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"Hubschraubereltern": Das rundum überwachte Kind

05.02.2011 | 18:05 |  von Sara Gross und Doris Kraus (Die Presse)

Immer mehr Mütter und Väter liebäugeln auch in Europa mit dem US-Trend der elektronischen Überwachung, um dem Nachwuchs auf der Spur zu bleiben. Keine gute Idee, warnen Psychologen.

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Europas Eltern treibt die Angst um. Vor allem die urbane Mittelklasse, die sich nicht mehr viele Kinder leistet, für diese aber nur das Beste will, schränkt aus lauter Sorge um das Wohlergehen des Nachwuchses immer mehr Freiräume ein. Während in grundlegenden Erziehungsfragen oft ein regelrechter „Mummy War“ tobt, herrscht bei einem Thema seltene Einigkeit: Sicherheit geht vor – und sie soll möglichst absolut sein. Mit drastischen Konsequenzen, vor allem für Stadtkinder: Sind sie unter zehn Jahren, werden sie selten allein aus dem Haus gelassen, der Volksschulweg wird oft bis zur vierten Klasse gemeinsam absolviert, erst ab der frühen Pubertät wird die Rund-um-die-Uhr-Präsenz von Erwachsenen gelockert. Im Gegenzug erwarten viele Eltern allerdings, dass ihre Kinder jederzeit auffindbar sind. Am leichtesten geht das per Handy.

In den USA hat sich um diese Angst der sogenannten „Hubschraubereltern“ bereits eine Überwachungsindustrie entwickelt, die auch in Europa zunehmend auf Interesse stößt. Diverse Gadgets ermöglichen es Eltern, ihr Kind mit technischer Hilfe zu überwachen, wenn es unterwegs ist. Dabei helfen vor allem GPS-Sender, die mittlerweile beinahe überall eingebaut werden. Im Internet finden sich schnell unverdächtig wirkende Armbanduhren, Schlüsselanhänger, Schmuck- und Kleidungsstücke. Das Prinzip ist einfach: Der Sender zeichnet die Koordinaten des Trägers auf und übermittelt sie an die Eltern.

Das funktioniert übrigens längst auch mit Handys. Vor allem Smartphones mit dem Betriebssystem Android oder iPhones eignen sich zur unauffälligen Überwachung. Am iPhone dient die entsprechende Funktion eigentlich dem Auffinden des Geräts, wenn es verloren gegangen ist oder gestohlen wurde. Damit lässt sich selbstverständlich aber auch der Aufenthaltsort des Nutzers ermitteln. Um die Funktion zu aktivieren, muss lediglich die kostenlose App „iPhone-Suche“ installiert und aktiviert werden.

Mit Android können Kinder sogar auf Schritt und Tritt in Google Maps verfolgt werden. Dafür sorgt der Google-Dienst „Latitude“, eine Art Social Network. Nutzer des Dienstes können den Aufenthaltsort ihres Handys in Google Maps für Freunde freigeben. Besorgte Eltern müssen Latitude also nur unbemerkt auf dem Gerät ihrer Kinder aktivieren – das Programm läuft dann einfach im Hintergrund. Unangenehm könnte es allerdings werden, wenn der überwachte Nachwuchs dem Trick auf die Schliche kommt.

Im Unterschied zu Handys bieten dezidierte Kinderüberwachungsgeräte wie die GPS-Uhr Num8 aber erweiterte Funktionen, die beinahe an elektronische Fußfesseln erinnern. Bewegt sich der Träger aus einer vorher festgelegten „Sicherheitszone“ hinaus, wird auf dem Überwachungsgerät – einem Handy oder einem PC – Alarm geschlagen.

Kontrolle schädigt Selbstvertrauen. Psychologen warnen eindringlich davor, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch sinnvoll ist. „Wenn man Kindern permanent signalisiert, dass man sie schützen muss, zeigt man ihnen auch, dass die Welt nicht allein bewältigbar ist. Und das ist fatal“, sagt die Psychologin und Pädagogin Aloisia Hollerer. Kindern würde dadurch die Möglichkeit genommen, ein ihrem Alter gemäßes Selbstvertrauen und Eigenverantwortung zu entwickeln.

Immer mehr Kinder und Jugendliche reagieren auf die zunehmende Beschränkung ihrer Freiräume mit der Flucht in eine virtuelle Welt, in die ihnen viele Eltern oft aufgrund ihrer „medialen Inkompetenz“ (Philipp Ikrath vom „Institut für Jugendkultur“, siehe Interview) nicht mehr folgen können. Eine Umfrage der Europäischen Union ergab, dass sich mittlerweile 75Prozent aller Sechs- bis 17-Jährigen regelmäßig im Internet tummeln. Der Anteil reicht dabei von 94 Prozent in Finnland bis zu 45 Prozent in Italien. Österreich liegt mit 77Prozent im Mittelfeld. Laut Aloisia Hollerer haben immerhin zwei Prozent aller Sechsjährigen unbeschränkten Zugang zum Internet – für sie eine „absolute Vernachlässigung der Erziehungspflicht“.

Die EU, die auf diese Entwicklung bis 2013 mit einer Investition von 55Millionen Euro in die Internetsicherheit reagieren will, erhob auch, wie sehr Europas Eltern den Teufel fürchten, den sie nicht kennen. 60 Prozent sorgen sich, dass ihre Kinder Opfer von „Online-Grooming“ werden könnten, bei dem sich eine Person mit einem Kind oder Jugendlichen in der Absicht des sexuellen Missbrauchs anfreundet, 54 Prozent haben Angst vor Mobbing im Netz. Fälle wie der eines 13-jährigen Kärntners, der sich vergangenes Jahr umgebracht hat, nachdem er via Facebook gemobbt worden ist, schüren diese Angst noch mehr.

Um ihren Kindern auch im Internet auf der Spur zu bleiben, greifen viele Eltern auf spezielle Programme zurück. Diese werden meist von etablierten Herstellern von Sicherheitssoftware angeboten. Fast alle versprechen Schutz vor unangemessenen Webseiten und E-Mails, lassen Eltern zusätzliche Filter einrichten und bieten meist die Möglichkeit, Chats nachzulesen oder Protokolle von Suchanfragen anzufertigen.

Der Software-Anbieter Norton etwa lässt mit seinem „Online Family“-Programm gleich mehrere Kinder überwachen. Für jedes kann ein bestimmter Zeitrahmen festgelegt werden, in dem das Internet genutzt werden darf. Für die Kleinsten können auf Wunsch nur ganz bestimmte Webseiten freigeschaltet werden, und Eltern können sich von dem Programm benachrichtigen lassen, wenn bestimmte Begriffe gegoogelt werden.

Schlauer als die Eltern. Hundertprozentig verlassen sollte man sich aber nicht auf den Schutz durch solche Software-Angebote. Die EU hat im Jänner 26 Programme testen lassen und ist zu einem ernüchternden Urteil gekommen: Mit modernen Herausforderungen im Netz kann keines davon umgehen. Die Rede ist von Echtzeitkommunikation in Social Networks wie Facebook oder SchülerVZ. Bei keinem der getesteten Programme funktionierten die Filter in diesen Netzwerken. Sperren ließe sich der Zugang zu ihnen zwar mit den meisten Programmen – viele Kids sind aber längst firm genug, solche Blockaden zu umgehen.

Trotz des schlechten Zeugnisses kann es in den meisten Fällen dennoch nicht schaden, Sicherheitsprogramme zu verwenden – ein Mindestmaß an Kontrolle bieten die meisten von ihnen. Die EU hat die Ergebnisse ihres Tests in eine Datenbank einfließen lassen, die alle sechs Monate aktualisiert werden soll. Eltern können dieses Verzeichnis nach bestimmten Kriterien – etwa dem Alter der Kinder – durchsuchen, um das passende Programm zu finden (http:// www.yprt.eu/sip/).

Spezielle Personensuchmaschinen können zudem helfen, ein Auge auf die Web-2.0-Aktivitäten des Kindes zu haben. Anbieter wie Yasni oder 123People sammeln alle zu einem Personennamen im Internet öffentlich verfügbaren Informationen. Hier kann überprüft werden, wie viel Kinder zum Beispiel auf Facebook öffentlich über sich preisgeben. Oft ist das den Kids selbst gar nicht bewusst, da die Privatsphäre-Einstellungen oft kompliziert und undurchsichtig sind.

Totaler Schutz ist Illusion. Mit einem müssen sich Eltern allerdings abfinden, sagt Aloisia Hollerer: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass man Kinder vor allem und jedem behüten und beschützen kann.“ Je eher man zu diesem Schluss komme, umso größer sei der Gefallen, den man seinen Kindern (und sich selbst) tue. Ortung und Überwachung von Kindern und Jugendlichen erinnere zu sehr „an Intensivstation oder Sicherheitsdienst“: „Damit wird permanent die niederschwellige Botschaft gesendet: ,Ich vertraue dir nicht.‘“

Die alternative Empfehlung – und da sind sich Kinderpsychologen selten einig – ist, den aufwendigen Weg zu gehen und selbst bei den schwierigsten Themen Kontakt mit den Kindern zu halten – „auch in dem Alter, in dem Kinder so herrlich ruhig zwei Stunden vor dem Computer sitzen“. „Eltern, die mit Kindern immer wieder über ihre Erweiterungsbedürfnisse gesprochen, das zugelassen und ihnen stückweise Vertrauen geschenkt haben, werden auch viel von dem erfahren, was die Kinder im Netz tun.“ Denn Kinder seien durchaus bereit zu sagen, was ihnen Spaß und was ihnen Sorgen macht. Allerdings unter einer Bedingung: dass die Eltern nicht ganz in ihre Welt eindringen.

(c) Die Presse / JV

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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15 Kommentare
Gast: Hyper Real
07.02.2011 15:36
1 1

Die Mauer wird bei mir ganz hoch gezogen

Ich ziehe nur die Konsequenzen aus einer desaströsen Wien-Politik. Sicherheit, Abschottung, Privatschule, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Es geht alles, wenn man will. Die wollten es so. Können sie haben...

Gast: Big Mama
06.02.2011 18:06
1 0

Ist Eltern-sein eine Krankheit der Intelligenz?

Eine sehr interessante Version versteckte Werbung für nutzlose Erfindungen zu machen. Die Geräte wurden erst einmal erfunden und produziert. Jetzt sucht man krampfhaft nach einer Verwendung. Man behauptet einfach die Eltern hätten nur darauf gewartet dieses Zeug zu kaufen. Eltern sind die Lieblingsidioten der Presse, aber nicht nur. Selbst in professioneller Fachliteratur werden gerne Eltern bespielhaft für alles Negative eingesetzt. Keine andere Gruppe würde sich das gefallen lassen. Sofort würde die Nazikeule geschwungen.
Es wird einem dabei kaum bewusst, dass es sich bei Eltern nicht um einen bestimmten Typ Mensch handelt, sondern um völlig durchschnittliche Menschen die eben gerade ein minderjähriges Kind haben. Warum sollten die Menschen in dieser Zeit dümmer sein als davor und danach? Das macht doch wirklich keinen Sinn. Aber ein praktischer Joker sind Eltern immer, wenn man ein schlechtes Beispiel braucht.

Gast: Kibietz
06.02.2011 17:40
0 1

Sicherheit auf Kosten der Freiheit

Das kann nicht hutgehen da den Menschen in der Regel die Freiheit mehr Wert ist.
Da es sowiso keine totale Sicherheit gibt sondern nur totale Kontrolle sollte man diesen Weg nicht beschreiten.

Allerdings würde ich den Eltern sagen die soviel Angst um Ihre Kinder haben: Bekommt erst keine. Ihr schädigt die Psyche der Kinder mehr als ein Kinderschänder.

Antworten Gast: Schwarzkappler
07.02.2011 15:38
0 0

Re: Sicherheit auf Kosten der Freiheit

Es gibt auch keine totale Kontrolle!

Gast: pferdekopf
06.02.2011 17:29
1 0

gar nicht so schlimm

find das garnicht so schlimm,daß die "helecopters"ihre kinder schon auf den zukünftigen überwachungsstaat vorbereiten.

Gast: Klanggenie
06.02.2011 11:20
2 1

Gebt der Gesundheit keine Chance!

Kranke Eltern haben vermutlich bald kranke Kinder. Und die tragen den Überwachungswahn dann noch weiter in die Welt. Ich mach mir nur Sorgen um meine Kinder, die ich zur Gewährleistng ihrer seelischen Gesundheit mit Überwachung verschone. Irgendwann werden sie sich aber vor der Kindern der Überwachungskranken Eltern fürchten müssen. Es sind leider immer die Gesunden, die vor den Kranken fürchten müssen. 1984 war vor einigen Jahren ein Horrorszenario. 2001 hat es schon lange übertroffen.

Antworten Gast: rai
06.02.2011 18:41
0 0

Re: Gebt der Gesundheit keine Chance!

zuviel hesse und orwell gelesen??

mistral_56
05.02.2011 23:02
1 0

traurig!


Gast: Erich FZ2
05.02.2011 21:59
1 5

Verstrahlung der Kinder?

Die ganz Handyüberwachung und Handytelefoniererei läuft über Mikrowellenfunk. Die Mütter wissen einfach nicht, was sie ihren Kindern da antun.

Antworten Anonymous
06.02.2011 15:49
1 0

Re: Verstrahlung der Kinder?

Die halbe Welt hat nun seit 15 Jahren ein Handy in der Hosentasche. Wenn das tatsächlich irgendwelche negativen Auswirkungen hätte, würde es schon bekannt sein. Selbst wenn sich die Auswirkungen erst nach 40 Jahren zeigen sollten: bei ein paar Milliarden Menschen gibt es einen Ausreißer nach unten. Ist sowas bekannt?

Antworten Antworten Gast: Kibietz
06.02.2011 17:49
0 0

Re: Re: Verstrahlung der Kinder?

Es ist mittlerweile erwiesen das Elektronik und Funk das Gehirn beeinträchtigen kann (Elektrosmog). Besonders Anfällig sind Gehirne im Jugendalter bis sie voll entwickelt sind.
Deswegen wird die Signalstärke der Handys permanent nach unten geregelt von Gesetzgeber und Hersteller.
In den sicherheitshinweisen der meisten Handys steht auch das man ers beim Verbindungsaufbau nicht ans Ohr halten solle beim Verbindungsaufbau.
Bei Langzeittelefonierern (länger als 1 Stunde) wurde festgestellt das sich die Hirntemperatur langsam aber stetig erhöht.
Uber Langzeiteffekte kann man noch nichts sagen was nicht heisst das nichts passieren könne.
Asbest wurde Jahrzehntelang als "Wundermaterial" gelobt bis man herausfand das es stark Krebserregend ist.

Antworten Antworten Antworten Gast: ein Wissender
08.02.2011 14:09
0 0

Re: Re: Re: Verstrahlung der Kinder?

absoluter Schwachsinn

Handys an sich passen die Ausgangsleistung an die Entfernung zum Handymasten an, um möglichst wenig Energie zur Übertragung zu verbrauchen. (maximal ca 2 Watt Ausgangsleistung)

Die Hersteller regulieren die Ausgangsleistung der Handys nach unten, ebenfalls um Energie zu sparen, sofern die Übertragungsqualität gleich bleibt und um Inferenzen mit anderen Sendern in diesem Frequenzbereich zu reduzieren.

Elektrosmog gibt es nicht. Es gibt lediglich elektromagnetische Felder.

Elektromagnetische Wellen sind erst ab einem gewissen Energieniveau gefährlich, da sie dann die Atome und Moleküle verändern können. Aber erst UV-Licht ist dazu in der Lage dies zu tun, deswegen ist es im Übermaß auch Krebserregend.

Sollten sie sich vor diesen bösen elektromagnetischen Wellen fürchten, so sollten sie auch wieder Kerzen benutzen, denn auch das sichtbare Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen. Mit einer ca 100.000 mal so großen Frequenz wie GSM. Eine durchschnittliche 60 Watt Birne müsste nach ihrer Logik, ja schon eine richtige Massenvernichtungswaffe sein.


Gast: gast2352
05.02.2011 20:52
3 0

Gute Idee

Bin dafür, unseren Hi-Fi, Häupl, Faymann, Darabos, Grasser und Konsorten mit GPS Sendern auszustatten.
Nur so können wir sicherstellen, dass sie in der Dienstzeit nicht vom rechten Weg abkommen.

Antworten Gast: rathausl
08.02.2011 14:11
0 0

Re: Gute Idee

Beim Häüpl wären die digitalen Spuren vermutlich spiralenförmig (außer wenn er mit dem Dienstwagen kutschiert wird).

Antworten mistral_56
05.02.2011 23:03
2 0

Re: Gute Idee

vom "linken" Weg *gg*

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