisse der LeVines ausgesprochen. Was diese aber kalt lasse, wie sie erzählen. Denn den Rat zu mehr Gelassenheit nimmt sich das Ehepaar nach ihrem langen Forscherleben auch selbst zu Herzen.

Das Buch

„Do Parents Matter – Why japanese babies sleep soundly, mexican siblings don't fight, and american families should just relax“ – Von Sarah und Robert A. LeVine. Erschienen Ende September bei Perseus Book Group (272 Seiten, 19,99 Euro).

Für die Erkenntnisse in diesem Buch befragte das Paar Eltern und Soziologen aus vielen verschiedenen Ländern der Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2016)

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