Anregende Räume unterstützen beim Lernen und stimulieren die Kreativität. Sie bieten Platz für Bewegung und Orte des Rückzugs, bestehen aus unschädlichen Materialien, riechen angenehm und fühlen sich gut an. Wenn die Beteuerungen, der Kindergarten sei keine Aufbewahrungsanstalt, sondern eine pädagogisch hochwertige Bildungseinrichtung, ernst gemeint sind, dann müssen Kindergärten diesem Anspruch auch in architektonischer Hinsicht Rechnung tragen. Ausgehend von politischen Beteuerungen, die institutionelle Kinderbetreuung auf ein höheres Niveau zu heben, darf man annehmen, dass hochwertige, ästhetisch anspruchsvolle Kindergarten- und Hortarchitektur Hochkonjunktur haben müsste. Tatsächlich trat aber die Frage nach adäquaten Räumlichkeiten weder im Zuge der Debatten um die Qualität und die Rahmenbedingungen der Bildung und Betreuung von Kindern im Vorschulalter noch im Zusammenhang mit Reformen des Schulwesens besonders in Erscheinung.
Container-Krippen. Angesichts des Zeitdrucks, unter dem viele Gemeinden zusätzlichen Kindergartengruppen Raum schaffen mussten, griff man öfter zu banalen als zu intelligenten Lösungen. Kindergärten in handelsüblichen Metallcontainern, wie sie zum Beispiel auf Baustellen zum Einsatz kommen, sind Usus. Ungefähr hundert Kindergartengruppen sollen etwa in Niederösterreich bereits in diesen Provisorien untergebracht sein. Laut Förderungsrichtlinien dürfen sie nur zwei Jahre bestehen. Angeblich sieht man in manchen Gemeinden darin aber durchaus ein längerfristig tragfähiges Modell. Mobile Kindergärten, kurz „Mobiki“ lautet die verniedlichende Bezeichnung der inadäquaten Boxen, die eben nicht nur der Verwahrung, sondern auch der pädagogischen Betreuung, Förderung und Bildung dienen sollen. Für die Gemeinden ist der Container auf den ersten Blick nicht unattraktiv: Die Baukosten sind niedriger als jene fixer Immobilien (wobei manche Fachleute daran zweifeln), die Errichtungszeit kürzer. Oft sei es so, ist aus Gemeinden und der Kindergartenförderstelle des Landes Niederösterreich zu erfahren, dass der Zuschuss des Landes die Kosten für die Container abdeckt, von der Gemeinde selbst dann nur noch das Grundstück bereitzustellen und dessen Aufschließung zu leisten ist. Sobald doch irgendwann ein neuer Kindergarten gebaut wird, kann die Gemeinde die nun in ihrem Besitz befindlichen Container anderweitig, zum Beispiel für Sportplatzumkleidekabinen, einsetzen. Auch wenn sich die Pädagogen redlich bemühen, das unwirtliche Ambiente mit Pflanzen, Textilien und Selbstgebasteltem halbwegs freundlich zu gestalten, lassen sich grundsätzliche Mängel, wie nicht kindgerechte Parapethöhen, starre Raumgrößen sowie suboptimale klimatische, akustische und atmosphärische Bedingungen damit nicht beheben.
Voraussetzung für einen Kindergarten, der mehr kann, ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Kindergartenleitung und Planungsteam auf Augenhöhe. Das braucht gewiss etwas mehr Planungszeit als ein dekorierter Baucontainer, schließt aber eine akzeptabel kurze Bauzeit nicht aus. Das Architektenteam Dietrich-Untertrifaller hat anno 1992 in Lauterach ein Holzbausystem entwickelt, das dem ursprünglich vorgesehenen temporären Metallcontainer erfolgreich Konkurrenz machte und vom Provisorium zur permanenten Lösung wurde. Das Modell wurde gemeinsam mit den Architekten Schluder/Kastner weiterentwickelt und kam sogar bei Wiener Kindertagesheimen zum Einsatz. Eine rasche Umsetzung war auch in Rohrendorf bei Krems gefragt, wo Gabu Heindl einen der wenigen wirklich überzeugenden neuen Kindergärten in Niederösterreich geplant hat. Pur und ungekünstelt sind die Materialien, aus denen sie den jüngsten Gemeindeeinwohnern in nur fünf Monaten Bauzeit ein anregendes zweites Zuhause schuf: geölter Eichenparkett und Sichtbeton innen, Lärchenholz an der Fassade. Tiefe, bodennahe Fensternischen dienen als Rückzugsorte mit Gartenblick oder als Minibühnen. Zusätzliches Licht kommt von oben durch die Shed-Dächer oder durch „Lichtkamine“ in die Nebenräume, die dadurch zu beliebten meditativen Räumen zum In-den-Himmel-Schauen wurden. Die Holzfassade ist mehr als nur Verkleidung. Sie bildet eine zweite Schicht, die Nischen, Bänke, Sitzgelegenheiten, Abstellräume beinhaltet. Hier können die Kinder unter dem auskragenden Dach witterungsgeschützt die Jahreszeiten erleben und haben Gelegenheit, taktile Erfahrungen zu machen.
Kinderkubus. Eine Ausnahme unter den Kinderbetreuungsstätten gelang auch dem Architekten Hannes Wiesflecker mit dem Schülerhort Kaysergarten in Innsbruck. Obwohl direkt an einer stark befahrenen Straße gelegen und zu dieser hin überwiegend transparent in Glas gehalten, taucht man im Inneren nicht nur dank der attraktiven Landschaft im Hinterland sofort in eine animierende und großzügige Welt für Kinder. Der Kubus aus Sichtbeton und Glas vereint eine gewisse Robustheit mit lässigem Chic. Gedeckte Freibereiche im Erdgeschoß, eine große geschwungene Terrasse, die im Obergeschoß in den Garten überleitet und ein Freibad – das ist weit mehr, als man von üblichen Hortgebäuden gewohnt ist. Die drei Gruppenräume lassen sich mit Vorhängen vielfältig unterteilen und sind in unterschiedlichen Hölzern ausgeführt – Akazie, Eiche und Ahorn. „So lernen die Kinder zumindest drei Holzarten kennen“, führt Wiesflecker neben dem atmosphärischen Effekt auch noch ein kleines Bildungsziel an. Stadt und Natur sind im Haus präsent. Dieser Hort ist keine von der Öffentlichkeit und der Welt der Erwachsenen abgeschottete Anstalt, sondern ein im Stadtquartier sichtbarer Ort. Dem Selbstbewusstsein der Kinder und ihrer Identifikation mit der Stadt ist das gewiss zuträglich. Kann das nicht immer so sein?