Martin K. war zwölf, als er zum ersten Mal einem Paar beim Sex zugesehen hat. Es war recht einfach, erzählt der heute 18-jährige HTL-Schüler: Einen Computer im eigenen Zimmer gab es, und als die Eltern eines Abends aus dem Haus waren, steuerte K. – damals noch mit dem schlechten Gewissen, etwas Verbotenes zu tun – die Website an, von der ihm ein Schulfreund erzählt hatte.
Hinter Links wie „German blonde fucked hard“ oder „18 year old girl swallows all“ fand er ein schier unendliches Archiv an Sexvideos, der Großteil davon aus den USA und Osteuropa – „nichts Abartiges. Männer und Frauen, die es halt miteinander treiben“, in verschiedenen Stellungen. Die Seite besuchte K. recht oft, mehrmals pro Woche – über Jahre hinweg. Ob ihn der regelmäßige Pornokonsum in seiner sexuellen Entwicklung geprägt habe? Der Schüler zögert kurz, bevor er zugibt: „Wahrscheinlich schon. Was man so sieht, will man irgendwann auch einmal selber ausprobieren.“
Mehr als 30Millionen Websites serviert Google, wenn man heute nach „free porn“ sucht, nach Seiten, auf denen sich jeder User nach Belieben Videos anschauen oder Bilder herunterladen kann – ohne sich dafür registrieren oder gar bezahlen zu müssen. Ein Angebot, das Kindern genauso zugänglich ist wie allen anderen. Wo vor zwei Jahrzehnten noch die Aufklärungsseite der „Bravo“ oder gelegentlich, spätnachts auf Sat1, ein Softporno die einzige mediale Referenz zur Sexualität war, trennen heute nur ein paar Klicks von einem gewaltigen Fundus an pornografischen Bildern jeder Art.
„Klar haben die Burschen schon in der Volksschule irgendwelche Videos auf dem Handy gehabt. Mich interessiert das aber nicht“, sagt Melanie, eine 16-jährige Berufsschülerin. Auch die 17-jährige Lisa hält wenig von Pornos: „Ich finde das erbärmlich, wenn man sich einfach nackt auszieht und fickt. Das Schöne am Sex ist ja, dass Gefühle dabei sind.“ Die angehende Friseurin hat sich bereits als Elfjährige Pornos mit einer Freundin angesehen. „Das war aber nicht im Internet, sondern echte Filme aus dem Schrank ihres Vaters. Wir waren einfach neugierig und haben uns das zum Spaß angeschaut.“
Generation Porno. „Sex“: 2009 war das der Begriff, den Acht- bis Zwölfjährige am vierthäufigsten im Internet gesucht haben, an elfter Stelle der Statistik rangiert „Porn“. Bis zu ihrem 14. Geburtstag haben drei Viertel aller Buben und mehr als die Hälfte aller Mädchen zumindest ein Mal Pornos angesehen, geht aus der deutschen „Dr.-Sommer-Studie 2009“ hervor. 47Prozent der 1228 Jugendlichen, die für die Studie – die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum – befragt worden sind, geben an, sie könnten dabei „etwas lernen“.
Was für einen Einfluss hat es auf die Entwicklung junger Menschen, wenn sie schon Dutzende Hardcore-Pornos gesehen haben, bevor sie selbst erste sexuelle Erfahrungen machen? Die Palette an Extremfällen ist breit – sie reicht von neunjährigen Volksschülern, die Pornoszenen nachstellen und Videos davon in das Internet stellen, bis zu prüden Jugendlichen, die nichts mehr von Sex wissen wollen.
Ob der einfachere Zugang zu pornografischen Filmen das Sexualverhalten einer ganzen Generation verändert, lässt sich aber nur schwer sagen. Wissenschaftliche Daten gibt es nur spärlich: Einerseits gibt es die breite Nutzung des Internets durch Jugendliche erst seit so kurzer Zeit, dass langfristige Auswirkungen noch nicht abschätzbar sind – andererseits sind Daten nur durch Befragungen zu erfassen, weil jungen Menschen aus rechtlichen Gründen keine Pornos gezeigt werden dürfen, um Studien durchzuführen. Daher müssen sich Forscher auf Befragungen verlassen, deren Ergebnisse, den Sexualbereich betreffend, generell unter massiven Glaubwürdigkeitsvorbehalten leiden – und das noch mehr bei jungen Menschen.
Bereitschaft zum Ausprobieren. Wer am ehesten Auskunft über das neue Sexualbewusstsein junger Menschen geben kann, sind Menschen, die solche Fragen von Jugendlichen beantworten: zum Beispiel Wolfgang Kostenwein vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik. Er sieht Einflüsse des gestiegenen Pornokonsums: „Das merkt man an den Fragen. Die Jugendlichen fragen sehr anwendungsorientiert“, so der Sexualpädagoge. Die Standardfrage lautet nicht mehr: „Was bedeutet ,blasen‘?“, sondern: „Wie mache ich das richtig?“ – oder: „Wie schmeckt Samenflüssigkeit?“. Die Bereitschaft, Verhalten aus Pornofilmen auch im eigenen Leben auszuprobieren, ist jedenfalls vorhanden.
Ein weiteres Indiz dafür: Die Themen Oral- und Analverkehr haben bei der Sexualberatung in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. „Es geht weg vom eigenen Lustprinzip hin zur Erfüllung der Erwartungen, die von außen gesetzt werden“, so Kostenwein. Durch die standardisierten Drehbücher tausender Pornos – Sex in immer gleicher Choreografie verschiedener Stellungen vom Oral-, Vaginal- und Analverkehr bis zum „Cumshot“, bei dem der Mann seinen Samen über das Gesicht der Frau spritzt – bestehe die Gefahr, dass sich ein Bild vom „richtigen“ Sex einpräge.
Während junge Männer schon länger unter dem Erwartungsdruck gestanden sind, beim Sex alles richtig zu machen, gilt das inzwischen auch für Mädchen. „Manche Mädchen tun Dinge, die Burschen aus den Pornos kennen“, meint Kostenwein – legt aber Wert darauf, dass sich das nicht verallgemeinern lässt. Genauso wenig, wie es „die Jugendlichen“ gibt, gibt es „die Pornografie“. „Die meisten Jugendlichen sehen Pornos vor ihren eigenen sexuellen Erfahrungen. Wie man damit umgeht, hängt stark von der eigenen emotionalen Stabilität ab. Je instabiler, desto emotional vernichtender.“
Jugendliche differenzieren. Das betrifft aber bei Weitem nicht alle Jugendlichen, die im Internet Pornos konsumieren – auch nicht all jene, die es regelmäßig tun. „Man sollte die jungen Menschen nicht unterschätzen“, sagt Philipp Ikrath vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung. Auch wenn Erwachsene, die mit den Möglichkeiten und Einflüssen des Internets nicht so vertraut seien, argwöhnisch auf Kinder und Teenager schielen, die in Schulpausen Hardcoreclips per Handy austauschen: „Die meisten Jugendlichen sind so geschult im Umgang mit Medien, dass sie die Fantasie – die Pornos – von der Realität unterscheiden können.“ Und setzen dann beileibe nicht all das um, was in den Videos vorgeturnt wird.
Während in Pornos nämlich häufig ein bloß auf Sexualität fokussiertes Beziehungsbild vermittelt wird, lassen sich Österreichs Jugendliche nach wie vor Zeit mit dem „ersten Mal“. Sämtliche Studien zu dem Thema stimmen überein, dass Teenager hierzulande mit durchschnittlich 16 bis 17 Jahren zum ersten Mal Sex haben. Ein Wert, der zwar im internationalen Vergleich sehr niedrig ist, der sich aber seit rund 30 Jahren nicht geändert hat. Wie auch die Tatsache, dass das „erste Mal“ nach wie vor am häufigsten in einer längeren Beziehung passiert.
Diese Fakten – der stark gestiegene Pornokonsum einerseits, das klassische Erleben der eigenen Sexualität andererseits – offenbaren eine bemerkenswerte Dualität. Sandra, eine 17-jährige Berufsschülerin, bringt es auf den Punkt: „Die Burschen finden Pornos zwar cool, die eigene Freundin muss aber Jungfrau sein und soll sich nicht zu aufreizend anziehen.“
Erziehungsberaterin Martina Leibovici-Mühlberger spricht in diesem Zusammenhang von einer durch vermehrten Pornokonsum kommunizierten „Gebrauchssexualität“: „Das heißt, Jugendliche gehen locker mit Themen wie One-Night-Stands um. Dahinter verbergen sich konservative Werte. Bei der eigenen Beziehung wäre ein Seitensprung tabu“, so die Vorsitzende des Bundesverbands für Erziehungsberatung.
Soll heißen: Was im Porno, den sich Jugendliche zur Unterhaltung ansehen, geht, muss noch lange nichts mit der eigenen Beziehung, mit dem eigenen Sexualleben zu tun haben.
Vorbilder im Porno? Auch die Angst vieler Erwachsener, dass in der Pornografie ausschließlich überkommene Frauenbilder transportiert würden, die sich in den Hirnen junger Menschen einbrennen, ist in vielen Fällen unbegründet: „Die Geschichte ist komplexer. Es ist ja nicht so, dass es ausschließlich um Frauen geht, die gegen ihren Willen zum Sex gezwungen werden. Im Normalfall geht es um die immer lustvolle Frau und den männlichen Mann“, sagt Wolfgang Kostenwein, „auch wenn das provokant klingt, aber rein sexologisch gesehen ist das nicht unbedingt schlecht, vor allem für die Selbstsicherheit der Männer.“ Die würden in den Clips nämlich starke, rollenprägende Figuren wahrnehmen, die in manchen Aspekten als Vorbild dienen können.
Was sich freilich nicht für die gesamte Pornowelt sagen lässt: „In den letzten Jahren gibt es einen Trend zur Brutalisierung gegenüber Frauen in Pornos“, warnt Kostenwein. Der ständige Wettbewerb, dem die Anbieter von Millionen Porno-Websites im Internet ausgesetzt sind, hat zur Folge, dass viele Videos immer extremer, immer zugespitzter werden – und solche Angebote werden auch angenommen.
Warum, könnte eine Studie erklären, die der niederländische Kommunikationswissenschaftler Jochen Peter vor Kurzem veröffentlicht hat: In der Auswertung von Gesprächen mit mehr als 1000 Jugendlichen, die Pornos im Internet konsumieren, hat Peter festgestellt, dass die eigene sexuelle Zufriedenheit mit dem regelmäßigen Pornokonsum abnehme – was viele junge Menschen dazu bringt, noch mehr sexuellen Thrill im Internet zu suchen.
Peters Ergebnisse decken sich etwa mit den Ergebnissen der „Dr.-Sommer-Studie“, die attestiert, dass die Zufriedenheit deutscher Jugendlicher mit dem eigenen Körper in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist– in einem Zeitraum, in dem ihr Pornokonsum in die Höhe geschnellt ist.
Ist es also so, dass die Dauerverfügbarkeit von Pornos Erwartungen in nicht erfüllbare Höhen schraubt und so dem Sexualleben eher schadet als nützt? Man weiß es nicht. Denn auch Peters Studie erfasst, wie viele andere, keine längerfristigen Effekte des Pornokonsums. Was sich jedoch sagen lässt: Ja, Pornokonsum kann das Sexualleben verändern. Und nein, das muss nicht zwangsläufig schlecht sein.
Laut der „Dr.-Sommer-Studie“ der deutschen Jugendzeitschrift „Bravo“ haben bis zu ihrem 14. Geburtstag bereits 75 Prozent aller Buben und 64 Prozent aller Mädchen pornografische Bilder oder Filme gesehen. Der Konsum bei den ab 13-Jährigen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Der Großteil der Mädchen findet Pornografie beim ersten Kontakt abstoßend und will sie nicht mehr konsumieren. Burschen finden sie dagegen mehrheitlich erregend, 47 Prozent von ihnen denken, „daraus etwas lernen zu können“.
Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen sieht sich pornografische Bilder oder Filme mit Freunden oder in der Schule an.
Auch noch jüngere Kinder suchen im Internet nach pornografischem Material: Eine Auswertung von Suchanfragen aus dem Jahr 2009 durch den Softwareanbieter Symantec hat ergeben, dass bei Acht- bis Zwölfjährigen „Sex“ nach „YouTube“, „Google“ und „Facebook“ das vierthäufigste Suchwort ist, „Porn“ das elfthäufigste.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2010)
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