Ein milder Frühlingstag Ende November: Es ist Samstagmittag – und die Ringstraßenbahnlinien stehen wieder einmal still. Dort, wo sonst Autos stauen, schweben glitzernde Seifenblasen. Es wird gepfiffen, gerasselt, geratscht, getrommelt – so als ob der bunte Zug den staunenden City-Touristen etwas ganz Besonderes bieten wollte. Die Stimmung ist gelöst, die Polizei entspannt, der Himmel blau. So sieht es aus, wenn Kindergartenpädagoginnen auf die Straße gehen. Immerhin: Den Dr.-Karl-Lueger-Ring haben sie erobert. Aber eben nur an einem Samstag. Das nächste Mal, so ihre „Vorstellung“, könnte es ein Montag sein. „Wenn's dann keinen Kindergarten gibt, steht die Stadt. Und dann steht das Land.“
Die Forderungen der Pädagoginnen sind ebenso umfassend wie klar umrissen: Mehr Geld. Mehr Personal. Kleinere Gruppen. Bessere Ausbildung. Die Gruppierung „Linkswende“ (diese steht dem Kapitalismus gelinde gesagt: skeptisch gegenüber) trägt ihren durchaus schnörkellosen Lösungsansatz per Transparent den Ring entlang: „Die Reichen sollen zahlen.“
Eine Pädagogin für 25 Kinder. Ein anderes von – sehr vielen – Transparenten (auf diesem Gebiet war man bei der Vorbereitung offenbar besonders emsig) bringt die Kindergarten-Misere auf den Punkt: „Eine Pädagogin für 25 Kinder auf 50 Quadratmetern von 6 bis 18 Uhr für Drei- bis Sechsjährige. Das ist der Istzustand.“ Per Megafon wird dazu passend gereimt: „15 Kinder (pro Gruppe, Anm.) sind genug. Alles andere ist Bildungsbetrug.“
In den Kindergärten gebe es einfach zu wenig Personal, sagt die mitmarschierende Kindergartenpädagogin Helga Scheibenhofer. Die Dienste der Betreuerinnen, die in Karenz gehen oder krank sind, müssten von anderen mitgemacht werden. Es bleibe zu wenig Zeit, um auf spezielle Bedürfnisse der Kinder – viele weisen sprachliche Defizite auf – einzugehen.
Nach 25 Jahren: 1300 Euro netto. Seit September, seit Einführung des „Gratis-Kindergartens“ in Wien, hat sich dieses Problem verschärft, zumal nun in Wien 2200 Kinder zusätzlich zu betreuen sind und die von der Stadt versprochenen Zusatzkräfte teilweise erst mit Verspätung in den Dienst aufgenommen werden können. Selbst Wiens SP-Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch gab kürzlich erstmals zu, dass es einen Mangel an Kindergartenpädagogen gebe. Schuld sei – natürlich – die 2006 abgewählte schwarz-blaue Regierung: „Sechs Jahre lang gab es keine Kindergartenmilliarde.“
Demonstrantin Helga Scheibenhofer – eine von schätzungsweise 2500 Personen, die gekommen sind – ist in einem Kindergarten in der Siebeneichengasse in Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) beschäftigt. Heuer feiert sie ihr 25-jähriges Berufsjubiläum. Sie verdient aktuell für 30 Stunden pro Woche 1300 Euro netto.
Als der Zug, der nicht nur viele Transparente, sondern auch viele Luftballons der Grünen (Eva Glawischnig begleitet die Demo) mit sich führt, vor dem Parlament eintrifft, bekommt ein bestimmtes Banner besondere Bedeutung: „Wir pfeifen auf lieb und nett sein. Zu uns ist auch keiner lieb.“ Gut möglich, dass diesem Slogan bald Taten folgen. „Stellt euch vor, am Montag sind die Kindergärten zu“, schmettert Selma Schacht von der GPA-Initiative für Menschen im Sozialen Dienst „Work@Social“ ins Mikrofon. Dann könnten allein in Wien „Zehntausende Eltern nicht zur Arbeit gehen, da sie ihre Kinder zu Hause betreuen müssten.“ Fazit (siehe oben): „Wenn wir einmal protestieren, dann steht die Stadt. Und dann steht das Land. Das ist unsere Handlungsmacht.“ Auch Selma Schacht spricht von Verteilung: „Das Bankenhilfspaket war so schnell geschnürt, dass man kaum schauen konnte. Wo bleibt das Unterstützungspaket für den Sozial- und Bildungsbereich?“
Anzunehmen, dass die Kindergartenpädagoginnen (die weibliche Form ist angebracht, zumal der Beruf zu 99,2 Prozent in weiblicher Hand ist) diese Frage auch Kanzler Faymann und Vizekanzler Pröll stellen werden – am 12. Dezember, wenn den beiden Herren auch gleich ein Forderungskatalog überreicht wird. Bis dahin bleibt Zeit, über die Worte des zur Demo gekommenen Kinderpsychiaters Ernst Berger nachzudenken: „Die Arbeitswelten der Kindergartenpädagoginnen sind die Lebens- und Lernwelten der Kinder.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2009)

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