Asperger-Syndrom: "Ich verstehe Gefühle nicht"

Die neunjährige Maria leidet unter dem Asperger-Syndrom. Sie ist einerseits hochbegabt, anderseits verhaltensauffällig. Eine Kombination, die Österreichs Schulsystem überfordert.

AspergerSyndrom verstehe Gefuehle nicht
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AspergerSyndrom verstehe Gefuehle nicht
Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com

Maria (Name geändert) ist ein aufgewecktes Mädchen mit strahlend blauen Augen, die ihr Gegenüber stets genau beobachten. In diesem Blick fehlt jedoch die Unbekümmertheit, die andere Kinder an den Tag legen. Maria betrachtet ihre Gesprächspartner nicht nur, sie analysiert sie angestrengt. Die neunjährige Tirolerin leidet am sogenannten Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus.

Diese seltene Wahrnehmungsstörung führt dazu, dass Betroffene Gestik und Mimik anderer nicht interpretieren können. Es fehlt ihnen sowohl das Einfühlungsvermögen in sich selbst, als auch in andere. Marias Mutter erinnert sich an ein Gespräch mit ihrer Tochter, in dem diese fragte: „Mama, ich versteh‘ die Menschen nicht. Wie merkt man, wenn jemand freundlich ist?“ Nachdem sie ihrer Tochter erklärt hatte, dass man dies von einem Lächeln oder dem sanften Ton einer Stimme ableiten kann, sagte Maria: „Komisch, ich merke das nicht.“ Dann grübelte sie kurz und fragte verunsichert: „Mama, bin ich unfreundlich?“

Asperger-Patienten fehlt die intuitive Fähigkeit, nonverbale Kommunikation richtig zu interpretieren. Sie müssen sie wie eine Fremdsprache erlernen. Dieses Manko führt dazu, dass sie von ihrem Umfeld oft als eigenbrötlerisch oder unfreundlich wahrgenommen werden. Für die Familie ist das extrem belastend, wie die Mutter erzählt: „Maria schreit sehr viel und unvermittelt. Jede Veränderung im gewohnten Ablauf ist eine Katastrophe für sie.“ Auf Außenstehende wirkt das oft verstörend, die Familie hat sogar Freunde verloren, weil diese mit Marias Verhalten nicht zurechtgekommen sind.

Auch Maria selbst hat damit zu kämpfen. Jeder Kontakt zu Gleichaltrigen fällt ihr schwer, auch wenn sie sich nichts mehr wünscht, als Freundinnen zu haben. Als Schutz vor der unverständlichen Welt da draußen vergräbt sie sich in ihre Welt, die Welt der Bücher. Asperger-Patienten weisen in der Regel Spezialbegabungen auf, wie das bei Autisten oft der Fall ist. Was in einer Hinsicht fehlt, ist in der anderen über die Maße vorhanden. Albert Einstein, so wird vermutet, hatte Asperger, ebenso wie Steven Spielberg oder Bill Gates.
Von der Umwelt abgeschottet. Maria ist sprachlich extrem begabt. Im Alter von nur vier Jahren brachte sie sich praktisch selbst das Lesen bei, mit acht Jahren sprach sie nach einem Australien-Urlaub plötzlich fließend Englisch. „Das geht so weit, dass wir das Lesen zu Hause reglementieren müssen, sonst würde sie sich komplett von der Umwelt abschotten und nichts anderes mehr tun“, sagt die Mutter. Allein in den Semesterferien hat die Neunjährige 13 Wälzer verschlungen. „Im Moment lese ich am liebsten klassische Literatur und Krimis“, sagt Maria ganz selbstverständlich.

So beeindruckend diese Spezialbegabung auf Außenstehende auch wirken mag, das Asperger-Syndrom ist dennoch eine schwere Krankheit, die für Betroffene und deren Umfeld eine enorme Belastung darstellt. Offiziell gilt Maria deshalb als zu 50 Prozent behindert. Wenngleich das Mädchen mit diesem Etikett ganz und gar nicht glücklich ist. „Ich bin nicht behindert“, wirft sie wütend ein, „ich fühle mich auch nicht krank. Nur manchmal etwas anders.“

Dass ihre Tochter anders ist, war den Eltern schon vor Marias Schuleintritt klar. Deshalb entschieden sie sich gegen eine Regelschule und für die private Montessorischule „Schulgarten“ in Telfs. Eine Entscheidung, die der Innsbrucker Psychologe Mario Draxl, bei dem Maria in Behandlung ist, nachvollziehen kann: „Das System Schule ist für Asperger-Kinder immer schwierig, weil sie nach ihren eigenen Regeln lernen wollen.“ Nach über 20Jahren Berufserfahrung weiß Draxl, dass betroffene Kinder aufgrund ihres schwierigen Sozialverhaltens in Sonderschulen abgeschoben oder vom Unterricht suspendiert werden.

Um ihrer Tochter dieses Schicksal zu ersparen, wählten Marias Eltern die Privatschule und zahlen seitdem monatlich 250Euro Schulgeld. Für die Familie eine große finanzielle Belastung. Doch trotz allen Engagements der Lehrerinnen im Schulgarten bräuchte Maria eine zusätzliche Stützlehrkraft. Denn immer noch kommt es zu Situationen, in denen etwa ein unbekannter Geruch oder ein unvorhersehbares Geräusch – Asperger-Patienten sind extrem empfindlich auf solche Sinneseindrücke – Maria völlig aus der Bahn wirft. Weil Maria eine Privatschule besucht, bleibt ihr diese Stützlehrkraft aber verwehrt. Das Land Tirol, das Stützlehrer zuteilt, ist für Privatschulen nicht zuständig. Auf Nachfrage war dazu weder vom Landesschulrat noch von der Bildungsabteilung des Landes Näheres zu erfahren. Weil, so unisono: „Wir sind nicht zuständig.“ Würde Maria eine Regelschule besuchen, wäre die Stützlehrkraft kein Problem.


Recht auf Schule. Für Marianne Schulze, Vorsitzende des UN-Monitoringausschusses zur Einhaltung und Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in Österreich eine ebenso absurde wie bezeichnende Situation: „Gemäß der UN-Konvention hat jedes Kind ein Recht darauf, die Schule zu besuchen, die seinen Bedürfnissen entspricht.“ Das würde auch, so Schulze, das Recht auf einen Stützlehrer in der Privatschule umfassen. Doch momentan sieht es danach aus, dass Maria weiter ohne diese Hilfe auskommen muss.

Diese Form des Autismus ist nach dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger benannt, der das Syndrom 1944 beschrieb. Die Krankheit bleibt oft unerkannt oder wird erst spät – im Alter von acht, neun Jahren oder später – diagnostiziert. Asperger-Patienten haben eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz, sind aber im Sozialverhalten auffällig.

In der Regel betrifft ihre Behinderung die sozialen Fähigkeiten. Ein Charakteristikum ist, dass die Betroffenen „Gesichter nicht lesen können“, das heißt die Mimik und Gestik nicht interpretieren können. Auf der anderen Seite weisen viele Betroffene Spezial- bzw. Inselbegabungen auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011)

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