Kalt ist ihnen. Und müde sind sie noch ein bisschen. Kein Wunder. Sie sind 14, 15, 16 und 17 Jahre alt. Sie sind Schüler. Und daher ist Samstag, zehn Uhr vormittags, für die meisten von ihnen eigentlich noch Schlafenszeit.
Dennoch opfern sie jetzt bereits freiwillig ihren vierten freien Tag, um sich zu „PECs“ ausbilden zu lassen: Peer-Ernährungscoaches. Der Grund ist ebenso einfach wie erschreckend: Ausnahmslos alle der 20 Teilnehmer sind in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis bereits mit Gleichaltrigen in Berührung gekommen, die unter Essstörungen leiden.
Für Larissa (15), Schülerin des Oberstufenrealgymnasiums in der Hegelgasse, waren es gleich zwei Fälle, die sie wachrüttelten. „Eine Freundin leidet mittlerweile an Bulimie“, sagt sie. „Und die andere ist wegen Anorexie in der Klinik gelandet.“ Was sie wirklich schockiert hat, war allerdings etwas anderes: „Ich habe nichts, wirklich überhaupt nichts davon bemerkt.“
Dass sie von den Essstörungen in ihrem Umfeld nichts bemerkt, kann Divya (14) nicht behaupten. Die Schülerin des Gymnasiums in der Klostergasse (Wien 18) sieht in ihrem Umfeld „ganz viele Mädchen, die alle abnehmen wollen, egal, wie dünn sie schon sind. Es ist wie ein Wettbewerb. Die eine sagt, dass sie wieder Kilos verloren hat. Und dann wollen alle anderen nachziehen.“
Wie soll man darüber reden? Auch Ulrich (15), einer von fünf Burschen, die an der Ausbildung teilnehmen, war geschockt, als eine seiner Mitschülerinnen an der Höheren Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe in der Wassermanngasse (Wien 21) so ernsthaft an einer Essstörung erkrankte, dass sie stationär aufgenommen werden musste. „Das hat mich bewogen mitzumachen“, sagt er. „Wir haben das schon bemerkt, es wusste aber niemand von uns, wie man mit ihr über das Thema reden sollte.“
Dass sie über das Thema Essstörung nicht reden können, wird den 20 Teilnehmern am Schulprojekt „PEC“ sicher nicht mehr passieren. „Sie sollen Ansprechpartner für alle in ihrer Schule werden, die hier ein Problem haben– und zwar auf Augenhöhe“, sagt Katrin Draxl, Psychologin und Psychotherapeutin bei Sowhat, einem Beratungs- und Informationszentrum für Menschen mit Essstörungen. Sowhat hat das Schulprojekt ins Leben gerufen– und finanziert es praktisch im Alleingang. Der Stadtschulrat winkte ab, der Fonds Gesundes Österreich gab schließlich doch Geld dafür. Gereicht hat es nicht, doch bei Sowhat ist man so von der Dringlichkeit des Themas überzeugt, dass „wir das jetzt halt auf eigene Rechnung machen“, sagt Draxl.
Sie weiß, wovon sie spricht. „Mein Kind isst nicht mehr“ ist der Stehsatz der besorgten Mütter, die sich in zunehmender Zahl an Sowhat wenden. „Wir haben mittlerweile pro Tag mindestens zwei Anrufe zu diesem Thema“, sagt Draxl. Das macht 730 Hilferufe im Jahr. „Und zwar nicht für 14- oder 16-Jährige. Wir reden hier bereits von Kindern im Alter von zehn.“ 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen neun und 15 Jahren machen sich Sorgen um ihre Figur, unabhängig vom tatsächlichen Körpergewicht. Ab einem Alter von zwölf Jahren haben sie durchschnittlich bereits drei Diäten versucht. „Die Diät ist die Einstiegsdroge“, sagt Martin Wögerbauer-Schreihans, der den Schulversuch zusammen mit Draxl und dem Team von Sowhat entwickelt hat.
Es ist eine Tatsache, dass Jugendliche mit Essstörungen sich schwertun, mit irgendjemandem über dieses Problem zu sprechen. Denn Teil des Krankheitsbildes ist es oft auch, dass die Umwelt geschickt hinters Licht geführt wird. Draxl etwa berichtet von magersüchtigen Mädchen, die plötzlich anfingen, aufwendige fünfgängige Menüs für ihre Familie zu kochen. Mutter, Vater und Geschwister waren begeistert, langten zu – und niemandem fiel auf, dass die Köchin selbst nichts zu sich nahm.
Gleichaltrige könnten ein wichtiger Schlüssel sein, um hier so manche gut verschlossene Tür zu öffnen. „In der Mediation hat sich der Peer-Ansatz gut bewährt“, sagt Draxl. Nun sollen die PECs als Anlaufstellen für Mitschüler mit Essproblemen fungieren, wobei zur Ausbildung auch gehört, den Rahmen abzustecken. „Ihr dürft euch nicht überfordern“, sagt die Psychotherapeutin Linda Billisich. „Eure Aufgabe ist nicht die Ernährungsberatung, ihr seid auch keine Therapeuten. Aber ihr könnt den Betroffenen helfen, Hilfe zu suchen, und ihnen raten, an wen sie sich wenden können.“
Coachen und kochen. Die 20 Schüler decken im Rahmen des PEC-Projekts eine breite Palette von Themen ab. Sie lernen über Körperwahrnehmung und Abhängigkeiten, über gesundes Essen und vielfältiges Kochen, über Kommunikation, Beratung und Gesprächstechniken. Gleichzeitig mit ihnen werden interessierte Lehrer ausgebildet. Dahinter steht der Masterplan, dass das Projekt irgendwann einmal zum Selbstläufer wird – und Lehrer die Ausbildung künftiger PECs an den Schulen übernehmen.
Bis es so weit ist, können sich die neuen PECs und interessierte Lehrer bereits in Kooperation üben. Teil der Ausbildung ist es nämlich auch, dass die Peer-Ernährungscoaches an ihren Schulen mit einem eigenen Projekt auf sich aufmerksam machen. Erlaubt ist, was gefällt – sei es ein Kochkurs oder die Präsentation des PEC-Konzepts. Dafür gibt's dann ein Diplom – und vielleicht das gute Gefühl, dass man einen Menschen gerettet hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)
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